Havelberg l Während die Mitarbeiter um den Erhalt kämpfen, setzt KMG die Pläne weiter um. Wie der aktuelle Stand ist, wollte die Volksstimme vom Vorstandsvorsitzenden Stefan Eschmann wissen.

Der Kampf der Mitarbeiter um den Erhalt des Krankenhauses hat die Pläne der KMG durchkreuzt. Im Moment gibt es zwei Optionen: Umbau in ein Seniorenheim, wie von der KMG geplant, oder Erhalt des Krankenhauses mit einem neuen Träger, wie von Bürgern und Politikern gefordert. Wie gehen Sie mit dieser Situation um?
Stefan Eschmann:
Zunächst einmal möchte ich ausdrücklich sagen, dass die Klinik in Havelberg im Rahmen des Möglichen ihren Beitrag in der Corona-Krise leisten wird. Klar ist aber eben auch: Um einen größeren Beitrag leisten zu können, werden wir Hilfe benötigen. Das Krankenhaus beschäftigt aktuell sechs Ärztinnen und Ärzte, von denen zwei zum 30. Juni gekündigt haben. Vier von ihnen sind Chirurgen beziehungsweise Orthopäden.

Die geringen Fallzahlen und die geringe Fallschwere haben zu der jetzigen Situation geführt. Das Krankenhaus ist hoch defizitär und für potenzielle Bewerber insbesondere im ärztlichen Dienst unattraktiv. Das Krankenhaus hatte am Donnerstag zum Beispiel gerade mal acht stationäre Patienten. Das bedeutet, dass es nicht möglich ist, dauerhaft ein vernünftiges stationäres medizinisches Versorgungsangebot sicherzustellen.

Die Hoffnungen der Menschen auf einen Erhalt ihres Krankenhauses sind indes verständlich, umso wichtiger wäre eine sachliche Aufklärung durch die Politik. Das findet nicht statt. Ich habe dem scheidenden Landrat wiederholt angeboten, zu einer öffentlichen Diskussion zu kommen. Darauf wurde niemals eingegangen.

Blicken wir auf die erste Option: Der erste Teil des Seniorenheimes mit insgesamt 58 Plätzen sollte schon im März in Betrieb gehen. Wie weit sind die Vorbereitungen und Bauarbeiten für die Umwidmung aktuell und werden sie im Moment fortgesetzt?
Wir haben im Januar mit dem Umbau begonnen - zunächst nur im ersten und zweiten Obergeschoss, so dass erstmal nicht alle 58 Plätze fertig gestellt werden und es zunächst nur zu einer Teileröffnung kommen soll. Aufgrund der Tatsache, dass dort vor April keine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Bereich des Krankenhauses anfangen können, haben wir entschieden, dass eine Fertigstellung des ersten Bauabschnitts erst für April notwendig ist. Ob dies in der Corona-Krise noch realistisch ist, ist eine andere Frage, und wir bewerten dies täglich neu. Alle unsere Planungen haben die aktuelle Krise naturgemäß nicht berücksichtigt.

Wann wäre eine komplette Eröffnung denkbar?
Grundsätzlich gilt, dass dies im Laufe des Jahres vorgesehen ist. Vor dem Hintergrund der aktuellen Krise können wir derzeit aber nicht sagen, ob dies realistisch ist. Gemeinsam mit den zuständigen Stellen werden wir immer wieder neu beurteilen, ob der Zeitplan so bleibt oder zu modifizieren ist.

Gibt es schon Interessenten für einen Seniorenheimplatz?
Ja.

Und hätten Sie ausreichend Mitarbeiter?
Es hat sich nichts daran geändert, dass wir davon ausgehen, dass eine Vielzahl der heute im Klinikum Beschäftigten dort anfangen wird. Wäre dies nicht der Fall, hätte ein Seniorenheim in Havelberg keine Perspektive.

Option zwei: Was passiert, wenn der Landkreis Stendal tatsächlich das Angebot annimmt, das Krankenhaus für einen Euro zurückzunehmen und es mit einem neuen Träger zu betreiben?
Der Landkreis würde dann wieder Träger des Krankenhauses in Havelberg werden und in alle Rechte und Pflichten des Krankenhausbetriebes eintreten. Veräußert der Landkreis die Krankenhausgesellschaft dann an einen anderen Betreiber weiter, stünde ihm das frei. Falls der Landkreis hingegen das Ziel verfolgt, dass wir die Einrichtung direkt an einen neuen Betreiber veräußern, kann ich nur sagen, dass uns bis heute ein solcher Interessent nicht benannt wurde und wir deshalb auch nicht beurteilen können, ob dies in Frage käme.

Abstimmung mit dem Land

Ist eine Kombination denkbar: In einem Teil des Gebäudes ein Krankenhaus mit 37 Betten mit einem neuen Träger und in dem anderen Teil ein KMG-Seniorenheim mit vermutlich dann weniger als 58 Plätzen?
Nein, in dem Fall würde der Landkreis das gesamte Haus zurückerwerben. Nur einen Teil des Hauses als Seniorenheim zu betreiben, würde keinen Sinn machen und wäre von vornherein unwirtschaftlich.

Zurück zu dem, was jetzt anliegt: Nach dem Interessenausgleich am vergangenen Sonnabend in Berlin wird KMG jetzt die Kündigungen aussprechen. Wie viele Mitarbeiter sind betroffen?
Zunächst möchte ich nochmals betonen, dass wir aufgrund der aktuellen Corona-Krise flexibel auf die Situation reagieren und wir uns hierzu mit dem Land Sachsen-Anhalt abstimmen. Gleichwohl war es erforderlich, die angesprochenen Verhandlungen am vergangenen Samstag zu führen, um eine Handlungsgrundlage für den Fall zu schaffen, dass das Klinikum in Havelberg nicht in der Lage ist, einen aktiven Beitrag zur stationären Versorgung von Corona-Patienten zu leisten.

Derzeit sind am Klinikum in Havelberg 56 Mitarbeiter beschäftigt, zwei haben bereits selbst gekündigt, einer hat seinen Vertrag aufgelöst, so dass 53 Mitarbeiter von einer Kündigung betroffen sind. Fast allen kann aber ein Übernahmeangebot entweder in das entstehende Seniorenheim oder in eine andere KMG Einrichtung gemacht werden.

Mit welchen Angeboten gehen Sie in die Verhandlungen zum Sozialplan, die Ende März stattfinden sollen?
Die Angebote liegen auf dem Tisch. Ich bitte um Nachsicht, dass es uns in den laufenden Verhandlungen nicht möglich ist, Details hierzu mitzuteilen.

Sie hatten im Januar angekündigt, Mitarbeitern Arbeitsplätze in anderen KMG-Häusern beziehungsweise im Seniorenheim anzubieten. Entsprechende Info-Veranstaltungen waren geplant. Gibt es Interesse von Mitarbeitern daran?
Ja, wir haben viele Anfragen bekommen. Vor dem Hintergrund der laufenden Verhandlungen mit dem Betriebsrat haben wir darum gebeten, diese Anfragen zunächst zurückzustellen.

Was ist mit den sechs Auszubildenden im Havelberger Krankenhaus?
Für die Auszubildenden wird es Lösungen geben, die sicherstellen, dass sie ihre Ausbildungen gut beenden können.

Corona beschäftigt uns alle. Im Krankenhaus Havelberg wäre unter den aktuellen Bedingungen wirklich keine Behandlung von infizierten Patienten möglich?
Am Klinikum sind wie gesagt sechs Ärzte beschäftigt, von denen bereits zwei gekündigt haben und von denen vier Chirurgen beziehungsweise Orthopäden sind. Es könnten lediglich leichte Fälle stationär behandelt werden. Da es keine Intensivmediziner am Haus gibt, müssten schwere Verläufe in ein anderes Krankenaus verlegt werden. Aber eins ist klar: Wenn die Klinik in Havelberg einen sinnvollen Beitrag zur Bekämpfung der Corona-Pandemie leisten kann, wird sie das selbstverständlich tun.

Was passiert, wenn das Sozialministerium die Relevanz des Havelberger Krankenhauses während der Corona-Krise bestätigt?
Um es nochmal ganz klar zu sagen: Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst und werden im Rahmen des Möglichen unterstützen. Letztlich kommt es auf die Einschätzung des Sozialministeriums nur bedingt an, denn auch dadurch werden wir nicht mehr oder weniger Ärzte oder Pfleger zur Verfügung haben. Aber: Ohne Unterstützung werden wir medizinisch nicht in der Lage sein, einen größeren Beitrag zur Bekämpfung der Corona-Pandemie zu leisten. Bei dieser Betrachtung sind die wirtschaftlichen Implikationen noch außen vor gelassen. Jetzt sollten keine weiteren politischen oder weltanschaulichen Spielchen mehr gespielt werden, sondern endlich mal geschaut werden, was geht und was nicht.

Werden die Kündigungen dann ausgesetzt?
Bitte sehen Sie es mir nach, dass ich aus den Verhandlungen aufgrund der Geheimhaltungspflicht, die für solche Verhandlungen gilt und an die wir uns halten, keine Details nennen kann. Klar ist aber, dass KMG sich eng mit den zuständigen Fachbehörden abstimmen wird.

Wie wurden das Krankenhaus und das MVZ seit Januar von Patienten genutzt? Welche Fälle wurden behandelt? Wie viele Patienten hatten Sie?
Im Januar und Februar haben wir im Klinikum insgesamt 166 Patienten stationär behandelt. Am Donnerstag hatten wir acht Patientinnen und Patienten stationär. Wir haben in diesem Jahr bis jetzt einen CMI von 0,478. CMI bedeutet Case Mix Index und beziffert die Fallschwere. Der Wert ist extrem gering und zeigt an, dass nur leichteste Fälle behandelt wurden.

Mit welchen Hoffnungen gehen Sie mit Blick auf das Havelberger Krankenhaus in die nächsten Tage und Wochen?
Wir müssen die Diskussion dringend versachlichen. Ich denke, dass der öffentliche Diskurs der letzten Monate sehr einseitig war und wenig hilfreich. Anstatt auf dem Status quo und einem Alles-muss-so bleiben-wie-es-ist zu beharren, hätten Zeit und Energie genutzt werden sollen, um zu diskutieren, wie eine sinnhafte Versorgung in ein oder zwei Jahren ambulant oder teilstationär in Havelberg aussehen kann. Und auch wenn dies nun – völlig zurecht – in der Corona-Krise in den Hintergrund gerät, wird dieses Thema nicht verschwinden, sondern muss für die Zukunft gelöst werden.

Stimmt es, dass Sebastian Stoll Hausverbot am KMG Klinikum Havelberg hat, der sich das Krankenhaus mit einem möglichen neuen Träger anschauen wollte?
Ich habe Herrn Stoll in einem sehr angenehmen Gespräch um Verständnis darum gebeten, dass die Zustimmung zur Besichtigung unserer Klinik durch einen potenziellen Interessenten voraussetzen würde, dass man uns zumindest mal den Namen dieses Trägers mitteilt und die Gelegenheit gibt, zumindest kurz zu sprechen. Dies ist bislang nicht geschehen.