Fischbeck l Nach sechs Jahren verblassen bei Fremden die einst so präsenten Bilder. „Fischbeck? Was war da noch mal?“ Bei den Menschen im Elbe-Havel-Land aber verblasst nichts.

„Gut, dass es so einen Platz gibt!“ Maik Mangelsdorf hat sich ein paar Tage nach dem Einweihungstrubel an den Platz gesetzt, wo am 10. Juni 2013 der Deich brach und nun mit Bildern und einst versenkten Schiffsteilen daran erinnert wird. Bilder braucht der 40-Jährige nicht, denn was sich damals abspielte, hat er live miterlebt – für immer eingebrannt im Kopf und im Herz. „Wir Dorfbewohner, Helfer aus der Region und Soldaten haben hier ja seit Freitagabend versucht zu retten, was eigentlich nicht mehr zu retten war. Sonntagmittag dann zeichnete sich ab, dass der anfangs kaum sichtbare Riss immer weiter aufklaffte. Ich wollte spätabends gerade zwei neue Wachen zum Deich fahren, als uns alle Flüchtenden entgegen kamen.“

Maik Mangelsdorf, auch Feuerwehrmann, ist erst zur Milchviehanlage und dann wie andere Kameraden auch zum Gerätehaus. Nach kurzer Ratlosigkeit ging es mit den Fahrzeugen rüber ins sichere Tangermünde. Aber schon am nächsten Morgen hielt ihn und Wehrleiter André Köppe nichts mehr auf: Mit dem Schlauchboot paddelten sie mühsam rüber nach Fischbeck. „Wenn man es nicht selbst gesehen hat, glaubt man das nicht. Es war unbegreiflich, dass fast überall Wasser war. Fische sind durch die Straßen und Gärten geschwommen.“ Natürlich auch an seinem Haus. Die beiden Feuerwehrmänner wussten, dass an der Milchvieh- anlage ein paar Mitarbeiter bei den Tieren geblieben sind. Dort ging es hin, um abzuklären, wie die Lage ist und was gebraucht wird. Fortan paddelten sie täglich rüber, um das Nötigste zu bringen. Nach knapp zwei Wochen entspannte sich die Lage, das Wasser ging zurück und legte frei, was es angerichtet hat. Das große Aufräumen begann. Unvergessen bleiben auch die riesigen Berge Hausrat, die sich in den Straßen türmten. Und der mühsame Wiederaufbau. Bei Mangelsdorfs verlief das eher unproblematisch, weil die Versicherung anstandslos bezahlte.

Es hat sich viel verändert

Hat die Flut die Fischbecker verändert? „Ich kann ja nur für mich, meine Familie und die Freunde sprechen. Irgendwie war ja jeder betroffen, wir haben das Gleiche erlebt. Das schweißt sogar noch ein bisschen mehr zusammen. Man hat von der einen oder anderen Freundschaft gehört, die damals zerbrochen ist. Aber die Wogen haben sich meistens geglättet. Natürlich hat man anfangs immer über die Flut gesprochen. Das ist heute nicht mehr so. Aber es gibt immer wieder Situationen, in denen man sagt, ,weißt du noch...‘ Wenn man heute durch Fischbeck und andere betroffene Orte fährt, hat sich so viel zum Positiven verändert. Fischbeck ist, so wie Bürgermeister Bodo Ladwig einst sagte, schöner als vorher. Die Straßen sind tipptopp, unser Gerätehaus ist ein Traum, wir haben einen schönen Spiel- und Sportplatz ...“

Maik, seine Frau Annett und die Töchter Laura und Nike leben gern in Fischbeck. Lange als Tischler gearbeitet, ist der 40-Jährige jetzt als Betreuer in der Schönhauser Behindertenwerkstatt angestellt – das macht es ihm möglich, auch tagsüber einsatzbereit für seine Feuerwehr zu sein.

Sorge wegen Dürre

Fühlt er sich jetzt sicher hinter dem neuen Deich, der ein Bollwerk ist? „Naja, das ist so eine Sache. Was nützt uns der schönste Deich, wenn nur ein paar Kilometer weiter in Jerichow noch gar nichts passiert ist. Wenn er dort bricht, haben wir hier wieder Wasser.“ Richtig Sorgen bereitet dem Fischbecker, dass es seit der Katastrophe vor sechs Jahren kein richtiges Hochwasser gab. Dazu die Dürre. „Unsere Elblöcher sehen zum Teil schlimm aus, im letzten Sommer war kaum noch Wasser drin und Fische sind verendet. Über den Winter gab es kaum Entspannung und wieder kein Hochwasser im Frühjahr, so wie wir es gewohnt sind. In diesem Sommer sieht es ähnlich aus wie 2018.“ Sehnsüchtig wartet man auf ergiebigen Regen und dass die Elbe mal wieder über die Ufer tritt. Und dass alle Deiche entlang des Flusses so angelegt werden wie der im Elbe-Havel-Land.