Schönhauser Sportfrauen

Auf dem Weg in die Olympiastadt Tokio

Von Anke Schleusner-Reinfeldt
Im Sommer, als die Corona-Zahlen nicht so hoch waren, konnten sich die Frauen treffen – als Wiedersehensgeschenk gab es einen Mund-Nasen-Schutz, den Gabi Bos für alle einheitlich genäht hatte. Foto: Bos

Schönhausen

Die Puste geht ihnen noch lange nicht aus! Sie laufen, radeln, walken und kommen Stück für Stück voran auf dem 9200 Kilometer langen Weg nach Tokio. Jetzt sind sie mit 7275 Kilometern Höhe China schon fast in Sichtweite der Insel im Pazifischen Ozean. Die Vorfreude wächst – nicht nur, weil das Ziel bald erreicht ist, sondern weil es auch jemanden gibt, der sie in Tokio begrüßt.

Die Schönhauser Frauensportgruppe unter Leitung von Gabi Bos trifft sich montags in der Turnhalle. Eigentlich. Die Corona-Einschränkungen lassen das Beisammensein in großer Gruppe nun schon über ein Jahr nicht zu. „Machen wir doch etwas gemeinsam mit gleichem Ziel, wenn auch nur auf Abstand“, dachte sich Gabi Bos zu Beginn des Jahres, als sich abzeichnete, dass so schnell keine Rückkehr zu den wöchentlichen Sportabenden möglich ist. Da kam eine Anregung des Sportvereinsvorsitzende Steffen Braunschweig gerade recht. Der rief die Preußen zu Gemeinschaftsaktionen auf. Mit gutem Beispiel voran gingen unter anderem die Tangermünder Saxonen, die sich auf den Weg nach Mallorca gemacht hatten. Schöne Idee, die sich mitzumachen lohnt! „Aber wohin?“ Antwort auf diese Frage fand Gabi Bos schnell: Tokio! Also Brief an die Sportfrauen geschrieben und verteilt, am 1. Februar erfolgte der Startschuss.

Schönhauserin lebt jetzt in Japan

Warum eigentlich Tokio? Zum einen macht sich die Stadt für die Olympischen Spiele bereit und zum anderen gibt es jemanden, den die Schönhauserinnen besuchen können. Denn die Tochter von Sportfrau Christel Guderjan, Manuela, lebt mit ihrer Familie in Tokio. Im März 2020, als sich Corona ausbreitete, wanderte die bei Hamburg lebende Familie etwas eher als geplant mit dem letzten Flieger, der nach Japan startete, aus. Nicht für immer, aber zumindest ein paar Jahre. Der Schwiergersohn arbeitet für eine Firma, die weltweit medizinische Geräte vertreibt und in Tokio ihren Sitz hat. Die in Schönhausen aufgewachsene Manuela ist im Homeoffice tätig. Die beiden Kinder, sieben und zehn Jahre alt, besuchen in Tokio eine deutsche Schule. „Das Leben dort hat sich auch unter Corona-Bedingungen normalisiert, alle Einrichtungen sind offen und man kann auch in Urlaub reisen“, erzählt Christel Guderjan. Zu Weihnachten waren Manuela und Familie zu Besuch in Deutschland, eigentlich sollten Christel und Frank Guderjan zu diesem Zeitpunkt ins ferne Asien reisen, was aber nicht möglich war. So muss das nächste Treffen in Deutschland warten bis zu den Sommerferien. Virtuell „treffen“ sich Guderjans natürlich regelmäßig vor dem Laptop sitzend.

Auch der Rückweg zu Fuß oder per Rad

Als Manuela vom Besuch der Schönhauserinnen, von denen sie viele von früher kennt, in Tokio hörte, war sie natürlich begeistert. Sie möchte ihnen vom vorübergehenden Zuhause erzählen, von den immer freundlichen, zurückhaltenden Menschen, die so begabt sind beim Gestalten jeglicher Verpackungen aus Papier.JapanischeWillkommenspartyWann genau dieses „Treffen“ stattfindet, ist noch ungewiss. Denn eigentlich wollten die Sportlerinnen rechtzeitig zu Olympia da sein. Aber die Spiele starten erst im Juli – bis dahin sind sie längst da. „Vielleicht machen wir einen ganz langen Urlaub in Tokio oder aber wir machen uns nach einem ausgiebigen Stadtbummel, anstatt wie geplant mit dem Flugzeug wieder zu Fuß oder mit dem Rad auf den Rückweg. Das schaffen wir!“, ist sich Gabi Bos sicher. Und dann zurück in Schönhausen kann es vielleicht nicht „nur“ ein virtuelles Treffen geben, sondern eine richtiges asiatische Willkommensparty, wenn die Japaner im Sommer zu Besuch an der Elbe sind.

Motivation und Zusammenhalt

Aber bevor die Zielankunft geplant wird, heißt es erst einmal weiter, sich anzustrengen. Die Preußen-Frauen laufen, walken und radeln ihrem Ziel entgegen. Jeden Sonntag melden sie die Zahlen an Gabi Bos. Dafür wurde extra eine Whats-App-Gruppe eingerichtet. „Es macht richtig Spaß, die Ergebnisse zusammen zu tragen“, zeigt sie die Tabellen, die sie angelegt hat. Ein paar Sportlerinnen werfen ihr die Ergebnisse auch auf Papier geschrieben in den Postkasten – immer mit einem herzlichen Gruß. „Genau das ist es, was wir neben der sportlichen Betätigung erreichen wollten: Zusammenhalt! Den Kontakt nicht verlieren. Gemeinsam an einem Ziel arbeiten.“ Reinhilde Modest bestätigt das: „Es ist einfach ein schönes Gefühl zu wissen, dass andere auch unterwegs sind. Da geht man auch schon mal ein paar Schritte mehr oder fährt ein paar Kilometer weiter.“

Alteste im Team ist die 87-jährige Christel Degenkolb. Sie geht Runden um den Sportplatz und radelt. „Sie macht so manchem Jüngeren noch was vor“, ist Gabi Bos stolz auf das so agile Mitglied der Gruppe, die auch bei dieser Aktion so viel Zusammenhalt zeigt.