Volksstimme: Seit einem Jahr sind Sie nun Bürgermeister von Schollene, im März 2017 hatten sie sich gegen zwei Mitbewerber um das Amt durchgesetzt. Welches Fazit ziehen Sie?

Jörg Wartke: Es war schon ein schweres Jahr. Denn ich bin ja in die Lokalpolitik, die ich bis dato nur aus der Zeitung kannte, so reingerutscht und musste mich erst einmal reinfuchsen. Dabei waren mir Verbandsgemeindebürgermeisterin Steffi Friedebold und auch die Amtsleiter Martin Schröder und Ulf Wabbel wichtige Partner. Auch die Gemeindesekretärin Sandra Schluricke ist mir eine sehr große Hilfe. Ich schätzte mal, dass ich 80 Prozent von dem, was ich als Ehrenamtlicher Bürgermeister so wissen muss, inzwischen drauf habe. Kommunalpolitik ist ja ein sehr komplexes Thema. Da ich aus der freien Wirtschaft komme, handele ich manchmal anders, als die kommunalen Gesetze das so vorsehen – daran muss ich mich wohl oder übel gewöhnen.

Bürgermeisteramt und Arbeit lassen sich gut unter einen Hut bringen?

Das klappt erstaunlich gut. Ich bin meistens zweimal pro Woche in Gemeindebüro und treffe mich einmal pro Woche mit den Gemeindearbeitern, um alles abzustimmen. Ich kann mein Arbeitszeiten entsprechend verlagern, so dass ich das alles gut eintakten kann, auch die Teilnahme an den Bürgermeisterrunden im Verwaltungsamt. Und wenn ich mal einen Termin nicht wahrnehmen kann, springt mein Stellvertreter Sebastian Heinike ein. Den Sportverein allerdings habe ich schon vernachlässigt. Deshalb werde ich als Vorsitzender des SV Blau-Weiß Schollene bei der Wahl am Freitagabend auf der Jahreshauptversammlung auch nicht mehr antreten. Aber Sektionsleiter Fußball möchte ich schon bleiben, weil das ein schönes Hobby ist, das ich nicht missen möchte. Wichtig ist, dass meine Frau hinter mir steht und mir den Rücken frei hält.

Wieviel kann man als letztes Glied in einer langen Kette von Bund, Land, Kreis, Verbandsgemeinde und zuletzt Gemeinde überhaupt bewirken?

So traurig das klingt: gar nichts! Alles steht und fällt mit dem Geld. Es ist einfach kein Geld da. Und das haben wir nicht. Die Forderungen anderer an uns als Gemeinde sind so hoch, da bleibt nichts mehr übrig. Diese Abgaben vor allem an die Verbandsgemeinde müssen rapide sinken und auf das Niveau von vor vier, fünf Jahren kommen –nur dann ist vielleicht wieder Licht am Ende des Tunnels. Oft tritt man als Gemeinde wirklich auf der Stelle. Die Pflichtaufgaben müssen wir wahrnehmen. Aber wir können auch nicht bei allen freiwilligen Leistungen streichen. Den Jugendklub beispielsweise müssen wir erhalten, denn die Jugend ist die Zukunft von Schollene!

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Welchen Ausweg sehen Sie aus der Misere?

Man muss bei der Verbandsgemeinde genau überdenken, wofür man Geld ausgibt. Das müssen wir zu Hause im privaten Haushalt auch. Feuerwehrautos beispielsweise müssen meiner Meinung nach nicht nigelnagelneu sein, sondern es reichen gute Gebrauchtfahrzeuge, die um einiges billiger sind. Und das Land muss einfach wirksam werden und die Kommunen angemessen mit Finanzen ausstatten, damit sie nicht weiter ausbluten.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit der Verbandsgemeinde?

Sehr gut. Wenn ich Fragen habe, hilft man mir weiter. Manchmal wartet man etwas länger auf Antwort, aber sie kommt, da kann ich mich nicht beklagen.

Haben Sie mit dem Kämmerer erste Absprachen zum Haushalt 2018 getroffen?

Noch nicht. Aber all unsere Wünsche sind zusammengetragen. Dazu habe ich auch mit den Gemeindearbeitern gesprochen, was dringend gebraucht wird. Diese Daten gehen jetzt an den Kämmerer, der dann den Entwurf erstellt. Aber das ist sicher: Die Verschuldung auch von Schollene wird weiter anwachsen, das ist schon absehbar.

Wofür bräuchten Sie eigentlich dringend Geld?

Ach, da gibt es eine ganze Menge. Beispielsweise bräuchten wir ein Carport am Bauhof. Denn Maschinen stehen bei Wind und Wetter draußen. Wir müssen unsere Technik aber gut pflegen, denn für Neuanschaffungen ist ja kein Geld da. Die Schulküche müsste dringend renoviert werden. Die Mauer am Friedhof ist eingefallen – schön sieht das nicht aus. Und bei den Mietwohnungen muss auch dringend etwas passieren, damit uns die Mieter nicht verloren gehen. Leider haben wir gar keine Rücklagen.

Bleibt Geld für die Vereinsförderung?

Gar nicht. Im Gegenteil: Ich bin froh, dass die Vereine die Gemeinde so stark unterstützen. Der Sportverein hat das defekte Dach an der Kegelbahn reparieren zu lassen. Auch der Zaun am Sportplatz ist repariert. Eigentlich müsste es ja umgekehrt sein. Denn die Vereine halten das Leben auf dem Dorf aufrecht. Wenn ich da beispielsweise an den Heimatverein mit dem Weihnachtsmarkt und dem Mühlenfest denke oder an den Förderverein mit dem Spielplatz – so etwas kann sich die Gemeinde gar nicht leisten. Als nächstes aktiv ist der Feuerwehr-Förderverein mit der Osterveranstaltung. Die große Eiersuche ist bei den Kindern und das gemütliche Beisammensein am Osterfeuer bei den Erwachsenen sehr beliebt.

Die Lindenstraße und auch andere Straßen in Schollene und den Ortsteilen sind nicht in bestem Zustand. Ist an eine Erneuerung in naher Zukunft zu denken?

In der Lindenstraße nicht. Aber mit dem Wegeneubau und neuen Straßenentwässerung im Drosselweg, Finkenweg, Meisenweg und Schwalbenweg, die ja noch Sandwege sind, geht es zumindest auf dem Papier voran. Da läuft jetzt die Vorplanung. Auch hier ist alles von den Kosten abhängig. Denn es werden Ausbaubeiträge fällig. Und da kommen nicht nur auf die Anlieger, sondern auch auf uns als Gemeinde Kosten zu.

Hat sich das Problem mit der Müllentsorgung in Karlstal gelöst?

Nein. Immer noch werden die Tonnen nach Ferchels zur Bushaltestelle bugsiert. Das ist mit den gelben Tonnen an mehreren Stellen ein Problem. Wir bemühen uns, die Forderungen bei der Befahrbarkeit der Wege einzuhalten.

Der neue Besitzer der Brauerei wird weiter investieren, um einen Ausflug nach Schollene lukrativ zu machen. Was tut die Gemeinde, um Touristen den Erholungsort schmackhaft zu machen?

Ich begrüße die Initiative der Brauerei sehr. Bis nächstes Jahr sind wir staatlich anerkannter Erholungsort und werden den Titel dann auch neu beantragen – das ist wichtig für die Werbung. Es gibt schon Einiges, gerade unsere Natur, was wir den Gästen bieten können.

Bewirbt sich Schollene auch dieses Jahr um den Titel „Unser Dorf hat Zukunft“?

Da setzen wir aus und sehen dann in den nächsten Jahren weiter.

Was ist mit den 1000 Euro Gewinn vom vergangenen Jahr geworden?

250 Euro haben wir für einen Liedernachmittag ausgegeben. Der Rest ist für die Hebebühne genutzt worden. Denn wir mussten Ende letzten Jahres nach den Stürmen etliche Bäume verschneiden.

Dieses Jahr gibt es wieder ein Gemeindefest unter Regie der Kirchgemeinde. Welche Pläne dafür wurden schon geschmiedet?

Alle Vorsitzenden treffen sich am 4. April um 19 Uhr im Gemeindebüro zu weiteren Absprachen. Auch, wie wir den 1070. Geburtstag von Schollene in diesem Jahr würdigen. Schön, wenn wieder alle Vereine zusammen etwas auf die Beine stellen.

Natura 2000 wird auch für den Schollener Bereich entlang der Havel Einschnitte mit sich bringen. Was wird mit der schönen Badestelle an der Havel und den Wanderwegen und Aussichtspunkten?

Endgültig ist ja da noch nichts. Mündlich hat das Landesverwaltungsamt aber zugesichert, dass Badestelle befahrbar bleiben. Auf der Lanke bis zur Waschhausbrücke kann man, wenn auch nur mit Muskelkraft, auch weiterhin mit dem Boot fahren. Wichtig ist, dass das Spazierengehen an der Havel gewährleistet sein, auch das Angeln. Leider ist der Müll an der Badestelle und auch an diversen Rastplätzen ein großes Problem. Das kostet nicht nur Geld, sondern auch die Zeit der Gemeindearbeiter.

Es gibt doch etliche junge Familien, die in Schollene ihre Zukunft sehen. Was tut die Gemeinde, um junge Leute zu halten beziehungsweise zurück „nach Hause“ zu holen?

Wir als Gemeinde haben in Schollene noch fünf Baugrundstücke, die wir natürlich am liebsten an junge Leute verkaufen. Das Leben hier ist auch lukrativ: Wir haben Vereine, eine Verkaufsstelle, Fleischer, Arzt und Zahnarzt, Kindergarten, KfZ-Werkstatt ... Rathenow mit dem perfekten Bahnanschluss nach Berlin ist auch nur ein paar Kilometer entfernt.

Worauf freuen Sie persönlich sich 2018?

Auf eine Woche Urlaub mit unseren drei größten Enkelkindern. Sie kommen gern nach Schollene, wir verbringen viel Zeit miteinander und erkunden die Region. Generell freue ich mich, wenn mir Arbeit und Bürgermeisteramt Zeit für mein Hobby, den Fußball, lassen. Als Mannschaftsbetreuer verpasse ich möglichst kein Spiel von Blau-Weiß. Und sonnabends mal mit dem Hund zum Trainingsplatz nach Scharlibbe zu fahren, ist auch ein bisschen wir Urlaub.