Havelberg l Es ist ein ehrgeiziges Vorhaben, das sich Markus und Agnieszka Hinz vorgenommen haben: den alten Kornspeicher am Havelvorland in Havelberg wollen sie in ein Wohnhaus verwandeln. Rund anderthalb Millionen Euro werden investiert.

1940 in den Wirren des Zweiten Weltkrieges erbaut, diente das Gebäude über Jahrzehnte der Speicherung von vielen Tonnen Getreide. Schiffe legten an der Kaimauer an, lieferten das Getreide. Viele Jahre stand das Haus dann leer, eine Eigentümergesellschaft wollte es nutzen. Doch tat sich nichts. Bis 2016 das Gebäude wieder näher in den Fokus rückte. Zum Tag der Städtebausanierung stellte der Garzer Joachim Klose Ideen zur Nutzung vor, ein Workshop mit Baufachleuten fand statt. Die Vorschläge reichten von der Nutzung als Archiv ohne Veränderung der Kubatur des Hauses über Weinkeller, Brauerei bis hin zur Herberge für Fahrradtouristen, Himmelsbeobachtung vom Dachgeschoss aus und Wohnen.

Der Havelberger Markus Hinz entschied sich dafür, den Kornspeicher zu kaufen und Leben einziehen zu lassen. Für seine Altersvorsorge. Was ihn an dem Speicher fasziniert? „Die Ansicht, die Aussicht und vor allem die Lage.“

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Im Frühjahr sagte der Stadtrat Fördergelder aus dem Stadtumbau Ost, Teilprogramm Aufwertung, in Höhe von bis zu 600 000 Euro zu. Nachdem sich über fast drei Jahrzehnte kein Investor gefunden hatte, sind die Stadträte froh, dass es endlich jemanden gibt, der sich der Aufgabe stellen will. Denn das 21 Meter hohe Gebäude hat einen großen Wert für die Hansestadt: Als Landmarke im Dreiklang der Türme Speicher, Stadtkirche und Dom bestimmt es die Silhouette Havelbergs von Süden aus.

150 interessierte Gäste

Bevor nun zu Beginn des neuen Jahres die Bauarbeiter anrücken, hatte Markus Hinz zum Tag der offenen Tür eingeladen, um Interessierten einen Blick in das Innere des Speichers zu bieten und über das Vorhaben zu informieren. Entgegen ersten Planungen mit einem Teil­ausbau des Speichers für sechs Wohnungen soll nun das komplette Gebäude für insgesamt elf Wohnungen umgebaut werden. Dafür müssen 130 Kubikmeter Beton rausgenommen werden, 230 Kubikmeter kommen wieder rein, erklärte der Bauherr den 150 Besuchern bei mehreren Führungen. Der Speicher war bombensicher errichtet worden – im Innern ist alles aus Beton, lediglich die Fassade aus Ziegelsteinen.

In Abstimmung mit dem Denkmalschutz wird sich die Ansicht des Speichers bezüglich der Fenster verändern. Was auch erforderlich ist, um qualitativ hochwertigen Wohnraum anbieten zu können. Dazu gehören große Fensteröffnungen und Balkone beziehungsweise Terrassen. Auf sechs Ebenen entstehen die Wohnungen mit Größen zwischen 42 und 75 Quadratmetern. Insgesamt werden es 600 Quadratmeter Wohnfläche sein.

Soweit es geht, möchte Markus Hinz Teile der historischen Speicherausstattung erhalten und in das Wohnhaus integrieren. Dazu gehört die alte Schüttwaage, auf der noch immer zu sehen ist, dass mit ihr 41 123 Wägungen vorgenommen worden sind.

Kleine Ausstellung ist denkbar

Die Eisenkonstruktion außen, an der das Schüttrohr angebracht war, muss abgenommen werden. Vielleicht finden sich im Erdgeschoss Möglichkeiten, alte Dinge auszustellen. Einen Aufzug wird es bis ins vierte Obergeschoss geben, nur die Bewohner des zweiten Dachgeschosses müssen noch eine Treppe in ihre Wohnung hinaufsteigen, wo sie durch Panoramafenster ein herrlicher Ausblick erwartet. Im Außenbereich hat Markus Hinz ein Grundstück dazu gekauft, um neun Parkplätze und einen kleinen Garten zu schaffen.

„Ich freue mich, dass der Speicher umgebaut wird. Das ist so ein schönes Bauwerk, ich kenne es nun schon seit über 40 Jahren“, sagte Hans-Jürgen Nisch beim Tag der offenen Tür. Wenn er von seinem Haus in der Genthiner Straße aus in die Altstadt geht, kann er jedes Mal die schöne Ansicht, die der Speicher mit prägt, genießen. Der stellvertretende Vorsitzende des Heimatvereins Havelberg hat sich schon lange gefragt, was wohl mit diesem Gebäude geschehen könnte und hatte dabei andere große Speicher wie etwa in Stendal im Blick. „Das ist natürlich eine Frage des Geldes und der Einfälle. Die Lage des Speichers ist herrlich, ich kann ihn mir gut als Wohnhaus vorstellen. Ein Jammer wäre es gewesen, wenn er abgerissen worden wäre.“ Jürgen Bünder kann sich noch gut erinnern, wie einst große Lastkähne und Schubverbände festmachten und Getreide brachten. „Das staubte dann wie verrückt.“

Manfred Wesenberg hatte von 1964 bis 1967 im VEAB (Volkseigene Erfassungs- und Aufkaufbetriebe) Handelskaufmann gelernt und im Speicher gearbeitet. Über die Trichter wurde das Getreide für den Weiterverkauf in 50 und 75 Kilogramm-Säcke gefüllt. In den einzelnen Silos lagerten verschiedene Getreidesorten.

Wenn jetzt die Umbauarbeiten starten – am Freitag ist das Baugerüst aufgestellt worden – wird Sohn Samuel Hinz oft mit auf der Baustelle sein. Den Wunsch, Bauingenieur zu werden, hat der 19-Jährige schon länger. Aufgrund der Großbaustelle bleibt er aber nach seinem Abitur, das er im Sommer 2018 erlangt hat, noch das Jahr über in Havelberg bei seiner Familie, um zu helfen und sich so viele Erfahrungen wie möglich, die solch ein nicht ganz gewöhnliches Mammutprojekt mit sich bringt, anzueignen.