Havelberg l Zum letzten Konzertabend vor der Sommerpause hatte der Havelberger Kulturverein „Kunst im Rathaus“ eingeladen. Wieder einmal zeigte sich, dass die Verantwortlichen im Vorstand den Geschmack des Publikums getroffen hatten. So sah man neben der zunehmenden Anzahl der Stammbesucher auch viele neue Gesichter und der Rathaussaal war, trotz reichlicher Bestuhlung, fast bis auf den letzten Platz besetzt. Und dies trotz sommerlicher Temperatur und hervorragendem Gartenwetter!

Zu Gast war dieses Mal das Theater der Altmark Stendal (TdA) mit seinem „Liederabend für Otto Reutter: Ick wunder mir über jar nischt mehr“. Es sollte eine Erinnerung, eine Hommage an den berühmten Altmärker werden und nicht, wie der junge Schauspieler Andreas Müller gleich zu Beginn betonte, eine Imitation. Und wirklich gelang den beiden jungen Schauspielern – als weibliches Pendant Linda ­Lienhard mit starker Mimik und ausdrucksvoll variabler Stimme – mit der musikalischen Unterstützung des ebenso jungen Pianisten Jakob Brenner ein abwechslungsreicher, eigenständiger und faszinierender Musik-, Theater- und Kabarettabend mit sehr viel Flair und Schwung.

Nun hätte man sich – kleine Kritik am Rande – doch ein bisschen mehr Information über jenen Friedrich Otto Pfützenreuter vorstellen können, dem schließlich bei seiner Geburt im altmärkischen Gardelegen die Bühnenkarriere nicht gerade in die Wiege gelegt wurde. Dass ein kleiner kaufmännischer Gehilfe aus der Provinz es als Otto Reutter zum Star im Berlin der 20er Jahre schafft, geliebt vom Publikum und anerkannt auch von kritischen Kollegen, ist ja nicht gerade alltäglich. Und dass seine Lieder noch nach hundert Jahren nicht nur gehört, sondern auch gesungen werden – das hätte er sich wohl erst recht nicht träumen lassen.

In Havelberg fesselten die jungen Akteure ihr nicht mehr ganz so junges Publikum von Anfang an. Sie begannen mit einem überraschend rasanten Auftritt als streitendes Paar und führten – schauspielerisch sehr anspruchsvoll – durch bekannte und unbekannte Lieder der zwanziger Jahre, dieser kulturellen Hochblüte in politisch und wirtschaftlich so schwieriger Situation in der deutschen Hauptstadt Berlin. Immer wieder gab es einen kleinen, dezenten Ausblick ins Heute, und immer wieder konnten witzige Passagen zum Lachen reizen. Mimik und Gestik waren ausgefeilt, aber nie routiniert. Linda Lienhard kann strahlen, als ginge die Sonne auf, und sie kann singen: einmal kräftig-frech, ein anderes Mal zart-anrührend und geradezu ergreifend. Natürlich sind die Texte Kabarett vom Feinsten, griffig und zweideutig, so wie es sich gehört. Und auch die Melodien sind nicht ohne Grund zu Evergreens geworden: Schließlich hat Otto Reutter mit den seinerzeit profiliertesten Musikern wie Paul Godwin zusammengearbeitet. Ganz wunderschön gelangen die romantischen Stücke: „Ich tanze mit dir in den Himmel hinein“ und „Eine kleine Sehnsucht“.

Dass viele der Lieder den Zuhörern seit ihrer Kinderzeit bekannt waren, ja dass schon ihre Eltern mit diesen Melo­dien groß geworden sind, diese Erinnerung schuf zusätzlich eine besondere Atmosphäre. Überhaupt die Havelberger Zuhörer: Sie waren nicht nur begeistert, sondern sie ließen sich vom Bühnengeschehen einbinden, und sie sangen hier und da – leise und klangschön – mit. Aber wer könnte auch bei „Wer schmeißt denn da mit Lehm“ still zuhören?