Klietz l Der Neujahrsempfang in Klietz, auf dem auch Kommandeur Oberstleutnant Roman Jähnel Rückblick und Ausschau gehalten hätte, ist coronabedingt ausgefallen. Über 2020 und über die Pläne für die kommende Zeit hat er der Volksstimme Auskunft gegeben.

Es wäre Ihr erster Neujahrsempfang in Klietz als Kommandeur des Bundeswehrbereiches Ost mit Sitz in Klietz gewesen, im März 2020 hatten Sie die Nachfolge von Michael Vormwald angetreten. Sicher ein coronabedingt ungewöhnliches Jahr...

Zunächst muss ich Ihnen beipflichten: Das Jahr 2020 war schon etwas Besonderes. Nicht nur, weil ich das Kommando über den Bereich Truppenübungsplatzkommandantur OST übernommen habe, sondern auch aufgrund der Pandemie und den damit verbundenen Herausforderungen. Natürlich war es nicht einfach, unter Corona-Bedingungen meinen neuen Verantwortungsbereich so zu übernehmen, wie ich es mir erwünscht hätte. Aber wir haben, glaube ich, das Beste daraus gemacht. Gleichwohl hätte ich natürlich liebend gern auch mit den Verantwortlichen der Anrainergemeinden und der Landkreise Stendal und Havelland Verbindung aufgenommen, aber dies war leider nicht möglich. Aber wie heißt es so schön, „aufgeschoben ist nicht aufgehoben“. Rückblickend kann ich sagen, dass wir unseren Auftrag erfüllt haben und gut für die vor uns liegenden Aufgaben aufgestellt sind. Und so blicke ich voller Zuversicht nach vorn und hoffe, wie wir alle, dass sich die Situation in der zweiten Jahreshälfte entspannen wird und wieder mehr soziale und persönliche Kontakte zulässt.

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Nun stehen im zweiten Lockdown wieder viele Räder still – ist das auch auf dem Klietzer Platz so?

Nein, der Schieß- und Übungsbetrieb wird fortgesetzt. Die übende Truppe ist bestrebt, natürlich unter Einhaltung eines strengen Hygienekonzeptes, ihre von langer Hand geplanten Schießvorhaben durchzuführen. Nur so lassen sich die wichtigen Abholpunkte im Rahmen der Einsatzausbildung und allgemeinmilitärischen Ausbildung erreichen. Die Kommandantur Klietz verrichtet ihren Dienst nach wie vor im Zwei-Schicht-Modell mit wöchentlichem Wechsel, um im Falle einer Covid-19-Infektion immer eine Reserve zu Verfügung zu haben. Dies hat sich bewährt und gibt mir die Möglichkeit, bei Ausfall einer Schicht den Schieß- und Übungsbetrieb fortzuführen.

Mit welcher Auslastung rechnen Sie in diesem Jahr?

Bei dieser Fragestellung muss man unterscheiden zwischen der generellen Belegung einer Schieß- oder Übungsanlage und der Anzahl der an dem jeweiligen Vorhaben beteiligten Soldatinnen und Soldaten. Ich stelle mal die Auslastungen des vierten Quartals 2019 denen von 2020 gegenüber. In der generellen Belegung der Schießbahnen ist zwischen beiden Jahren kaum ein Unterschied festzustellen. In Einzelfällen kam es 2020 zu Absagen der übenden Truppe, welche häufig aus kurzfristigen Verpflichtungen im Rahmen von Amtshilfe resultierten. In Bezug auf die Anzahl der anwesenden Soldatinnen und Soldaten ist jedoch ein deutlicher Unterschied festzustellen: Die Belegung der Unterkünfte war 2020 um etwa 4 500 Soldaten weniger als 2019. Das ist schon beträchtlich. Ein wichtiger Aspekt für die niedrigeren Belegungszahlen ist die strikte Einhaltung des Hygienekonzeptes und der damit verbundenen Reduzierung der Unterkunftskapazität am Standort Klietz auf insgesamt nur noch 358 verfügbare Betten. In der Vorschau ist also aufgrund der derzeitigen Unterkunftssituation im Jahr 2021 zwar von weniger Soldaten, trotzdem aber von einer hohen Auslastung durch die übende Truppe auszugehen.

Die umfangreiche Sanierung der Kaserne im Walde ist abgeschlossen. Aber wie am Rande der jüngsten Ratssitzung zu hören war, plant die Bundeswehr die Vergrößerung der Fläche um die alte Zufahrt zur Kaserne. Wofür wird der Platz gebraucht?

Die Erweiterung der Kaserne im Walde hat mehrere Gründe. Der Unterkunftsstandard für Soldaten auf Truppenübungsplätzen hat sich verändert, weshalb wir tätig werden müssen. Das heißt, große Stuben mit acht Soldaten und mehr gehören der Vergangenheit an. Die neuen Standards sagen aus, dass zukünftig nur noch zwei beziehungsweise vier Soldaten auf einer Stube untergebracht werden. Dies ist im Wesentlichen dem erhöhten Raumbedarf durch die Erweiterung der persönlichen Ausrüstung der Soldaten, aber auch der allgemeinen Erhöhung der Attraktivität in der Bundeswehr zuzuschreiben. Um diese Forderungen erfüllen zu können, müssen wir also expandieren, da dieser Bedarf in der räumlich beengten ,Kaserne am See‘ nicht gedeckt werden kann. Mit dieser Erweiterung von Unterkünften werden entsprechend auch Verkehrsanlagen, Ver- und Entsorgung, der Energiebedarf an Strom und Wärme und so weiter neu berechnet und realisiert werden müssen.

Stehen also große Investitionen an?

Das stimmt. Aus heutiger Sicht wird dafür ein Bauvolumen von bis zu 50 Millionen Euro benötigt. Dies alles soll im optimalen Fall bis 2030 realisiert werden.

Die Wiederherrichtung der Unterkunftsgebäude in der Kaserne am See ist nach dem Auszug der Flüchtlinge abgeschlossen?

Noch nicht ganz. Die durch die Erstaufnahmeeinrichtung genutzten Gebäude wurden zum 30. Juni 2018 an die Landesbauverwaltung mit dem Auftrag zur Sanierung übergeben. Vorrangig wurden malermäßige Instandsetzungen, Austausch der Sanitäranlagen, Überprüfung der Elektrizität -und Trinkwasserqualität durchgeführt. Diese Maßnahmen sind abgeschlossen und eine Unterbringung von maximal 641 Übungsteilnehmern könnte bei voller Belegung erfolgen. Dies ist jedoch aufgrund der derzeitigen Corona-Einschränkungen und der damit verbunden Halbierung der Unterkünfte nicht möglich. Im Laufe des Jahres werden noch Bauunterhaltsmaßnahmen zur Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen des Brandschutzes erfolgen. Besonderes Augenmerk liegt hier bei der Herrichtung von Flucht- und Rettungswegen sowie baulichen Anpassungen von Brandschutzwänden und Alarmierungsvorrichtungen.

Darüber hinaus werden im Zuge der Agenda „Bundeswehr in Führung – Aktiv. Attraktiv. Anders“ beginnend im März dieses Jahres die Unterkünfte mit WLAN zur privaten Nutzung ausgestattet. Dies bedeutet eine enorme Steigerung der Attraktivität, da die Netzabdeckung der gängigen Mobilfunknetze am Standort gar nicht oder nur sehr schlecht funktioniert. Endlich wird es den Soldaten dann möglich sein, die Kommunikation mit der Familie während eines mehrwöchigen Truppenübungsplatzaufenthaltes ohne Einschränkungen aufrecht zu erhalten.

Die neue und auf deutschen Truppenübungsplätzen einzigartige Breachinganlage, auf der das Sprengen von Hauszugängen geübt werden kann, ist in Betrieb?

Noch nicht. Die technische Übergabereife wurde Ende letzten Jahres festgestellt, so dass die letzten bürokratischen Hürden nun zeitnah genommen werden können und einer Übergabe dieser einzigartigen Ausbildungsanlage nichts mehr entgegenstehen sollte. Ein konkretes Datum für die Übergabe wäre zum jetzigen Zeitpunkt unter den Bedingungen der Pandemie wohl eher unseriös. Ich hoffe aber, dass die Übergabe spätestens im zweiten Quartal erfolgen kann.

Sind weitere Veränderungen an den Schießbahnen geplant?

Ja. Die Anforderungen der übenden Truppe unterliegen sowohl einem ständigen Optimierungsprozess als auch dem technischen Fortschritt. Derzeit wird gerade ein neues Konzept für alle Truppenübungsplätze in Deutschland erstellt, welches dann durch alle Plätze umzusetzen ist. Da wir hieran intensiv mitgearbeitet haben, kann ich bereits heute schon sagen, dass dieses Konzept für den Klietzer Platz einige Veränderungen an den vorhandenen Schießbahnen und Ausbildungsanlagen mit sich bringen wird. Die relativ kleinen Schießbahnen 1, 2, 3 und 22 im Westbereich des Platzes werden zu einer großen Schießbahn zusammengefasst. So werden wir der gepanzerten Truppe zukünftig die Möglichkeiten geben, auch im größeren Rahmen Schieß- und Übungsvorhaben durchführen zu können. Des Weiteren sieht das neue Nutzungskonzept vor, zwei Schießbahnen für die Infanterie neu einzurichten. Dafür sind die Schießbahnen 18 und 20 am besten geeignet. Dazu wird die ehemalige Waldkampfbahn auf der Schießbahn 20 umgebaut. Nach derzeitigem Planungsstand soll sie 2022 fertiggestellt sein und in Nutzung gehen. Der notwendige Umbau der Schießbahn 18 befindet sich seitens des Infrastrukturverfahrens noch am Anfang. Daher kann ich zum heutigen Zeitpunkt noch kein konkretes Datum für einen Baubeginn nennen. Bis es los geht, wird die Schießbahn 18 weiterhin für das Handwaffenschießen genutzt. Auch ein neues Munitionslager für die übende Truppe haben wir konzipiert, wo ich ebenfalls hoffe, dass dieses Bauprojekt 2022 an den Start geht.