Offener Brief

Die Mitarbeiter des Havelberger Krankenhauses wollen nicht kampflos aufgeben und haben am Dienstag einen Offenen Brief verfasst, der unter anderem an den Ministerpräsidenten und die Sozialministerin geschickt worden ist.

Darin bitten sie darum, sich für den Erhalt des Krankenhauses einzusetzen und laden die Politiker zu einem Besuch des Klinikums ein (morgen mehr dazu).

Havelberg l Die KMG Kliniken haben die Schließung des Havelberger Krankenhauses beschlosssen. Stattdessen soll ein Seniorenheim mit 58 Betten eingerichtet werden. Über die Gründe und die Pläne der KMG für den Standort Havelberg spricht der Vorstandsvorsitzende Stefan Eschmann im Interview mit der Volksstimme.

Die Nachricht von der beabsichtigten Schließung des Krankenhauses Havelberg hat die Menschen hier geschockt. Hat Sie die Welle des Protests überrascht?
Stefan Eschmann:
Nein, die Welle des Protests überrascht mich nicht. Ich glaube, dass sie eine nachvollziehbare Reaktion auf diese Nachricht ist.

Wann wollten Sie die Belegschaft über die Pläne informieren?
Wir wollten unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Donnerstagmorgen, 9. Januar, darüber informieren, nachdem wir am Tag zuvor den Landrat und Bürgermeister informiert hatten. Wir haben dies dann auf ausdrücklichen Wunsch des Landkreises und der Stadt Havelberg noch nicht getan, weil man erst Gespräche mit dem Land führen wollte. Die Absprachen, uns zu informieren, bevor es öffentlich wird, haben, warum auch immer, nicht funktioniert. Als am Freitagmittag erste Meldungen kamen, dass die Nachricht doch öffentlich geworden ist, haben wir sofort eine improvisierte Betriebsversammlung abgehalten, zu der so kurzfristig natürlich kaum jemand erscheinen konnte. Es sollte dann am darauffolgenden Montag eine Betriebsversammlung stattfinden, die aber auf Wunsch des Betriebsrates auf Montag dieser Woche gelegt wurde.

Ich habe mich gleich zu Beginn der Betriebsversammlung dafür entschuldigt. Wir haben unsere Konsequenzen daraus gezogen und kommunizieren nun hier in Havelberg ausschließlich so, wie wir das für erforderlich halten.

Wie kommt es, dass Sie noch zum Jahresende für die Krankenhausplanung des Landes ein Krankenhaus mit 37 Betten anmelden und dann in den ersten Januartagen das Aus der stationären medizinischen Versorgung mitteilen?
Wir sind Ende des Jahres in einem standardisierten Verfahren aufgefordert worden mitzuteilen, wie viele Betten wir am Standort betreiben. Wir sollten den Status Quo melden und uns wurde gesagt, wenn wir daran kurzfristig etwas ändern wollen, dann müssten wir das separat tun. Da wir im Dezember die endgültige Entscheidung noch nicht herbeigeführt hatten, war das zu der Zeit die formal juristisch korrekte Antwort, die jetzt leider im Gesamtkontext sehr unglücklich gewirkt hat.

 

Verluste seit Jahren

Wir wissen inzwischen, dass die Einrichtung eines Seniorenheimes 2013 bei der Fördergeldzusage von Seiten des Landes Ihr Auftrag war, sollte das Krankenhaus nicht wirtschaftlich betrieben werden können. Was sagen Sie zu dem Vorwurf, dass Sie seither auf die Schließung des Krankenhauses hingearbeitet haben, weil sich mit einem Seniorenheim im Gegensatz zu einem kleinen Krankenhaus besser Geld verdienen lässt?
Die Betriebsergebnisse zeigen, dass das Krankenhaus in Havelberg in dem Zeitraum 2010 bis 2019 insgesamt 13,2 Millionen Euro Betriebsverluste erwirtschaftet hat. Zuletzt haben wir im Jahr 2009 einen Gewinn in Höhe von 19.000 Euro erwirtschaftet. Der Neubau eines Seniorenheimes hier am Standort hätte weniger als die Hälfte gekostet von dem, was wir aufgewendet haben für den Versuch, das Krankenhaus am Leben zu erhalten.

Aber es ist in den vergangenen Jahren der Eindruck entstanden, dass es keine Anstrengungen mehr gab, das Haus mit Leben zu erfüllen. Man kann doch nur Positives erreichen, wenn man dafür auch was unternimmt.
Da gebe ich Ihnen recht. Als Frau Kirchner-Bauer und ich im Jahr 2014 in die Verantwortung für die KMG Gruppe gekommen sind, haben wir einen Standort vorgefunden, der sowohl vom Management als auch zum Teil von den Chefärzten unseres Krankenhauses in Kyritz geführt wurde. Wir haben sofort gesagt, dass wir diesen Standort nicht entwickeln können, wenn er kein eigenes Führungspersonal hat, das sich zu hundert Prozent mit dem Standort identifiziert. Das wäre wie gegen sich selbst Schach zu spielen. Man dreht das Brett immer um und tut so, als wäre man neutral. Aber eigentlich hat man sich zumindest unterbewusst für schwarz oder weiß entschieden. Deshalb haben wir beschlossen, dass jeder Bereich mit einem Chefarzt besetzt wird, der dann auch das Gesicht dieses Krankenhauses ist. Und es braucht auch einen eigenen Geschäftsführer, der sich mit dem Haus identifiziert.

Mit welchem Erfolg?
Mit Professor Wertgen ist uns das für den Bereich Innere Medizin ganz gut gelungen. Für die Chirurgie war es etwas schwieriger. Ich habe das gerade in der Betriebsversammlung erläutert: In der Inneren Medizin ist es uns gelungen, von 2015 zu 2016 die Fallzahlen zu steigern, gleichzeitig sind die Erlöse des Krankenhauses jedoch zurückgegangen. Das liegt daran, dass die Vergütung für die behandelten Fälle immer weiter abgewertet wurde. Einerseits konnte ich die Kolleginnen und Kollegen in Havelberg für ihre gute Arbeit loben, dafür, dass sie mehr Patientinnen und Patienten behandelt hatten. Andererseits haben wir trotz der gestiegenen Fallzahl in der Inneren Abteilung 100.000 Euro weniger an Erlösen erwirtschaftet als im Jahr zuvor – obwohl sich also alle richtig angestrengt und reingehängt haben. Sie haben zu recht gesagt, wer sich nicht bemüht, der bewegt nichts. Damit kommen wir zum nächsten Problem in diesem Haus. Wir hatten zum Beispiel zunächst gesagt, dass sich die neu gebaute ITS für ein Weaning, also für die Entwöhnung von langzeitbeatmeten Patienten eignen würde. Diese werden von Krankenhäusern wegverlegt, weil sie da Intensivkapazitäten belegen und kommen in sogenannte Weaning-Zentren, die die Patientinnen und Patienten langsam von der Beatmung entwöhnen.

Keine Fachkräfte

Warum ist daraus nichts geworden?
Man braucht dafür Fachkräfte und wir haben nach ungefähr einem dreiviertel Jahr gemerkt, dass es einfach unrealistisch ist, diese Ärztinnen oder Ärzte in dieser Anzahl für Havelberg zu finden. Denn wir hätten eine ganze Reihe davon gebraucht, um das 24-Stunden-Dienstsystem gewährleisten zu können.

 

Das wäre eine Variante für eine Spezialisierung gewesen. Gab es weitere Ideen?
Als nächstes haben wir gesagt, dass die Pulmologie als Ergänzung hier am Standort sinnhaft wäre. Wir haben über mehrere Jahre x-Anläufe gemacht, einen Arzt oder eine Ärztin zu finden. Auch über persönliche Kontakte meiner Kollegin Frau Kirchner-Bauer, die an Wochenenden Ärzten das Krankenhaus zeigte. Letztlich hat sich leider kein Arzt und keine Ärztin für diesen Standort gefunden. Es ist eben nicht damit getan, dass wir die finanziellen Mittel und auch die Geräte zur Verfügung stellen. Wenn wir die Fachleute dafür nicht haben, dann scheitert es. Dann hatten wir versucht, eine radiologische Praxis und somit ein CT und eventuell auch ein MRT in Havelberg anzusiedeln. Dafür hätten wir hier einen KV-Sitz benötigt und vor allem einen Radiologen. Den Sitz hätten wir vermutlich bekommen. Wir haben mehrmals, auch mit einem Headhunter, für jeweils fast ein Jahr nach einem Radiologen gesucht. Wir haben nicht eine einzige Bewerbung erhalten. Das ist das Riesenproblem. In der Betriebsversammlung hat zum Beispiel eine Kollegin gefragt, warum keine Rheumatologie eingerichtet wurde. Ich habe darauf hingewiesen, dass wir in Kyritz mit Dr. Weigelt den einzigen Rheumatologen zwischen Berlin und der Ostsee haben. Selbst Neuruppin als Schwerpunktversorger war mit dem Weggang seiner Rheumatologen konfrontiert. Einen solchen Facharzt in Deutschland zu bekommen, ist wahnsinnig schwer, für ein sehr kleines Haus wie Havelberg fast unmöglich. .

Mit Professor Wertgen schien doch aber jemand gefunden, der das Haus entwickeln wollte. Nur hieß es bei seinem Weggang 2017, dass ihm ein Facharzt und Medizintechnik nicht gewährt worden seien.
Als Prof. Wertgen gekommen ist, haben wir die Endoskopie erneuert. Das waren für den Standort Havelberg durchaus erhebliche Investitionen, die wir komplett mit Eigenmitteln finanziert haben. Was die Frage des Facharztes angeht – ich kann mir nicht vorstellen, dass Prof. Wertgen deshalb gegangen ist. Bei allem, was da gesagt worden ist: Ich glaube, er hat für sich selbst die Perspektive woanders gesehen. Es macht aber, denke ich, keinen Sinn über seine Gründe, sich beruflich neu zu orientieren, zu spekulieren. Den Abwärtstrend hätte auch er leider nicht aufhalten können. Realistisch gesehen, wird es sich in den nächsten Jahren zudem so entwickeln, dass immer mehr von dem, was Havelberg heute stationär leistet, in den ambulanten Bereich verlagert wird.

Aber warum ist die neue ITS nie in Betrieb gegangen?
Patientinnen und Patienten, die auf der ITS betreut werden mussten, also wirklich ITS-pflichtig waren, gab es aufgrund des Behandlungsspektrums eines so kleinen Krankenhauses kaum. Dafür haben wir enorm viel spezialisiertes Personal vorgehalten. Wir haben dann gesagt, dass wir keine Intensivstation, aber eine Überwachungseinheit brauchen. Die haben wir im Interesse eines wirtschaftlichen Krankenhauses nicht auf der ITS eingerichtet, weil die räumlich so weit auseinander lagen. Wir haben diese in einem abgetrennten Bereich der internistischen Station aufgebaut, von wo aus sie mit betreut werden konnte. Ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass das der einzige vernünftige Schritt war.

Warum wurde aus zwei Stationen eine gemacht?
Wir hatten nicht vor, die Kapazität zu verringern, sondern wir haben 2018 auf den massiven Patienteneinbruch reagiert. Wir hatten 2014 insgesamt noch 2261 Patienten stationär. 2019 hatten wir nur noch 1454. Die Zahl ist kontinuierlich nach unten gegangen. Deshalb haben wir dann beschlossen, dass die Station unten mit ihren 37 Betten ausreicht. Es gab vielleicht eine Handvoll an Tagen, wo diese Plätze nicht ausgereicht hätten.

In vielen Gesprächen der vergangenen Tage war zu hören, dass Havelberg oft von sich aus Patienten weiterverlegt hat. Ist das Problem vielleicht doch auch hausgemacht?
Ich glaube das tatsächlich nicht, denn hier spielen ganz viele Faktoren eine Rolle. Wir haben einmal die Personalseite, wo wir überlegen mussten, wie wir Fachkräfte hierhin bekommen. Wir mussten vor Jahren sogar unsere Hausarztpraxis hier aufgeben, weil die Nachbesetzung nicht möglich war. In der Gesamtbetrachtung darf man auch nicht außer Acht lassen, dass die gesamten Rahmenbedingungen gerade so zugeschnitten werden, dass solche Kliniken wie Havelberg nicht mehr in der gewohnten Form existieren können. Wir werden nicht gegen Vorgaben, die deutschlandweit gelten, bestehen können als einsamer Ritter. Das Problem ist, dass die Interessen im Bund ganz andere sind als die im Land und auf der kommunalen oder ganz lokalen Ebene. Noch fehlen die gesetzlichen Vorgaben, dass man zum Beispiel Praxiskliniken, also teilstationäre Einrichtungen, betreibt. Ich denke, dass sich hier in den nächsten Jahren etwas tun wird, aktuell gibt es diese Möglichkeit aber nicht.

Blicken wir in die Zukunft: KMG hat Gespräche mit allen Akteuren angekündigt, um Zukunftspläne des Gesundheitsstandortes Havelberg zu erörtern. Können die aus Ihrer Sicht möglicherweise doch noch eine stationäre medizinische Versorgung beinhalten, wenn es mehr finanzielle Hilfen gibt?
Unter den heutigen Rahmenbedingungen können wir das nicht. Denn der Betrieb wird nicht günstiger, wenn er kleiner wird.

Was sind Ihre Pläne?
Das Kernelement, von dem wir zur Sicherung des Standortes sprechen, ist das Seniorenheim. Das möchten wir gern in zwei Schritten in Betrieb nehmen. Mit der Teileröffnung möchten wir im März beginnen. Da setzen wir gerade alles daran. Im Laufe des Jahres würden wir dann den zweiten Teil, also die Station im Erdgeschoss, umbauen und in Betrieb nehmen wollen. Dafür müssen wir jetzt Gespräche mit unseren heutigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern führen - denn ohne sie wird das nicht funktionieren. Nur mit neuem Personal ginge das nicht.

Wie viel bräuchten Sie bei 58 Bewohnern?
Wir brauchen nicht alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um 58 Plätze zu betreiben, denn wir fangen ja erst an und werden nicht vom ersten Tag an voll belegt sein. Wir bräuchten erst einmal so viel Personal, dass wir die ersten 10 bis 15 Bewohnerinnen und Bewohner gut versorgen können. Im Gespräch mit dem Betriebsrat und in der Betriebsversammlung habe ich angekündigt, dass wir zeitnah formell die ersten Gespräche führen werden.

Wie lange soll das Krankenhaus noch in Betrieb sein?
Das kann ich heute noch nicht sagen, weil wir das nicht allein entscheiden. Das müssen wir mit den Behörden abstimmen. Wir werden uns natürlich an alle Vorgaben halten.

Offen für einen Verkauf

Sind Sie am Donnerstag beim Gespräch im Sozialministerium dabei?
Nein. Ich habe am Freitagnachmittag die Einladung dafür erhalten. Ich habe seit über vier Wochen einen Termin für Tarifverhandlungen mit dem Marburger Bund für Donnerstag abgestimmt. Deshalb habe ich am Montag darum gebeten, Termine mit mir abzustimmen, wenn man möchte, dass ich dabei bin. Ich finde es extrem bedauerlich, nicht dabei sein zu können und habe auch nicht die Absicht, irgendwas zu blockieren.

Trifft das auch auf die Rückfallklausel aus dem Vertrag zwischen Landkreis und KMG von 2002 zu. Würden Sie einem Verkauf zustimmen?
Ich werde mich dem bestimmt nicht verschließen. Bis jetzt ist aber niemand an mich herangetreten. Wir sind dafür völlig offen. Aber ich kann nur davor warnen, Hoffnungen zu nähren, die am Ende nicht realistisch sind.