Havelberg l Die „First Class Plätze“ vor der Bühne der Aula des Havelberger Schulzentrums waren den jungen Leuten vorbehalten. Dort nahmen sie Platz und warteten aufgeregt darauf, bald auf die Bühne gerufen zu werden. Denn am Sonnabend war ihr großer Tag: die Jugendweihe. Die Mädchen in hübschen Kleidern und mit hochhackigen Schuhen, die Jungs mit Jacketts und Fliege, die Frisuren gestylt – auf die Feierstunde hatten sie sich perfekt vorbereitet.

Stewardess Anna Jacobs begrüßte alle Passagiere und natürlich ganz besonders die First-Class-Gäste. Die Moderatorin aus Schönebeck gehört zum Team der Ehrenamtlichen der Interessenvereinigung Jugendweihe in Sachsen-Anhalt, die die beiden Feierstunden für die Achtklässler der Sekundarschule und des Gymnasiums Havelberg organisiert hat. 30 Sekundarschüler und 25 Gymnasiasten hatten sich für die Jugendweihe 2018 entschieden.

Weg ins Erwachsenendasein

Pilot Matthias Höhn, der als Bundestagsabgeordneter der Linken des Wahlkreises Altmark die Festrede hielt, gab den Jugendlichen Tipps für ihre Flugroute auf dem Weg ins Erwachsenendasein. Es war die zweite Rede, die er bei einer Jugendweihe hielt, berichtete er. Die Erste liegt 28 Jahre zurück und war bei seiner Feierstunde. „Genießt die Zeit als Heranwachsende, auch wenn Schule nicht immer Spaß macht, Pubertät manchmal ein bisschen anstrengend ist und Eltern noch das Sagen haben. Es ist die Zeit, in der ihr die Weichen für euer gesamtes Leben stellt“, sagte der 42-Jährige. Er blickte zurück auf die Zeit seiner Jugendweihe, als die heutige Eltern- und Großelterngeneration die Fenster öffnete für ein Leben in Freiheit und Demokratie.

Bilder

Sich für ein gutes Zusammenleben in Frieden und Demokratie einzusetzen, gab er den jungen Leute mit auf den Weg und er zitierte den einstigen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker: „Die Bitte an die jungen Menschen lautet: Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass gegen andere Menschen, gegen Russen oder Amerikaner, gegen Juden oder Türken, gegen Alternative oder Konservative, gegen Schwarz oder Weiß. Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander.“

Tolle Musik

Das Stendaler Duo Sandy Mehlicke und Mathias Ziegelski gab mit deutschsprachigen Liedern wie „Nur noch kurz die Welt retten“, „Gib mir Flügel, halt mich fest“ und „Lieblingsmensch“ den passenden musikalischen Rahmen.

Mit Erreichen der Reiseflughöhe war es dann endlich so weit: In kleinen Gruppen schritten die Jugendlichen nacheinander auf die Bühne. Ihre Gesichter verdeutlichten ihre Anspannung. Schließlich wollten sie alles richtig machen: bloß nicht stolpern, dem Fotografen freundlich entgegen lächeln, die bei der Probe geübte Reihenfolge von Aufstehen, Losgehen, wieder Hinsetzen einhalten. „Wir haben es geschafft“, flüsterte eine Schülerin der ersten Gruppe, nachdem sie wieder auf ihrem Platz saß, ihrem Nachbarn erleichtert zu.

Wurzeln und Flügel

Matthias Höhn überreichte die Jugendweihe-Urkunden, die beiden ehrenamtlichen Helfer der Interessenvereinigung Denise Dittbrenner und Dustin Pessel, ebenfalls aus Schönebeck, das Buch „Jugendweihe: Wendepunkt – Weltanschauung“ und für jeden eine Rose. Mit überwiegend humorvollen Zitaten und Gitarrenmusik wurde die Zeremonie würdevoll begleitet. Anna Jacobs: „Eltern sollten ihren Kindern Flügel und Wurzeln geben.“

Die Dankesworte der Jugendlichen sprachen bei den Sekundarschülern Jenny-Joys Brecht und Leon Bachmann und bei den Gymnasiasten Lara Fuhrmeister und Jule Gauch. Bei den Schilderungen liefen bestimmt so manche Bilder als Kurzfilm durch die Köpfe der Eltern und Großeltern, als sie auf ihre Kinder- und Jugendzeit zurückblickten. „Danke, dass ihr immer und überall für uns da seid.“ Auch an alle Lehrer ging ein großes Dankeschön.

Zum Ende gab es „Ein Hoch auf euch“ und das Künstlerduo lud die Fluggäste zum Tanzen, Klatschen und Mitsingen ein. Dann setzte der Flieger zur Landung an. Nach dem Gruppenfoto nahmen die Familien ihre jungen Erwachsenen in die Arme und machten sich auf, die Jugendweihe zu feiern.