Havelberg l „Man weiß gar nicht mehr, wo man noch hin darf. In Rathenow wurde der Markt auseinander gezogen. Einen Tag davor bekamen wir die Nachricht, dass nur noch Obst- und Gemüsehändler zugelassen sind. Dass der Markt in Havelberg stattfinden kann, hat sich erst Donnerstagmittag entschieden. Wir sind froh, hierher kommen zu dürfen“, sagt Michael Brandes. Mit seiner Partnerin Maren Reinhold ist er an diesem Freitag zum zweiten Mal auf dem Frischemarkt der Hansestadt. Schmuck und Küchenkeramik aus einer spanischen Manufaktur haben sie im Angebot.

Normalerweise sind die beiden Händler aus Klietz an Wochenenden auf großen, oft Mittelalter-, Märkten unterwegs. „In diesem Jahr hatten wir genau einen. Das Kaiser-Otto-Fest Anfang Oktober in Magdeburg war fantastisch“, erzählt Maren Reinhold. „Ansonsten tingeln wir nun von einem Wochenmarkt zum anderen und versuchen, damit unser Geld zu verdienen. Manchmal springt nicht mal das Geld für die Standgebühr und den Sprit dabei heraus.“ Auf Großmärkten verkauft sie ihre Klöppelarbeiten.

Daher kennen viele Havelberger sie bestimmt. Denn zur Bundesgartenschau 2015 gehörte Maren Reinhold wie auch Michael Brandes zu den Händlern, die auf dem ständigen Markt am Rathaus ihre Waren feilgeboten hatten. „Wir kommen gern hierher, Havelberg hat was und Havelberg hat uns ja auch zusammengebracht.“ Mit Blick auf die Weihnachtsmärkte sind die beiden skeptisch. Für Bernburg und Tangermünde, „beides schöne große Märkte“, gibt es bereits Absagen. Auf einen Internetverkauf wollen sie dennoch lieber verzichten. „Wir möchten, dass sich die Kunden die Ware ansehen können und regional einkaufen.“

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Viele Telefonate

„Wir sind froh, dass wir hier heute sein dürfen und hoffen, dass die Kunden das genauso sehen. Die meisten sind vernünftig, nur wenige haben geschimpft, weil sie nicht von der hinteren Seite auf den Markt gehen können“, berichtet Heike Gebert. Mit Mützen und Socken etwa gehört sie zu den alteingesessenen Händlern auf dem Frischemarkt. Dass der Stendaler Wochenmarkt wegen des aktuellen Corona-Lockdowns nicht stattfindet, bedeutet für viele Händler große Verluste. „In Tangermünde hat alles gut geklappt. Mitarbeiter vom Ordnungsamt waren mit dabei und haben sich toll gekümmert“, lobt Heike Gebert.

Dass der Markt auch in Havelberg erlaubt wurde, ist Meinhard Jüstel zu verdanken. Der Marktbetreiber stand seit Wochenbeginn mit dem Ordnungsamt und auch dem Bürgermeister im Kontakt, um eine Lösung zu finden. „Jeder hat die neue Verordnung anders gelesen und gedeutet. Das hat es nicht leicht gemacht. In einigen Städten war von Maskenpflicht, Eingangskontrolle und Einzäunung die Rede“, berichtet er von ungezählten Telefonaten in den vergangenen Tagen. Denn er richtet Märkte etwa auch in Osterburg, Seehausen, Wittenberge und Rathenow aus. Er stand mit Bürgermeistern und Ordnungsämtern im Kontakt, diese fragten teilweise beim Kreis oder Land nach, wie zu verfahren sei. „Mich ärgert, dass jemand was in die Verordnung schreibt, egal, ob es logisch ist oder nicht, und das dann in den Behörden teilweise blind umgesetzt wird, ohne darüber nachzudenken. Es gibt auch noch ein Leben nach Corona. Meiner Meinung nach, sind die Märkte an der frischen Luft ein sicherer Platz zum Einkaufen“, zieht er den Vergleich zu Supermärkten.

In Havelberg stehen auf dem Marktplatz 500 Quadratmeter zur Verfügung. Nach der geltenden Regel, eine Person auf zehn Quadratmeter, dürfen sich 50 Menschen aufhalten. Das ließ sich problemlos umsetzen. Nach hinten hin war der Platz mit Flatterband und Absperrgitter abgegrenzt. Vorn war der Eingangsbereich und die Händler hatten einen Überblick, wie viele Besucher kamen. „Ich habe ein paarmal durchgezählt, die 50 haben wir nie erreicht“, so Meinhard Jüstel. Er hofft, dass der Frischemarkt auch in den nächsten Wochen so stattfinden darf. Das wünscht sich auch Pawel Stec. Der Pole fährt seit 2014 jeden Freitag in aller Frühe los, um nach 320 Kilometern Fahrt von seinem Heimatort aus pünktlich in Havelberg zu sein.

Gerade jetzt, wo er Grabgestecke geordert hat, wäre es für ihn schlimm, nicht zum Markt kommen zu können. „Ich hatte die ganze Woche Bauchschmerzen. Die Gestecke sind teuer. Könnte ich nicht herfahren, bliebe mir nur, sie in den Ofen zu stecken. Ich verdiene hier mein Brot und war glücklich, als ich Donnerstagnachmittag den Anruf erhalten habe, nach Havelberg fahren zu können.“ Obst, Gemüse, Käse, Butter, Konserven und Süßes gehören zum Angebot des Händlers.

„Uns ist durch den Lockdown ein großer Abnehmer weggebrochen. Ein Hotelier im Erzgebirge, der 500 Betten hat, ist ein guter Kunde. Meine Frau kann zum Glück noch zu Märkten in Eisenhüttenstadt und Frankfurt/Oder fahren. Kollegen erzählten, dass in Stendal kein Markt ist. So was ist schlimm für uns Händler.“

Froh auch für die Händler

„Ich bin froh und glücklich, dass heute Frischemarkt ist, auch für die Händler“, sagt Gudrun Frank. Und auch Hedwig Leue ist froh, dass es den Markt gibt. „Ich bin jede Woche hier. Sonst haben wir doch auf der Stadtinsel nichts mehr, um Lebensmittel einzukaufen. Das ist für alte Leute nicht schön. Den Weg hoch in die Stadt schaffe ich zu Fuß nicht mehr.“

Gebangt, ob der Markt stattfindet, hat auch Juliane Brandt aus Neukamern. Seit fünf Jahren ist sie mit ihrem Fischwagen jeden Freitag in Havelberg. „Wenn die Märkte nicht mehr wären, müssten wir Insolvenz anmelden.“ Schlimm war, „so lange in der Luft zu hängen, wir müssen die Ware doch vorbereiten und können nicht erst Donnerstagnachmittag damit anfangen.“ Ihr gegenüber wendet Steffen Krämer Würstchen und Buletten auf dem Grill. „Natürlich sind auch wir froh, dass unsere letzten Einnahmequellen nicht auch noch weg sind.“