Sandau l In den letzten Jahrzehnten diente das leerstehende Gebäude mit seinen zerstörten Fensterscheiben und dem undichten Dach dutzenden Schwalbenpaaren als Brutstätte, viele ihrer Nester sind in den teils verwüsteten Zimmern zu finden. Am Fußboden liegt unter anderem eine „Sport-Bild“ aus dem Jahr 1991, welche berichtet, dass die Bayern Frankreichs Libero kaufen. Türen sind bekritzelt und zerfallen zusehends. Ein Wunder, dass die Schrottdiebe in all den Jahren hier nicht zugeschlagen haben – gusseiserne Radiatoren sowie so ziemlich alle Küchengeräte aus der einstigen Gaststätte befinden sich noch in dem Gebäude. Etliche Jahre lang hatte die Bahn einen Käufer gesucht – und dieser hat sich jetzt gefunden.

Sein Name Ruud Engelse verrät schon mal: er ist kein Deutscher. Aber der Niederländer hat sich in Sandau verliebt, die kleinste Stadt in Sachsen-Anhalt. Er hält sich seit 2015 im Elbestädtchen auf.

Über Auktion nach Sandau gelangt

Wie er darauf stieß? Für seine Firma hatte der Bau- und Installationshandwerker über ein Berliner Auktionshaus ein Wohnhaus in Thüringen erworben. Quasi als Zugabe gab es ein Fachwerkhaus in der Sandauer Schleusenstraße – für einen unschlagbar niedrigen dreistelligen Betrag.

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Gemeinsam mit seiner Partnerin Hetty van Dellen hatte er das Häuschen nach und nach liebevoll saniert, zumeist geschah dies in Eigenregie. Sogar die beiden Kinder fassten mit an und helfen nach Kräften.

Alle sprechen deutsch

Wenn die Zeit es gestattet, ist die Familie, zu der auch zwei Kinder gehören, in Deutschland an der Elbe. Bei öffentlichen Aktionen der Feuerwehr wie dem Aufstellen des Maibaumes oder dem Tag der offenen Tür sind die Holländer anzutreffen, auch gibt es gute Kontakte zu den Nachbarn. Und: Alle sprechen recht gut deutsch.

Beheimatet ist die Familie in West-Friesland, anderthalb Kilometer vom Wattenmeer entfernt. Eine Tour mit dem Auto an die Elbe ist immerhin 580 Kilometer lang. Mittelfristig will die Familie aber in Sandau Fuß fassen.

Ein Arbeitszimmer ist bereits hergerichtet

Ruud Engelse hat „goldene Hände“, was ihm beim Umbau der Häuser sehr zugute kommt. Im Bahnhofsgebäude hat er seit September schon mal ein Zimmer aufgeräumt und als provisorischen „Arbeitsraum“ hergerichtet, diverse zerstörte Fenster verschlossen – auch wegen der ungebeten „Untermieter“ – und draußen den Rasen gemäht. Beim Aufräumen fiel ihm auch ein alter Fahrplan in die Hände.

Seit September 1909 fuhr ein Zug nach Sandau – ein gewaltiger Fortschritt! Am 1. August 1993 stellte die DB Regio den Personenzugverkehr zwischen Schönhausen und Sandau ein, es nutzten nur noch wenige den Zug. Danach gab es eine Weile Schienenersatzverkehr mit Bussen. Die offizielle Stilllegung der Strecke erfolgte am 20. Dezember 1997.

Firma mit Internetshop

Seit seinem 18. Lebensjahr ist er handwerklich tätig, lange hat er in Rumänien und Bosnien gearbeitet, zuletzt in Polen. Hier hatte er für ein Behindertenprojekt einen Pferdestall errichtet, Stichwort „therapeutisches Reiten“. Seine kleine Firma betreibt auch einen Internetshop. Er kann mauern, Dächer decken sowie Fenster und Türen einbauen. Also alles, was man halt so für den Umbau benötigt.

Bei seinem neuesten Projekt in Sandau hat er einiges vor. Im Dachgeschoss soll eine Wohnung entstehen, darunter sieben Pensionszimmer. Denn der Elberadweg führt direkt am Bahnhof vorbei – der Weg verläuft hier ja zum Großteil auf der alten Gleistrasse. Auch früher hatten Mieter in dem Gebäude gewohnt, zuletzt waren es drei Familien.

Café oder Gaststätte im Erdgeschoss geplant

Wie früher soll im Erdgeschoss des alten Bahnhofes wieder eine Gaststätte oder ein Café eingerichtet werden. Ältere Sandauer hatten Ruud Engelse berichtet, dass damals die im Bahnhof kredenzte Soljanka der Renner war. Ebenso Bockwurst und Kartoffelsalat.

Zum Bahnhofsgebäude gehören 15 000 Quadratmeter Land – ein Stück des alten Bahnsteiges gab es gratis dazu. Auf dem Areal soll später auch noch ein Campingplatz entstehen. Der Lokschuppen gehört im Übrigen nicht dazu, er hat einen anderen Besitzer.

Dass Ruud Engelse jetzt schon das Dach neu eindeckte, geschah nicht ganz freiwillig: Zwei Wochen, nachdem er die Immobilie erworben hatte, flatterte ihm ein Brief vom Landkreis ins Haus. Wann er denn endlich gedenke, das defekte Dach zu reparieren, wollte die zuständige Stendaler Behörde wissen. Bei einem Haus, was 23 Jahre lang leer stand und wo sich niemand weiter drum gekümmert hatte!

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