Melkow l Ein Wirbelsturm, ein Tourbillon, brauste und fegte in die alten grauen Dachbalken, als das Rossini-Quartett in der Melkower Dorfkirche zu den Instrumenten griff. Als die diesjährige Tournee des Magdeburger Ensembles geplant wurde, waren Konzerte noch nicht wieder gestattet, kirchliche Andachten aber schon, und auch mit musikalischem Programm. So gestaltete das Quartett, das in diesem Jahr tatsächlich nur aus vier Streichern bestand, den musikalischen Rahmen, und Gebet, Ansprache und Segnung nahmen gebührenden Raum ein.

Zwei Kompositionen von Georg Friedrich Telemann (1681 bis 1767) standen auf dem Programm, zum einen eine Sonate für vier Stimmen, die schon vom Komponisten selbst nicht genau bezeichnet waren – man nahm die Musikanten, die man kriegen konnte. Querflöte oder Geige, Fagott oder Gambe oder wie in Melkow Cello und Kontrabass. Telemann hatte die Gabe, so „spielbar“ zu komponieren, dass man eigentlich auf jedem Instrument zurechtkommt, Hauptsache die Stimmlage passt.

Die zweite Telemann-Komposition war der „Tourbillon“, ein Satz aus der Komposition „Perpetuum mobile“. Absolut rasant und frisch zeigten die drei Musiker und eine Musikerin, wie sehr es ihnen Spaß machte, endlich wieder vor Publikum zu spielen. Tourbillon ist auch die Bezeichnung für ein kompliziertes Schwung­system in historischen Uhren. Könnte Telemann vielleicht das gemeint haben? Nun, eher nicht. Der Uhren-Tourbillon wurde erst 1795 erfunden. Da war Telemann fast 30 Jahre tot…

Weitere Höhepunkte waren zwei Kompositionen mit Gesang. „Ombra mai fu“, auf deutsch „Nie war dein Schatten einer Pflanze mir teurer“, besingt in der Oper Xerxes, komponiert von dem Hallenser Georg Friedrich Händel (1685 bis 1759), der persische König eine Platane – die innigste Liebeserklärung an einen Baum, die je vertont wurde. Undine Dreißig gibt der lyrischen Komposition eine atemberaubend sanfte und leidenschaftliche Stimme. Dass in der Oper eigentlich ein Orchester die Sänger begleiten würde, wen kümmert es. Das Quartett lässt an Fülle nichts vermissen. Und noch ein Zweites: Zum Seufzen schön „Caro mio ben“, übersetzt „Mein teurer Geliebter, glaube mir dies, ohne dich verzehrt sich mein Herz. Deine Getreue seufzt unaufhörlich,“ – nicht mehr Barock, sondern mit Guiseppe Giordani (1751 bis 1798) ein Komponist der süditalienischen Klassik.

Mozart in seiner ursprünglichen Komposition

Ganz zart und sehnsüchtig interpretiert die Kammersängerin dieses zeitlose Dahinschmachten, das in allerfeinstem Pianissimo in der Unendlichkeit verweht.

Eine dritte Arie, „Amarilli“ des italienischen Komponisten Giulio Caccini aus dem 16. Jahrhundert, stellt eine Revolution der Musikgeschichte dar: Es handelt sich um das erste Lied in der europäischen Musik überhaupt, für das die Begleitung durch ein Instrument Ton für Ton aufgeschrieben wurde.

Den Abschluss der konzertanten Andacht bildete das viel geliebte Divertimento KV 136 von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791). Mit viel Schwung und großer Präsenz zeigte das Quartett, wie Mozart sich seine Kompositionen ursprünglich gedacht hatte – nämlich jede Stimme nur mit einem einzigen Musiker besetzt, nicht mit einem großen Orchester. Doppelte oder vierfache Besetzungen pro Stimme, das war ein Luxus, den sich nur wenige leisten konnten. 18 Takte voller Magie, „das“ kunstvolle Air von Johann Sebastian Bach, bildeten die Zugabe.

Die einzelnen Stücke wurden, so ist es Tradition, umrahmt mit kurzen Episoden aus der Geschichte Sachsen-Anhalts, dieses Mal zur Lebensgeschichte von Anselm von Havelberg und Norbert von Xanten, dem Gründer des Prämonstratenserordens. Sprecher auch in diesem Jahr war Wolfgang Klose. Pfarrerin Rebekka Prozell stellte mit ihrer Ansprache, Gebet und Segnung den kirchlichen Bezug her.

Da wegen der Corona-Beschränkungen nur 30 Zuhörer in der kleinen Kirche zugelassen waren, hat sich der GUM, der Geschichts- und Marionettenkreis, der das Rossini-Quartett auch in diesem Jahr eingeladen hat, etwas Besonderes ausgedacht: Das Konzert wurde mit Ton und Bild aufgezeichnet und auf DVD gebrannt.

Die DVD mit dem Konzert kann für 5 Euro plus 2,50 Euro Versandkosten bestellt werden beim GUM Geschichts- und Marionettenkreis, Kirche Briest, 39524 Wust-Fischbeck, OT Briest. Mit der DVD kommt eine Rechnung, die dann per Banküberweisung bezahlt werden kann.