Arneburg l Stau auf der Tangermünder Elbbrücke? Kein Problem. Wir nehmen die Fähre. So haben in den vergangenen Tagen öfter Autofahrer gedacht, denn aufgrund des Ampelverkehrs wegen der Bauarbeiten und am Sonnabend auch noch wegen zwei Unfällen gab es lange Wartezeiten an der Brücke. In solchen Fällen erinnern sich viele Leute an die Fähre, die zwischen Arneburg und Neuermark-Lübars über die Elbe setzt. 870 Fahrzeuge an einem Tag sind da rekordverdächtig.

„Fährmann hol über!“, müssen sie nicht rufen. Steht jemand an der Fährstelle, bringt Fährmann Frank Schumacher das Gierseil so in Stellung, dass sich die Fähre mit der Kraft des Wassers in Bewegung setzt. Und das seit rund 30 Jahren schon. „Ich habe zu DDR-Zeiten im Bauhof der Stadt gearbeitet. Zur Wende wurde der aufgelöst und ich hätte meinen Job verloren. Die Stelle eines Fährmanns war frei. Ich hatte vorher immer mal ausgeholfen und diese Arbeit hat mir zugesagt. Ich habe meine zweijährige Ausbildung absolviert und ab 1991 durfte ich die Fähre selbstständig fahren. Seit der Zeit bin ich hier Fährmann.“

Von den Fährleuten Knörschild und Wobus hat er viel gelernt. „Auch bei Manni Will auf der Sandauer Fähre war ich.“ Zunächst teilte er sich den Fährdienst mit Roland König, der heute in Sandau arbeitet. Dann fuhr er über zehn Jahre lang allein. Als Manfred Will in den Ruhestand ging, bekam er Unterstützung durch ihn, konnte auch im Sommer mal frei machen. Vor drei Jahren bildete er Jan Swienteck zum Fährmann aus. Seither teilen sich beide die Dienste. „Das ist wie ein Sechser im Lotto, denn Nachwuchs für Fährleute ist schwer zu bekommen“, weiß Frank Schumacher.

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In der Saison unterwegs

Die Arneburger Fähre ist eine reine Gierseilfähre. Deshalb kann sie auch nicht immer fahren. Steigt der Wasserstand der Elbe zu hoch an, muss sie den Betrieb einstellen. Sie ist eine Saisonfähre, verkehrt in der Regel von April bis Oktober. In diesem Jahr startete sie erst im Mai in die Saison. Die alle fünf Jahre anstehende Landrevision – der TÜV für Fähren – stand an. Dafür verlegten die Fährleute ihren Arbeitsplatz von der Elbe an die Havel. Auf der Werft in Havelberg erledigten sie viele Arbeiten selbst, übernahmen zum Beispiel die Konservierung des Oberschiffes. Die Fähre, die 1974 erbaut wurde und Anfang der 1990-er auf den aktuellen Stand mit unsinkbarem Schwimmkörper und geschlossenem Deck ausgestattet wurde, ist nun moderner, bekam etwa ein hydraulisches Schrankensystem. Das neue Funkgerät macht es möglich, die nautischen Informationen zu empfangen. Wichtig, um frühzeitig zu erfahren, was auf dem Fluss los ist und um die Entwicklung der Wasserstände zu kennen.

Schiffsverkehr gibt es seit Wochen nicht mehr auf der Elbe. Das trockene Frühjahr und der Sommer haben den Wasserstand vom Mittelwert am Pegel Tangermünde von 2,90 Meter auf aktuell 1,17 Meter absinken lassen. Deshalb kann die Fähre derzeit keine Lkw und Trecker übersetzen. Kommt ein Schiff – im Normalfall sind es drei bis sieben am Tag –, muss die Fähre am ostelbischen Ufer liegen. Da macht sie auch über Nacht fest. Frank Schumacher fährt jeden Morgen vom Arneburger Hafen aus mit dem Boot die rund anderthalb Kilometer zu seinem Arbeitsplatz.

Im Moment sind es kleine Motorboote und Kanus, die auf der Elbe unterwegs sind. Manche der Freizeitkapitäne versetzen den Fährmännern einen ordentlichen Schreck, weil sie nicht wissen, wie sie die Gierseilfähre passieren sollen. „Bei allem Verständnis für die Förderung des Tourismus finde ich, dass auch die Leute, die Boote mit kleinen Motoren führerscheinlos steuern dürfen, wenigstens etwas Grundwissen haben sollten. Sie müssen talwärts immer am linken Ufer an den grünen Tonnen vorbei fahren. Auch wenn sie verkehrt fahren, müssen wir anhalten. Doch es ist gar nicht so einfach, 100 Tonnen so schnell zu bremsen.“

Viele Radfahrer

Frank Schumacher liebt seinen Job, würde ihn auf jeden Fall weiterempfehlen. Immer an der frischen Luft zu sein, sich den wechselnden Naturgegebenheiten anzupassen, etwa wenn Sturm aufkommt oder die Fähre über Nacht einzufrieren droht, und mit Menschen zu tun zu haben, nennt der 57-Jährige die Vorteile. Manche kommen von weither. Selbst aus Amerika.

Viele Pendler kennt er seit Jahren. Gern nutzen Radfahrer die Fähre. Vor allem auch jene, die auf dem Elberadweg unterwegs sind. Da wird geplaudert. „Man staunt, wie weite Wege die Leute so zurücklegen.“ Oft sorgt die Gierseiltechnik für Gesprächsstoff. „Auf der Elbe gibt es noch elf Gierseilfähren. Die sollten auch unbedingt erhalten bleiben. Leider werden neue Fähren nur noch als freifahrende Motorfähren zugelassen. Dabei sind die Gierfähren umweltschonend, kosten weniger Geld in der Unterhaltung und faszinieren die Leute.“

Traumhochzeit organisiert

Mit seiner Fähre war Frank Schumacher mehrfach im Fernsehen und dreimal Dreh­ort für Kino- oder Fernsehfilme, wobei die Fährstelle bildlich auch nach Tangermünde verlegt wurde. „Traumhochzeit“ und „Zeit der Kraniche“ nennt er als Beispiele.

Für eine Traumhochzeit hat er selbst schon gesorgt. Im Hochwasserjahr 2013 wollte ein Paar heiraten. Das ging zum geplanten Termin nicht. Mit der Braut und Freunden kümmerte sich Frank Schumacher darum, dass die Hochzeit als freie Trauung auf der Fähre nachgeholt wurde. Der Bräutigam wurde mit verbundenen Augen zum Hafen gefahren. Dort wartete die mit Tischen und Bänken ausgestattete Fähre auf das Paar und seine Gäste und ging auf Tour.

„Fährmann, hol über“ hört er im übertragenen Sinn manchmal abends am Telefon. Dann, wenn Radfahrer auf dem Elberadweg auf dem Deich nicht so schnell vorangekommen sind, wie sie wollten, aber noch ihre Unterkunft auf der anderen Seite der Elbe erreichen müssen. Einmal ist er sogar der Retter für eine Familie auf dem Elberadweg geworden, die sich an den Scharlibber See verirrt hatte. Sie rief ihn an. Frank Schumacher holte mit Auto und Hänger die Eltern und ihre zwei Kinder ab und setzte sie über die Elbe.