Normalität?

Die Angst ist umgegangen

Sind Havelberger Geschäfte zurück aus der Krise? Jetzt dürfen sie zwar wieder ganz normal öffnen, aber von der verordneten Corona-Schließzeit erholt haben sie sich noch lange nicht.

Von Dieter Haase 08.07.2021, 16:55 • Aktualisiert: 09.07.2021, 06:52
Petra Fritze an ihrem Bügelbrett. Lange Zeit gab es für sie kaum richtige Arbeit.
Petra Fritze an ihrem Bügelbrett. Lange Zeit gab es für sie kaum richtige Arbeit. Foto: Dieter Haase

Havelberg - „Das war hart an der Existenzgrenze mit den Corona-Bestimmungen.“ Das macht Edeltraud Mintus, Inhaberin eines Schuhshops in der Semmelweisstraße in Havelberg, deutlich. „Monatelang musste das Geschäft geschlossen bleiben, das erste Mal im März und April 2020 und dann von Mitte Dezember bis in den März hinein. Das bereitete mir alles große Sorgen.“ Einerseits, so berichtet sie, müsse die Miete für die Geschäftsräume auch trotz Corona bezahlt werden. „Das ist schon mal ein großer Happen.“

Winterschuhe wollte im März keiner mehr

Andererseits bestünden Zulieferer auf die mit ihnen abgeschlossenen Verträge. „Aus dem Grund mussten wir auch die gesamte Winterware annehmen, die bei uns dann nur im Lager herumstand“, fügt Ehemann Udo Mintus an, der öfter im Schuhgeschäft aushilft. Der Schuhhersteller bestand zunächst auf die umgehende Bezahlung der Ware. „Was natürlich für Ärger sorgte. Denn woher sollten wir das Geld nehmen, wenn uns die Öffnung des Geschäftes nicht möglich war“, so Udo Mintus. „Als der Winter vorbei war, durften wir wieder verkaufen. Doch Winterschuhe wollte im März natürlich keiner mehr.“

Warten auf die finanziellen Hilfen

Die Eheleute hoffen nun sehr, „dass eine solch harte Zeit so schnell nicht wieder kommt“. Und außerdem auch darauf, dass die beantragten finanziellen Hilfen vom Staat bald kommen. „Denn dieses Geld brauchen wir wirklich ganz dringend.“ Mit dem Kurzarbeitergeld für die Angestellte hat es zum Glück besser geklappt. Das ist zeitnah eingegangen.

Öffnungszeit rechnete sich nicht mehr

Schlecht ergangen ist es in den Corona-Hauptzeiten auch Petra Fritze vom Wäsche Service an der Pritzwalker Straße. „Da ich Dienstleister bin, brauchte ich meine Tür zwar nicht abzuschließen, zu tun hatte ich aber trotzdem kaum etwas. Denn Hotels, Gaststätten und Pensionen, die nicht öffnen dürfen, bedeuten auch einen großen Verlust an Aufträgen für meinen kleinen Wäscheservice. Denn davon bestreite ich in ganz normalen Zeiten meine Haupteinnahmen.“ Diese sind über viele Monate ausgeblieben. „Ich habe schon gedacht, ich muss zumachen, denn mich plagten echte Existenzängste.“ Eine Folge davon war eine Verkürzung der Öffnungszeiten, „weil sich die normalen Öffnungszeiten für mich nicht mehr gerechnet haben“. Oftmals ist sie als Dienstleisterin auch zu Wohnungen von Kunden gefahren, um Wäsche und Gardinen abzuholen und dann auch wieder zurück zu bringen.

Geschäfte wieder aufsuchen

Petra Fritze ist sehr froh darüber, dass sich inzwischen wieder vieles zum Positiven verändert hat. Aus dem Grund hat sie ihr Geschäft nun auch wieder ganz normal geöffnet. „Aber die Leute sollten alle kleinen Läden in der Stadt nun wieder besuchen und damit zu deren Überleben nach einer sehr schweren Zeit beitragen“, wünscht sie sich. Denn die Geschäftsinhaber hier seien die großen Verlierer der Krise gewesen. „Die Online-Händler dagegen haben noch nie so gut verdient, wie in den auferlegten Schließzeiten für die kleinen Händler.“ Auch aus dem Grund sei es in vielen Geschäften „derzeit tot. Die Stadt wirkt ziemlich leer, besonders auf der Stadtinsel. Das tut mir echt im Herzen weh.“

165 Jahre auf der Stadtinsel

„Ich bin richtig glücklich, dass nach dem vielen Hin und Her in den vergangenen Monaten nun wieder so etwas wie Normalität in meinen Laden eingezogen ist“, erklärt freudig Christiane Rateitschak von der Firma Fritz Kühn in der Steinstraße. „Die Kunden können das Geschäft betreten und verlassen, wie sie wollen, und müssen nicht mehr an der Eingangstür abgefertigt werden, wie das lange Zeit vorgeschrieben war.“ Ihr Wunsch: „Ich hoffe, dass es so wie jetzt noch lange weiter geht und ich keine Bange darum haben muss, das Geschäft aufgeben zu müssen.“ Schließlich gibt es dieses seit mittlerweile 165 Jahren auf der Stadtinsel - eigentlich sollte dieses Jubiläum im März gefeiert werden. Doch Corona verhinderte das.

Ungerecht fand Christiane Rateitschak, dass vieles aus den Sortimenten, die sie im Angebot hat, in großen Supermärkten verkauft werden durfte, „mir das aber verboten blieb“. Und sie fand es auch nicht gerade fair, dass in solche Märkte bis zu 70 Kunden auf einmal hinein durften.

Corona-Zeit gut genutzt

Die Corona-Zeit hat die Geschäftsfrau aber auch genutzt, um ihr Angebot ein bisschen zu erweitern. „Zusammen mit einem Hersteller aus dem Erzgebirge habe ich einen Schwibbogen mit mehreren Havelberger Motiven, alles Sehenswürdigkeiten der Stadt, entworfen“, erzählt sie. „Dieser wird sicherlich seine Liebhaber finden“, glaubt sie. Wenn ja, dann wäre die Corona-Zeit am Ende doch noch zu etwas gut gewesen.

Viele Kunden sind treu geblieben

„Ich finde es ganz wichtig, dass ich mein Schmuck- und Uhrenfachgeschäft jetzt wieder für die Kunden aufschließen kann“, freut sich Uhrmachermeisterin Elke Zeppik in der Marktstraße. Im Lockdown durfte sie an der Eingangstür lediglich Reparaturwünsche und telefonisch auch Bestellungen entgegennehmen. Betreten durfte ihr Geschäft allerdings niemand, die Annahme und Übergabe erfolgte stets an der Tür. Das ist jetzt wieder anders. „Ich finde es vor allem sehr schön, dass mir etliche Kunden treu geblieben sind“, sagt sie. „Viele davon sind mit den sich schnell verändernden Corona-Regeln nicht klar gekommen. Sie haben mir darum jetzt Tüten mit zu reparierenden Uhren gebracht. Mitunter mit sechs bis acht Uhren.“ Andere erfüllten sich lange gehegte Wünsche.

Christiane Rateitschak hat in der Corona-Zeit Schwibbögen mit Havelberger Sehenswürdigkeiten kreiert.
Christiane Rateitschak hat in der Corona-Zeit Schwibbögen mit Havelberger Sehenswürdigkeiten kreiert.
Foto: Dieter Haase