Havelberg l Jede Stadt und jeder Ort will sich zu allen Jahreszeiten von seinen schönsten Seiten präsentieren, um bei Touristen und auch bei den Bewohnern selbst einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. An den Privatgrundstücken sorgen die Eigentümer dafür und in den öffentlichen Anlagen ist der städtische Bauhof dafür zuständig. Vor einem halben Jahrhundert, und auch noch danach, waren das in der Domstadt Havelberg die Stadtarbeiter vom Rat der Stadt. Sie hatten, ebenso wie es heute noch ist, alle Hände voll zu tun. Hinzu kam aber auch noch, dass es lange nicht so eine moderne Technik gab, wie sie es heute gibt. Die Zeiten waren eben anders und trotzdem waren sie nicht schlecht. Davon reden natürlich ältere Menschen besonders gerne.

Pioniere im Einsatz

Der Rat der Stadt hatte damals Patenschaftsverträge mit den Schülern der städtischen Schulen, die dann in den verschiedensten Parkanlagen und an anderen Stellen für Ordnung und Sauberkeit sorgten. Einige der sich jetzt schon lange im Ruhestand befindenden Lehrer können sich noch an diese Pflegearbeiten erinnern. So auch Bernd Döring, der Vorsitzender des Behindertenverbandes ist. „Das mit den Patenbrigaden war früher eine feine Sache und die Schüler waren immer voller Elan dabei. An den Pioniernachmittagen, die ja alle 14 Tage stattfanden, wurden zusätzlich Altstoffe für Spenden für Vietnam gesammelt. Eicheln und Kastanien für die Tiere im Wald wurden ebenfalls gesammelt und das sorgte auch schon für etwas Sauberkeit in den Anlagen. Davon waren die Pioniere mehr begeistert als von den aktuell politischen Gesprächen, die als Pflichtteil geführt werden mussten“, blickt der Havelberger zurück.

Christel Hille, eine Lehrerin aus dieser Zeit, kannte die Pflegeobjekte auch, aber hatte damit nichts zu tun. Sie hörte sich aber bei den Ehemaligen um und benannte einige von ihnen. Die Seniorin Doris Klatt, sie war von 1959 bis 1978 als Lehrerin und später als stellvertretende Schulleiterin und Schulleiterin an der damaligen Zentralen Oberschule Havelberg, heute Erlebnispädagogisches Centrum Havelberg ELCH, tätig, kennt das alles auch noch. „Die Pflegenachmittage waren als Pioniernachmittage ausgeschrieben und daher immer gut besucht. Pflegeobjekte waren zum Beispiel die Parkanlagen Am Camps, der Stadtberg, das Marchlewski-Denkmal, der sowjetische Ehrenfriedhof am Dom, die Schurre – das ist die Treppe, die vom Camps zum Steintor hinunterführt –, die Bushaltestelle am Wasserturm und einige mehr“, so Doris Klatt. Sie hatte auch noch mit ihrem ehemaligen Kollegen Günter Botzon über diese Objekte gesprochen und er kann sich noch gut daran erinnern, dass er damals mit größeren Schülern die Abwasserschächte in der Friedensstraße ausgehoben hat.

Bilder

Nach dem Havelberger Pferdemarkt wurden ebenfalls Schüler zum Aufräumen der Straßen und Plätze mit herangezogen. Vor der Eröffnung des Marchlewski-Denkmals im Oktober 1969 säuberten Pioniere die Straße vom Wasserturm bis zum Denkmal, die dann Julian-Marchlewski-Straße hieß (heute Birkenweg). Die Pappeln, die heute hochgewachsen am Karussellplatz im Mühlenholz stehen, wurden damals auch von Pionieren gepflanzt.

Heute unvorstellbar?

Für Einzelobjekte, die von den Pionieren gepflegt wurden, gab es von der Stadt einen kleinen vereinbarten Betrag für die Klassenkassen. Einen pauschalen Jahrespreis erhielten die Schüler für Dauerprojekte, die das ganze Jahr über gepflegt werden mussten. Mit den Reinigungs- oder Gartengeräten ausgestattet, zogen die Pioniere frohgelaunt zu ihren Pflegeobjekten. Es war die Zeit, als noch nicht einmal in jedem Haushalt ein Fernseher stand und an Smartphone, Playstation und Co noch lange nicht zu denken war. Neben ihren Hobbys oder der Mitgliedschaft in Sport- oder anderen Vereinen hatten die Schüler Zeit für solche Dinge.

Heute unvorstellbar? Der stellvertretende Leiter der Havelberger Sekundarschule „Am Weinberg“ Ulrich Gruber sagt dazu Folgendes: „Möglich wäre das heute schon. Aber es gäbe sicherlich auch Probleme, denn wir haben zum Beispiel zahlreiche Fahrschüler, die bis spätestens 15 Uhr die Stadt verlassen haben und nur die Havelberger wären dann beteiligt. Die Frage der Versicherung stände ebenfalls im Raum und wer weiß, was die Eltern dazu sagen würden. Hinzu kommt noch, dass die Schüler heute andere Interessen haben, dass unsere Lehrer leider immer älter werden und auch mehr Arbeit in ihrer Freizeit verrichten müssen. Ein kleiner Schritt in Richtung Ordnung und Sauberkeit wäre es schon, wenn die Schüler beim ,Abhängen‘ in den Anlagen ihren Müll in die Papierkörbe werfen würden.“