Havelberg l Der Abrissbagger stand schon fast vor der Tür der alten Domkurie, als sich im September 2007 mit Museologin Sabine Ball, Maler Kurt Henschel und Chefarzt Hans-Dieter Böttger drei Heimatfreunde an die Öffentlichkeit wandten, um das historisch wertvolle Fachwerkhaus doch noch zu retten. „Wenn dieses Haus verschwindet, verschwindet ein ganz wichtiger Teil der Domfreiheit“, sagte damals Sabine Ball. Der Heimatverein wollte die einstige Domgemeinde wieder mehr ins Bewusstsein der Bürger rücken und gründete eine Arbeitsgemeinschaft Denkmalpflege. Die Domkurien 7 und 8, in denen bis zum 19. Jahrhundert adlige Domherren zu Hause waren, sind wichtiger Bestandteil des ehemaligen Domstifts, zu dem neben dem Dom unter anderem Stiftsgebäude, Dechanei, Pfarrhaus und Propstei gehören.

Mit ihrem Aufruf in der Volksstimme gaben die drei Heimatfreunde den Anstoß dafür, dass es heute möglich ist, in dem bald 300 Jahre alten Haus Familienfeste zu feiern, sich an Kaffee und Kuchen zu laben, Chorproben zu veranstalten, Vereinsversammlungen abzuhalten, Bücher auszuleihen, kreativ tätig zu sein, Ausstellungen zu besuchen und auch in der Außenstelle des Standesamtes zu heiraten. Bis dahin war es jedoch ein weiter und sehr anstrengender Weg, der so manchen Stolperstein bereithielt.

Haus stets geöffnet

Gemeinsam mit der Hansestadt und dem Heimatverein wurde damals eine Lösung gefunden. Der Eigentümer des Hauses zog seinen Antrag auf Abriss zurück, Heimatfreunde kauften die Immobilie, der Verein „denkMal und Leben“ wurde gegründet, eine Machbarkeitsstudie erarbeitet, ein Nutzungskonzept angefertigt. Ute Schröter, die direkt am Dom in den alten Handwerkerbuden nach umfassender Sanierung 2002 ihre Töpferei eingerichtet hatte, brachte viele Ideen zur Nutzung ein und steht von Anfang an an der Spitze des Vereins, der am 8. August 2008 gegründet wurde. Heute, zehn Jahre danach, ist es nicht viel ruhiger geworden, nur die Aufgaben sind andere. Täglich ist das Café geöffnet, Kindergruppen kommen etwa zu kreativen Basteleien oder zum Pizzabacken, neun Hochzeiten sind für dieses Jahr angemeldet, die nächsten sind angekündigt. „Ich hatte es mir etwas einfacher vorgestellt. Aber allein für die Hochzeiten sind so viele Absprachen erforderlich und alles ist individuell. Die einen wollen im Rokokokleid heiraten, andere barfuß, das Brautpaar, das zum Pferdemarkt heiratet, will mit einer Kutsche hier auffahren“, macht sie deutlich, dass nichts nach einem bestimmten Schema verläuft.

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Zurückblickend denkt Ute Schröter zunächst an das Projekt mit den Stiftersteinen gemeinsam mit dem Heimatverein für die Dommauer. Eine Ziegelei zu eröffnen, wo die damals vielen Arbeitslosen eine sinnvolle Tätigkeit finden würden, war eine Option. Für die Domkurie wurden dann in der alten Fleischerei nahe der Domkurie 10.000 Lehmsteine angefertigt. Mit historischen Werkstoffen die Sanierung des sehr desolaten Hauses zu meistern, war das ehrgeizige Ziel des Vereins, das er auch sehr engagiert umsetzte.

Gäste als Multiplikatoren

Auf der „lebendigen Baustelle“ konnten sich Interessierte mit einbringen, Fliesen wurden hergestellt, die Dachsteine von anderen alten Häusern verwendet. Um Fördergelder zu bekommen, musste der Stadtrat überzeugt werden, was nicht leicht war. „Da waren am Anfang viele Diskussionen und Emotionen mit im Spiel.“ Immerhin ging es um eine Million Euro für das rund 1,5 Millionen Euro kostende Großvorhaben.

Würde sie all die nervliche und körperliche Belastung noch mal auf sich nehmen mit dem Wissen von heute? „Ich weiß nicht, ob ich solch ein Projekt wieder als öffentliches Haus restaurieren würde“, sagt Ute Schröter und nennt die Auflagen etwa für den Brandschutz, die schlimmer seien als die Denkmalauflagen. Im Großen und Ganzen sieht sie den Verein aber auf einem guten Weg. Das wichtigste und herausforderndste ist, die laufenden Kosten zum Betreiben des Hauses zu erwirtschaften, wozu auch die Straßenausbaubeitragskosten für die Straßensanierung im Domgebiet gehören.

Vereinsmitglieder, die sich ehrenamtlich einbringen, Angestellte und Ein-Euro-Kräfte sorgen dafür, dass Leben in Haus und italienischem Renaissancegarten herrscht. Und auch die drei Esel Ole, Blümchen und Hotte wollen umsorgt werden. Gäste der Ferienwohnung nutzen gern die Möglichkeit zu Wandertouren mit Eseln. Und beim Havelberger Adventskalender sind sie nicht mehr wegzudenken.

Am Tag des offenen Denkmals am 9. September beteiligt sich der Verein so wie in den Jahren zuvor auch wieder. Doch steht das Haus ohnehin täglich offen für Jedermann und die Vereinsmitglieder freuen sich über jeden Gast, der sich in der Domkurie wohlfühlt und somit als Multiplikator dient und für neue Gäste sorgt.