Sandau l Etwa 400 Kilometer wird Helmut Eichmann am Ende seines Friedensmarsches zurückgelegt haben. Und zwar zu Fuß in 14 Etappen. Er ist der ehrenamtliche Vorsitzende des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, besser als Volksbund bekannt.

Den 68-Jährigen trieb die politisch brisante Weltlage zu seiner Mission. Von seinem Wohnort, dem niedersächsischen Bad Pyrmont, wandert er quer durch Deutschland bis hoch ins brandenburgische Götschendorf. Hier befindet sich ein russisch-orthodoxes Kloster. „Ich dachte mir, dass der Kontakt zu Russland für den Erhalt des Friedens wichtig ist“, begründete der Wanderer.

Frieden muss erkämpft werden

Auf seinem langen Friedensmarsch will er die Leute, denen er begegnet, darauf aufmerksam machen, dass der Frieden den Deutschen nicht in den Schoß fällt. Dass dieser immer wieder erkämpft werden muss. Auch darum legt er in den Orten, wo er Rast einlegt, an den Mahnmälern Blumen nieder.

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Eine solche Station war am Donnerstag Sandau, hier war er tags zuvor aus Rochau gekommen. Täglich legt er etwa 30 Kilometer zurück, auch werden insgesamt vier Ruhetage eingelegt. Auch bei fast 40 Grad Celsius im Schatten war er gewandert, in der Sonne waren es weit mehr, drei Liter trank er täglich. Nicht immer lag ein Geschäft am Weg, oft fragte er bei Leuten an der Haustür, ob sie seine leeren Flaschen mit Leitungswasser auffüllen können. Niemand lehnte ab. Ein türkischer Kioskbetreiber gab ihm gleich einige Colaflaschen mit, als er vom Grund seiner Wanderung erfuhr.

„In Sandau wurde ich sehr gut aufgenommen“, berichtete er vor dem Gedenken am dortigen Soldatenfriedhof. Wolfgang Hellwig hatte ihn am Vortag den neu aufgebauten Kirchturm gezeigt – auch dieser war schließlich im April 1945 einem Krieg zum Opfer gefallen. Wie fast die gesamte Stadt, welche wegen des unnachgiebigen Treibens fanatischer Endsieg-Nazis zu 80 Prozent dem Erdboden gleichgemacht wurde. Amerikanische Artillerie-Granaten ließen vom mächtigen Kirchturm mit seinen meterdicken Mauern nur noch eine zerfetzte Ruine stehen. Mehrere Feuerwehrleute starben bei einem Volltreffer, weil sie mitten im Beschuss auf Befehl des Stadtkommandanten Brände löschen mussten.

Leid des Krieges wird vergessen

„Ich habe den Eindruck, dass durch die lange Friedenszeit das große Leid, was der Krieg den Deutschen zufügte, vergessen wurde“, begründete der Bad Pyr­monter seine Aktion. Dabei gibt es weiterhin Kriege und Spannungen auf dieser Welt, ja es gibt sogar Konfliktherde in Europa, quasi vor unserer Haustür. Und es gab weltweit nie so viele Flüchtlinge wie derzeit. Ende des Vorjahres waren laut UN-Flüchtlingshilfe über 68 Millionen Menschen auf der Flucht – vor zehn Jahren waren es 37 Millionen gewesen.

Auch der Sommer des Jahres 1914 war wie dieser jetzt ein toller Sommer gewesen. – Keiner ahnte damals, dass schon bald ein Krieg über Europa hereinbrechen wird, den man später den Ersten Weltkrieg nennen sollte. Der das alte Europa in Blut tränkte, zerfetzte und zerriss – und dessen Ergebnisse wie der Versailler Vertrag die Grundlagen für einen weiteren Weltkrieg bildeten.

„Normale Menschen wie du und ich waren dem Krieg schutzlos ausgeliefert, bei den Bombenangriffen auf die Städte spielte die politische Überzeugung keine Rolle – alle werden im Krieg Opfer“, argumentiert Helmut Eichmann. Die Soldaten kämpften zumeist nicht freiwillig an der Front, keiner konnte dem tödlichen Treiben entrinnen. Das alles dürfe sich nicht wiederholen.

Versöhnung über Gräbern hinweg

Darum müsse man sich über den Gräbern mit den anderen Völkern versöhnen. Im Vorjahr war der einstige Handelslehrer zu seinem ersten Friedensmarsch aufgebrochen, dieser führte nach Heemstede, die niederländische Partnerstadt von Bad Pyrmont. Beim Volkstrauertag in Bad Pyrmont waren auf seine Anregung hin auch schon Russen, Franzosen und Türken beim Totengedenken dabei gewesen und zu Wort gekommen.

Seit 1992 ist der Pyrmonter ehrenamtlicher Vorsitzender des Volksbundes. Auf seine Anregung wird seit einigen Jahren beim Volkstrauertag nicht nur der Toten der beiden Weltkriege gedacht, sondern auch der bei Auslandseinsätzen gefallenen Bundeswehrsoldaten.

Wie grausam fanatischer Nationalismus enden kann, hätte Helmut Eichmann auch an den Soldatengräbern auf dem Havelberger Jungfernfriedhof erfahren können. Hier liegen die Überreste von Hitlerjungen, welche nur 14, 15 oder 16 Jahre alt geworden sind. In den letzten Kriegstagen, als das einstige Groß-Deutschland auf einen nur noch wenige Kilometer breiten Landstreifen zusammengeschrumpft war, mussten sie Havelberg verteidigen. Bis in den sinnlosen Tod. Für einen Führer, der sich da schon durch Selbstmord seiner Verantwortung entzogen hatte, für ein Volk, was seine Zukunft auf dem Kriegsaltar opferte, und für ein Vaterland, das nicht mehr existierte.