Schollene l Eine böse Überraschung erlebte Jennifer Schindler in ihrem Bad. Wasser schwappte aus ihrer Toilette, es rauschte heftig und stank. „Die Geräuschkulisse war unglaublich. Ich wusste gar nicht, was da geschah“, sagt die Schollenerin, die mit ihrem gerade vier Wochen alten Baby zu Hause war. Das Wasser aus der Toilette breitete sich auf dem Fußboden aus. Schnell legte sie Handtücher aus, die das Wasser aufsaugen sollten. Mit dem Handy filmte sie, was da geschah und rief dann bei den Stadtwerken in Havelberg an.

Dort erfuhr die Schollenerin den Grund: Im Auftrag des Trinkwasser- und Abwasserzweckverbandes Havelberg werden in der Seegemeinde derzeit Kanalnetzreinigungen vorgenommen. Dabei wird Druck durch die Leitungen geschickt, der dazu führen kann, dass das Abwasser aus der Toilette und den Wasserabläufen drückt. Per Annonce in der Volksstimme hatten die Stadtwerke, die die Geschäfte des Verbandes führen, am 4. Januar darauf aufmerksam gemacht und auch Hinweise gegeben, wie man sich schützen kann. Doch das hat Jennifer Schindler nicht gesehen. „Ich habe keine Zeitung. Wären Postwurfsendungen nicht besser? Der Schornsteinfeger macht das doch auch“, findet sie diese Information in der Zeitung nicht ausreichend.

Doch auch wer die Anzeige gesehen hat, kann unter Umständen von den Reinigungsarbeiten überrascht worden sein. Denn der Zeitraum ist mit dem 7. bis 31. Januar sehr großzügig angegeben. „Ich kann doch nicht tagelang meine Toilette und die Abflüsse verschließen“, kritisiert die Schollenerin. Aus Gesprächen mit ihren Nachbarn in der Friedensstraße weiß sie, dass auch da so mancher böse überrascht wurde von Abwasser, das sich aus dem Klo heraus den Weg in die Bäder suchte.

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Schutz der Anlagen

Sie bestand darauf, dass jemand von den Stadtwerken kommt und sich den Schaden ansieht. Das machten Mitarbeiter auch.

Die Volksstimme sprach mit Anja Asche, Abteilungsleiterin Abwasserentsorgung, und Meister Erik Heise. Der beste Schutz gegen zurückstauendes Abwasser – auch bei Starkregen – ist ein Rückstauverschluss. Einen solchen haben allerdings sehr wenige Leute in ihren Häusern, weil die Installation recht kostenaufwendig ist, weiß Anja Asche. Außerdem ist eine vernünftige Entlüftungsleitung für die Grundstücksentwässerungsanlage, die meist übers Dach erfolgt, erforderlich. Sie sorgt für den Druckausgleich.

Das Verfahren, das für die Kanalreinigungsarbeiten zum Einsatz kommt, ist ein anerkanntes. Der Wasserverband Osterburg wendet dieses zum Beispiel auch an. Eine Firma aus Wittenberge ist damit beauftragt. Die Arbeiten in Schollene sind planmäßig. Sie erfolgen aufgrund der 2011 vom Land Sachsen-Anhalt erlassenen Eigenüberwachungsverordnung, nach der in den Abwasserkanälen alle zehn Jahre eine TV-Kanal-Inspektion vorzunehmen ist. Nach den Saug- und Spülarbeiten wird der Kanal mit einer Kamera befahren, um mögliche Schäden festzustellen. Zuletzt wurde das im Dezember in Sandau vorgenommen, davor in einigen Straßenzügen Havelbergs. Als nächstes ist das in Schönhausen zwischen Bundesstraße und Elbe geplant. Ein Termin dafür ist noch nicht bekannt.

Durch die Reinigung mit Hochdruck entstehen Luftblasen in den Leitungen. Die können dazu führen, dass Trapse oder andere Geruchsverschlüsse bewegt oder leergesaugt werden. Letzteres führt bei einer nicht ordentlichen Entlüftung der Anlage durch das Dach zu fürchterlichem Gestank. Ist das der Fall, müssen die Geruchsverschlüsse wieder mit Wasser aufgefüllt werden. Dazu muss jeweils zirka ein Liter Wasser in Waschbecken, Spüle, Dusche, Wanne und Toilette laufen. Und natürlich sollten die Fenster geöffnet werden.

90 Kilometer Kanalnetz

„Wenn es Probleme im Kanalnetz gibt oder bei Baumaßnahmen, wird der Kanal auch gezogen. Das können wir dann vorher nicht ankündigen. Es kann also jederzeit möglich sein, dass solche Kanalreinigungen erforderlich sind“, macht Anja Asche darauf aufmerksam, dass der beste Schutz der Rückstauverschluss und die Entlüftung sind.

In Schollene ist die Hälfte der Arbeiten geschafft. Ab Montag, 20. Januar, stehen die Schul-, Linden-, Rathenower, Garten-, Weinberg-, Brücken-, August-Bebel- und die Kiezer Straße, berichtet Erik Heise.

Der Wasserverband will pro Jahr neun Kilometer Kanalreinigung im Verbandsgebiet schaffen. Bei 90 Kilometern Gesamtlänge Abwassernetz beginnt das ganze dann nach zehn Jahren wieder von vorn.

Zur Ankündigung überlegen die Stadtwerke, diese künftig im GeneralAnzeiger vorzunehmen, der jedem Haushalt kostenlos zugestellt wird.