Pedalenspione

Kanzler, Katte, Kloster und Kühe im Elbe-Havel-Land radelnd ausspioniert

Wie es sich mit Hilfe des neuen Radwegeleitsystems radeln lässt, testeten die Pedalenspione des Elb-Havel-Winkels auf vier Etappen. Die zweite führte auf der Südroute von Klietz über Schönhausen und Wust bis nach Jerichow.

Von Ingo Freihorst 02.07.2021, 17:10 • Aktualisiert: 02.07.2021, 18:16
Von Jerichow aus - im Hintergrund ist die Klosteranlage zu sehen - kann man auf dem asphaltierten Elbdeich bis Klietz radeln, wenn die Deichbaustelle bei Neuermark-Lübars in Kürze fertiggestellt ist.
Von Jerichow aus - im Hintergrund ist die Klosteranlage zu sehen - kann man auf dem asphaltierten Elbdeich bis Klietz radeln, wenn die Deichbaustelle bei Neuermark-Lübars in Kürze fertiggestellt ist. Foto: Ingo Freihorst

Elbe-Havel-Land - Am Landguthotel in Klietz brechen die Pedalenspione und die beiden Blogger aus Berlin zur zweiten Etappe auf. Die Räder waren in der Nacht in einem Schuppen untergebracht. Schräg gegenüber, an der Kreuzung vor der Kirche, befindet sich ein neuer Nummernwegweiser für die Radler – hier hatten so manch ortsunkundige Pedalritter zuvor oft lange nach dem rechten Weg gesucht. Nun ist der Weg nach Neuermark-Lübars ausgeschildert, wobei derzeit wegen der Arbeiten am Elbdeich bei Hohengöhren noch eine Umleitung über die Dammdörfer besteht.

Doch die Spione kennen sich aus und schlagen hinter Neuermark-Lübars den Weg nach rechts zum Waldrand ein. Am Ende des Radweges ist aus Haftungsgründen übrigens kein Wegweiser angebracht.

Bismarckmuseum ist das erste Tagesziel

Erstes Tagesziel ist das Bismarck-Museum in Schönhausen, wo Mitarbeiterin Katja Gosdek den Tross begrüßt. Die bundeseigene Otto-von-Bismarck-Stiftung, welche politische Bildungsarbeit betreibt, engagiert sich seit 2007 auch in Schönhausen, dem Geburtsort des ersten deutschen Reichskanzlers. Die Bismarcks siedeln seit dem 16. Jahrhundert hier an der Elbe, erfahren die Spione. Einst war Schönhausen ein Rittergut.

Neben dem Museum steht die einstige Patronatskirche, wo Otto von Bismarck am 15. Mai 1815 getauft worden war. Die Schönhauser Touristinfo befindet sich im einstigen Gärtner- und Inspektorenhaus der Bismarcks. Wo jetzt der Döner verkauft wird, wohnten damals die Kutscher, daneben standen die Ochsenställe. Das Herrenhaus der in der DDR als Junker verpönten Bismarcks wurde 1958 im Rahmen einer NVA-Übung gesprengt, lediglich der Zofenflügel-Anbau blieb stehen – die Mieter wollten nicht ausziehen. Die erste Sprengungswelle in der DDR hatte das Gebäude überlebt, weil Bismarck einst Russland freundschaftlich verbunden war. Als Dank hatte er unter anderem eine Wodka-Rezeptur erhalten.

Mieter wollten zur Sprengung nicht ausziehen

Seit 1989 befindet sich im Zofenflügel das Bismarck-Museum. Inzwischen hat das Land sämtliche Exponate von den Bismarcks erworben – samt Figuren und Kanonen im Park. Letzterer wurde beim Hochwasser 2013 übel geschädigt und wird derzeit umfassend saniert.

Weiter geht es durch die Feldmark nach Wust. Dabei fällt noch in Schönhausen auf, dass der neue nummerierte Wegweiser an der Einmündung der Körner- in die Fontanestraße ungünstig an der Straße steht – besser wäre am Gehweg. Der nächste an der Breitscheidstraße ist optimal platziert, dort biegen die Spione ab in Richtung Siedlung und radeln gen Wust. Begleitet von blühendem Mohn auf den Feldrainen.

Barocke Kassettendecke in Wust ist sehenswert

Als ein Kleinod unter den Kirchen gilt jene in Wust, welche zwischen 1196 und 1206 als spätromanische Backsteinbasilika errichtet worden war. Hoch oben auf dem Turm zeugt die Wetterfahne vom einstigen Patron: Sie zeigt eine Katze. Weshalb diese Region auch als Katte-Winkel bekannt ist. 1726 hatten die Kattes das Patronat dem Kloster Jerichow abgekauft.

Um den Erhalt der sechs Kirchen im Katte-Winkel kümmert sich der Geschichtskreis und Marionettenbühne im Kirchspiel Wulkow-Wust (GuM), welchem auch Kirchenführer Hans Schulz angehört. Die Offene Kirche kann nun wieder besichtigt werden, sechs Kirchenführer sichern von Freitag bis Sonntag die Führungen ab. Der GuM bietet Gästen auch komplette Pauschalangebote – samt Versorgung und Marionettenspiel. Acht Monate musste der Probebetrieb der Marionettenspieler ruhen, jetzt werden die „Bremer Stadtmusikanten“ einstudiert.

Kassettendecke fällt ins Auge

Ins Auge fällt in der Kirche vor allem die bemalte barocke Kassettendecke, welche um 1665 entstanden war. Sehenswert ist auch der kunstvoll bemalte Sarg hinterm Altar, in ihm ruht die 1671 verstorbene Dorothee Katt. Ihr Mann Hans Katt war es, der die Decke gestiftet hatte.

In diesem Jahr wird übrigens die Rettung der Kirche vor 40 Jahren groß gefeiert – drei Jugendliche hatten das vom Abriss bedrohte Gotteshaus dank ihrer freiwilligen Arbeit gerettet. Lediglich 350 Mark im Monat konnte ihnen die Kirche als Lohn zahlen – irgendwann war auch dieses Geld alle. Nach einem Spendenaufruf kamen fast 40000 Mark zusammen, die Wiedereinweihung wurde Ende August 1981 mit 1500 Gästen gefeiert.

Ein Muuuhseum im alten Getreidespeicher

In Wust befindet sich nicht nur eine außergewöhnliche Kirche, sondern auch ein ebensolches Museum. Genauer gesagt ein Muuuhseum, denn im Mittelpunkt steht hier die Kuh. Begonnen hatte alles damit, dass der Sommerschulverein den alten Getreidespeicher erworben und ausgebaut hatte. Zwei Etagen nutzt der Verein, in der noch freien Ebene durfte Gerd Faller-Walzer seine Kuh-Sammlung präsentieren. Diese wuchs mit der Zeit immer mehr an, sogar in Afghanistan wurden dafür Exponate angefertigt.

Die Sommerschule für englische Sprache und Literatur hätte im Vorjahr ihr 30-jähriges Jubiläum gefeiert, doch fiel sie da wie auch dieses Jahr wegen der Pandemie aus. Bis zu 130 Teilnehmer aus ganz Deutschland und darüber hinaus waren bei einem der beiden Durchgänge dabei. Es gab nicht nur Kunst- und Musikkurse, sondern auch Theateraufführungen, Lesungen und Vorträge.

Über Melkow und Mangelsdorf gelangen die Spione zuletzt nach Jerichow, wo sie von „Burgfrau“ Christina Graf begrüßt wurden. Das von den Prämonstratensern errichtete Kloster gilt als ältester Backsteinbau Norddeutschlands. Dort wird auch an die Radtouristen gedacht. Es gibt eine Ladestation und Boxen für Räder, denn man kann übernachten. Neu ist die Storchenscheune – wegen der Pandemie fanden noch keine Veranstaltungen statt.

Über 50 Kilometer wurden auf dieser Etappe zurückgelegt, Tour 3 und 4 führten danach gen Norden.

Im Wuster Muuuhseum informierte Gerd Faller-Walzer über dessen Geschichte und die urigen Exponate .
Im Wuster Muuuhseum informierte Gerd Faller-Walzer über dessen Geschichte und die urigen Exponate .
Foto: Ingo Freihorst
Eines der Hochbeete im Kloster Jerichow.
Eines der Hochbeete im Kloster Jerichow.
Foto: Ingo Freihorst
In der Klosteranlage Jerichow durfte ein Besuch der Brennerei mitsamt Verkostung nicht fehlen.  Christina Graf führte im historischen Gewand.
In der Klosteranlage Jerichow durfte ein Besuch der Brennerei mitsamt Verkostung nicht fehlen. Christina Graf führte im historischen Gewand.
Foto: Ingo Freihorst
Mitarbeiterin Katja Gosedeck informierte die Pedalenspione über das Bismarck-Museum in Schönhausen.
Mitarbeiterin Katja Gosedeck informierte die Pedalenspione über das Bismarck-Museum in Schönhausen.
Foto: Ingo Freihorst
In der Wuster Kirche befindet sich hinter dem Altar der Sarg der ersten Frau von Hans Katt, informierte Kirchenführer Hans Schulz von GuM.
In der Wuster Kirche befindet sich hinter dem Altar der Sarg der ersten Frau von Hans Katt, informierte Kirchenführer Hans Schulz von GuM.
Foto: Ingo Freihorst
Im Bismarckmuseum ist dieses Porträt des ersten deutschen Reichskanzlers zu sehen.
Im Bismarckmuseum ist dieses Porträt des ersten deutschen Reichskanzlers zu sehen.
Foto: Ingo Freihorst
Ganz aktuell: So sieht eine Mu(h)tation im Muuuhseum aus.
Ganz aktuell: So sieht eine Mu(h)tation im Muuuhseum aus.
Foto: Ingo Freihorst