Abschied von Schule

Bos: „Tolle Kollegen haben mich gestärkt“

Die Schönhauser Grundschulleiterin Gabriele Bos geht in Ruhestand. Sie erzählt von ihren Erinnerungen und Wünschen.

Von Anke Schleusner-Reinfeldt

Wenn Sie an den Abschied am Freitag denken – was überwiegt: das lachende oder das weinende Auge?

Gabriele Bos: Im Moment weiß ich das noch gar nicht so genau. Ich denke, beides hält sich die Waage. Ich habe hier an unserer Grundschule eine wunderschöne Zeit erlebt mit rund 2600 lieben Grundschülern – jetzt schmunzeln wohl einige Leser –, netten, helfenden Eltern, verständnisvollen Partnern aus dem Dorf, mit Bürgermeistern und Gemeindevertretern, die stets ein offenes Ohr hatten, wenn es um schulische Belange ging. Und von Beginn meiner Tätigkeit an hatte ich immer ein starkes, tolles Kollegium hinter mir. Das hat auch mich gestärkt. Ganz klar, dass bei diesen Erinnerungen wohl wirklich Tränen fließen werden. Doch ich habe den Entschluss ja selbst gefasst, zu gehen. Einfach, weil es an der Zeit ist, weil ich mein berufsfreies Leben gemeinsam mit meinem Mann und den Enkelkindern genießen möchte. Ich glaube, ich bin nicht der Mensch, der ohne Arbeit unglücklich ist. Ich freue mich sehr auf die kommende Zeit.

Wie hatte Ihre berufliche Laufbahn begonnen?

1973, nach dem Studium, wurde mir der Einsatzkreis Havelberg zugewiesen. Das passte gut. Mein erstes Vorstellungsgespräch hatte ich bei Herrn Hirschberger in Klietz. Dieser Einsatzort war mir sehr angenehm und ich freute mich auf den Start ins Berufsleben. Doch kurzfristig wurde in Schönhausen ein Lehrer benötigt. Also, zweites Vorstellungsgespräch bei Herrn Schülke. So ganz glücklich war ich nicht über die Änderung meines Einsatzortes, denn nun sollten ja meine ehemaligen Lehrer meine Kollegen werden. Hinzu kam, dass ich nicht in der Unterstufe eingesetzt werden konnte, so wie meine Ausbildung war. Ich wurde Klassenleiterin einer 5. Klasse und musste Deutsch und Sport in der Oberstufe bis Klasse 8 unterrichten. Das war echt nicht das, was ich wollte. Doch ich hatte ganz schnell gemerkt, hier bist du richtig, die Arbeit macht dir Spaß. In dieser für mich nicht ganz einfachen Zeit habe ich aber auch für mich viel mitgenommen. Und meine Ängste waren völlig unbegründet. Ich bin herzlich aufgenommen worden und wurde vom ersten Tag an als Kollegin akzeptiert.

Welche Erinnerungen haben Sie an die Zeit, als mit der Neuformierung des Schulsystems die Grundschule hier im ehemaligen Krippengebäude eingerichtet wurde?

Komisch, diese Erinnerungen sind noch so klar vor meinen Augen. Der Baubetrieb „Vereinte Kraft“ hatte gewirbelt, um in kürzester Zeit die Krippe zur Grundschule umzubauen. Kaum einer hatte damals daran geglaubt, dass der Einzugstermin vor der Einschulung gehalten werden kann. Wir Lehrer, Hortnerinnen, Sek­retärin, Reinigungskraft und Helfer aus unseren Familien haben noch am letzten Tag geschrubbt, gewischt, Schränke zusammengebaut und eingeräumt. Herr Rockhausen, der damalige Bürgermeister, hatte immer an uns geglaubt und uns den Rücken gestärkt. Ach, es war schön.

Die unmittelbare Nähe zum Kindergarten und Hort ist sicher ein positiver Fakt ...

Ich habe die Nähe dieser drei Einrichtungen mal als „kleines Kinderzentrum“ bezeichnet und das ist es wirklich. Die Kita-Kinder kennen das Schulgebäude, sie nutzen die Turnhalle, die Hortkinder haben kurze Wege, der Spielplatz von Schule und Hort wird gemeinsam genutzt, die Lehrer können Pausen für Absprachen mit den Erzieherinnen nutzen und auch ich konnte schnell mal rüberlaufen, um wichtige Dinge abzusprechen.

Langjährige heimische Schönhauser Lehrerinnen und aus Hämerten und Havelberg dazu gekommene Pädagogen sind zu einem guten Team zusammengewachsen?

Wir Langjährigen kennen nicht nur uns, sondern auch unsere Familien. Es herrscht einfach eine familiäre Atmos­phäre. Es wird nicht immer ins gleiche Horn geblasen und es wird auch gestritten. Doch letztendlich kann sich jeder auf den anderen verlassen und jeder ist für den anderen da. Und die Neuen, die zu uns kamen, die passten einfach zu uns.

Gibt es bauliche Dinge, die noch verbessert werden müssten?

Na sicher gibt es immer etwas, was verbesserungswürdig ist. Aber bauliche Vorgaben kosten auch Geld, und das ist ja bekanntlich knapp. Ich wünsche mir, dass endlich der neue Kindergarten gebaut wird, dann kann es auch für die benötigten Klassenräume weitergehen.

Seit zwei Jahren ist die Wuster Grundschule Außenstelle von Schönhausen. Lässt sich die Leitung zweier Schulen einfach unter einen Hut bringen?

Die Übernahme der Wuster Schule zur Außenstelle war kein Problem, es war eine Herausforderung und der habe ich mich gestellt, so gut ich konnte. Mein Bestreben war es, dass wir alle Schüler, Lehrer und Eltern trotz der räumlichen Trennung schnell zusammenwachsen. Natürlich ist die Leitung einer Schule unter einem Dach leichter und spart Zeit. Für einen gewissen Zeitraum schafft man das, aber es darf kein Dauerzustand werden.

Die Wuster Eltern haben den Fortbestand der Außenstelle für weitere zwei Jahre, in denen hier in Schönhausen gebaut wird, erkämpft. Ganz ohne Sorge betrachten Sie das nicht ...

Die Freude bei den Wuster Eltern ist verständlich. Denn wer kämpft, will auch gewinnen. Jetzt muss weiter um Lehrerstunden gekämpft werden. Die uns zugewiesenen Stunden reichen einfach nicht, um den Unterricht am Lehrort Wust abzusichern. Auch den jahrgangsübergreifenden Unterricht sehe ich mit Besorgnis. Normalerweise werden dafür Kernstunden benötigt, in denen die Schüler auch in ihrem Jahrgang lernen können – auch die sind nicht da. Eine Schilderung der momentanen Situation mit Stundenaufschlüsselung habe ich der Arbeitsgruppe Bildung des Landtages über Chris Schulenburg zukommen lassen. Nun können wir nur hoffen.

Sie kennen ja die Pläne mit der Umgestaltung des Kindergartens zu Klassenzimmern. Werden die Lernbedingungen dann optimal sein?

Ich denke, die Planer haben aus der vorhandenen Bausubstanz funktionelle Klassen und Horträume entstehen lassen. Große, helle Räume werden entstehen. Ich freue mich für die Schüler und für die Lehrer und Erzieherinnen.

Ab Freitag müssen Sie den Wecker nicht mehr stellen. Wie werden sie die viele Freizeit ausfüllen?

Viele haben mir diese Frage in der letzten Zeit gestellt. Ich hatte noch gar nicht die Muße, darüber nachzudenken. Vielleicht wollte ich das auch gar nicht. Aber ich bin mir sicher: Langeweile werde ich nicht haben – geht doch allen Rentnern so.

Wenn Sie Bildungsministerin wären: Welche Dinge würden Sie umgehend umsetzen?

Eine einheitliche Bildungsstruktur in ganz Deutschland schaffen; Ruhe und Stetigkeit in die Bildungsarbeit bringen und nicht nach jedem Regierungswechsel mit Veränderungen daherkommen; mehr Personal für die Erfüllung der umfangreichen Aufgaben im Schulwesen einsetzen sowie Einsatz der Pädagogischen Mitarbeiter/innen mit pädagogischer Ausbildung im Unterricht als Vertretungsreserve mit gerechter Bezahlung.

Wagen wir den Blick in die Glaskugel der Schule: Was sehen Sie in zehn Jahren?

Ich sehe fröhliche Mädchen und Jungen und höre Kinderlachen, sicherlich von nicht mehr so vielen Schülern wie jetzt. Und dazwischen stehen Lehrer, die alle zehn Jahre älter geworden sind. Oh, oh, die meisten sind dann über 60 Jahre. Aber vielleicht kommt noch ein junger dynamischer Absolvent nach Schönhausen, wer weiß ... Könnte ja sogar ein ehemaliger Schüler sein, so wie ich es damals war. Den Kindern und den Lehrern würde ich es wünschen.