Havelberg l Weit war der Weg von Afghanistan beziehungsweise aus dem Iran nach Deutschland. Doch sie haben die Hürden der Flucht auf sich genommen, um für ihre Kinder eine Zukunft in Frieden und Sicherheit zu ermöglichen. Im Februar kamen die Familien Akbari und Zamani in Havelberg an, bezogen ihre Wohnungen im Neubaugebiet und versuchen seitdem, sich hier einzugewöhnen. Um ihnen das zu erleichtern, kümmern sich rührige Menschen aus dem bei der Kirchengemeinde angesiedelten Helferkreis um sie, geben Deutschunterricht, laden sie zu Treffen ein, wo sie zum Beispiel auch gemeinsam kochen, und unterstützen bei diversen Behördengängen.

Dreieinhalb Monate dauerte die Flucht nach Deutschland für die Zamanis. Vater Hassan und Mutter Soheila hatten sich mit ihren Zwillingen Elena und Reza auf den Weg gemacht. Ihre anderen vier Töchter lebten da schon lange in Deutschland. Auf der Flucht wurden Eltern und Kinder getrennt. Elena und Reza schlugen sich allein nach Deutschland durch. Sie hatten große Angst, haben sich in Höhlen versteckt, wurden beschossen. In Hamburg, wo ihre Schwester Samaneh mit ihrer Familie lebt, kamen die Zwillinge zwei Monate vor ihren Eltern an und lebten zunächst in einem Flüchtlingsheim für Jugendliche. Sie hätten sich gewünscht, in Hamburg bleiben zu können. Doch jetzt leben sie sich mehr und mehr in Havelberg ein.

Die beiden Familien waren die ersten Flüchtlinge, die in der Hansestadt aufgenommen wurden. Am Anfang war es besonders schwer, „doch jetzt sind wir zufrieden hier“, übersetzt Samaneh die Worte ihrer Mutter. Gern würde diese schneller Deutsch lernen. Doch ein Kurs war bisher noch nicht möglich. Dankbar ist sie deshalb für den ehrenamtlichen Unterricht, den der Helferkreis für die Jugendlichen und die Familien anbietet.

Elena und Reza gehen gern zur Schule, auch wenn es mit dem Kontaktfinden nicht ganz so einfach ist. In ihrer 8. Klasse war es zunächst schwer, erzählt Elena. Als die Mitschüler zum Praktikum gingen und sie in der Zeit in der 7. Klasse lernte, fand sie schneller Kontakte. Beide sind gute Schüler. Reza besticht mit seinem Können in Mathe und Physik. Er will sein Abitur machen und studieren. Was genau, weiß er noch nicht. Elena würde gern Sozialarbeiterin werden.

Um andere Jugendliche kennenzulernen, besuchen Elena und Reza die Jugendfeuerwehr. Dort wurden sie von Jugendwart Maik Rohrschneider und den Mitgliedern herzlich aufgenommen. Hassan Zamani ging mit, wollte wissen, was mit seiner Tochter passiert. Er durfte gleich mit im Feuerwehrauto Platz nehmen und fand auch Gefallen.

Vater Hassan (64) würde gern in Havelberg eine Arbeit aufnehmen. Er kennt sich wunderbar in der Kräuterkunde aus – vielleicht lässt sich was für ihn finden. Wichtig ist dem Familienoberhaupt, dass seine Kinder hier in Sicherheit leben. In Afghanistan wäre das nicht so. Er stammt aus Herat, einer Stadt im Westen des Landes mit langer Geschichte – Alexander der Große eroberte 330 v. Chr. die Stadt – und vielen historischen Gebäuden. Es war eine sehr schöne Stadt, denkt er an frühere Zeiten zurück. Dann kamen in den siebziger Jahren die Sowjets, mit den Taliban in den neunziger Jahren wurde alles noch schlimmer, erzählt er. Es gibt eine große Moschee in Herat und viele Sehenswürdigkeiten. „Die Stadt ist sehr modern gewesen, früher kamen Touristen aus Deutschland und Frankreich sogar per Auto dorthin.“ Tränen stehen ihm in den Augen, als er auch von der schönen Landschaft Afghanistans erzählt. „Es wäre gut, wenn der Krieg endlich endet.“

In Havelberg haben beide Familien schon Freunde gefunden. Doch hätten sie gern noch mehr Kontakte zu deutschen Familien, um sich noch besser einleben zu können. Die Frauen haben Freude an der Bauchtanzgruppe, die sich regelmäßig in Havelberg trifft. Die Männer unternehmen gemeinsame Ausflüge. Erstaunt war Hassan Zamani, dass er als Muslim ganz selbstverständlich den Dom besuchen darf. Er ist begeistert von dem Bauwerk, das ebenfalls wie Gebäude in seiner Heimatstadt eine lange Geschichte hat.

Die Familie Akbari stammt aus der Provinz Ghasni. Marsiya (27) und Khalil (32) waren sieben Jahre vor ihrer Flucht nach Deutschland in den Iran geflüchtet. Sie hatten sich ineinander verliebt. Doch Marsiyas Vater hatte einen anderen, viel älteren Mann für seine Tochter gewählt. „Wir hatten große Probleme und sind in den Iran gegangen“, erzählt Khalil. Ohne Pass haben sie dort gelebt, wie viele andere ihrer Landsleute auch. Khalil arbeitete. Ihre Kinder Mahdiya und Mahnas erblickten dort vor sechs beziehungsweise fünf Jahren das Licht der Welt. Doch das Leben wurde immer schwerer, die junge Familie entschied sich für die Flucht nach Europa, nach Deutschland. Oft zu Fuß, die Kinder mit ihren Rucksäcken auf den Schultern, bewältigten sie die gefährliche Reise, die oft auch von Verfolgungen und Schüssen begleitet war. Um von der Türkei nach Griechenland zu gelangen, hatten sie für ein Schiff bezahlt. Ein kleines Schlauchboot war es, das sie übers Meer brachte. Um in den Wellen nicht unterzugehen, mussten die Flüchtlinge all ihre Habe ins Meer werfen.

„Zuerst war es schwierig, zum Beispiel beim Einkaufen. Aber unsere Wohnung ist gut“, erzählt Marsiya von den ersten Wochen in Havelberg, in denen sie die neue Sprache noch gar nicht kannte. Die junge Frau denkt noch oft an ihre Heimat Ghasni. Khalil eher weniger, wie er sagt. Er will schnell gut Deutsch lernen und dann arbeiten, „ich möchte etwas zurückgeben für die Hilfe, die wir hier erfahren“. Gute Fortschritte hat er bereits gemacht, Dank des ehrenamtlich erteilten Deutschunterrichts. Er ist Baufachmann und hofft, bald eine Arbeit aufnehmen zu dürfen. Die Eltern wünschen sich, dass ihre Töchter in Frieden aufwachsen können. Die Große, Mahdiya, hatte sich schnell in den Kindergarten eingewöhnt. „Sie liebt die Kita, aber dass sie dort mittags schlafen sollte, mochte sie gar nicht“, erzählt ihre Mama. Seit einigen Tagen ist Mahdiya ein Schulkind, geht in die erste Klasse der Grundschule. Ihrer Schwester Mahnas fällt es schwerer in der Kita. „Sie würde am liebsten zu Hause bleiben, sie kannte ja vorher keine Kita.“

Die Augen von Marsiya leuchten, als sie von ihrer Taufe im Dom erzählt. Die vier sind Christen. „Viele Leute sind gekommen“, freut sie sich. An eine Rückkehr nach Afghanistan ist für die Akbaris nicht zu denken. „Wir sind Hazara“, sagt Khalil und berichtet von Verfolgungen, der diese Volksgruppe als Minderheit seit Jahren in Afghanistan ausgesetzt ist.

Erst im Juli gab es in der Hauptstadt Kabul bei einer Demonstration der Hazara für den Bau einer Stromtrasse ein Massaker. Selbstmordattentäter zündeten Sprengsätze. Über 80 Menschen wurden getötet, Hunderte verletzt. Der IS bekannte sich zu der Tat. „Hazara sind oft Opfer von Gewalttaten“, berichtet Khalil. Dass irgendwann Frieden herrscht in Afghanistan, kann er sich nicht vorstellen. „Es ist ein Wunsch, aber ich glaube, das geht nicht, weil jeder nur an sich denkt.“