Kuhlhausen l Zur Lesung in den Saal der Gaststätte Ramm eingeladen hatte der Ortsverein Kuhlhausen, Herbert Dierkes begrüßte die fast 30 Anwesenden. Auch stellte er die Vorleser vor, welche aus den Erinnerungen des einstigen Kuhlhauseners lasen: Ute Wagener, Marie Dix, Sigrid Janecko, Karin Nicksch und Thomas Harzem.

Von 1946 bis 1951 wohnte Erwin Gerber mit seiner Familie in Kuhlhausen, sie gehörte zu den Millionen von Flüchtlingen, welche der Zweite Weltkrieg aus ihrer angestammten Heimat vertrieben hatte. Die Gerbers hatten in Ostpreußen gewohnt, mit dem Anrücken der Front mussten auch sie fliehen und alles zurücklassen.

Schulbetrieb begann schon 1945

Bereits im Oktober 1945 hatte der Schulbetrieb in Kuhlhausen wieder begonnen – ohne die einstigen faschistischen Pädagogen, dafür mit Neulehrern. Erwin Gerber, Jahrgang 1938, war hier nur eines von vielen Flüchtlingskindern. Statt „Heil Hitler“ wurde der Lehrer nun mit einem „Guten Morgen“ begrüßt.

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Die Vertriebenen hatten nicht viel mitnehmen können, auch Erwin Gerber hatte weder Mappe noch Schreibgeräte oder gar Hefte und Bücher. Er schämte sich für seine Armut. Später bekam eine Schreibtafel mit Griffel – lackierte Pappe mit einem Holzrahmen, welche bei Regen aufweichte. Mit geschenkten Bleistiftstummeln erledigte er seine Hausaufgaben.

Im wöchentlichen Wechsel wurden in dem einen Klassenraum (hier befand sich zuletzt der Kindergarten) Oberstufe und Unterstufe getrennt unterrichtet: am Vormittag die Unterstufe, am Nachmittag die Großen – und umgekehrt. Drei Schuljahre hatte Erwin Gerber in anderthalb Jahren absolviert.

Mit Tinte heimlich Zöpfe der Mädche

Die allgemeine Not machte erfinderisch: Tintenstiftstummel wurden mit Wasser gestreckt, die Oma besorgte Kiele von Gänsefedern. Oftmals waren die Finger blau von Tinte. Die Tintenfässer standen in Vertiefungen auf den Schultischen, manch Lausbube färbte darin die Zöpfe des vor ihm sitzenden Mädchens. Seine Hefte trug Erwin Gerber in der Hand, die Stifte in der Hosentasche, so mancher ging durch Löcher verloren. Manch einheimische Schüler besaßen sogar noch Fibeln von den Nazis.

Bitter waren die Pausen für das Flüchtlingskind: Die Bauernkinder hatten immer ihr Pausenbrot dabei. Ein Junge warf seins einmal sogar in den Dreck, da es ihm nicht schmeckte. Andere fütterten den Lehrerhund damit.

Für Lehrer Bernstein kam später Lehrer Müller, welcher die Schüler noch mit dem Rohrstock schlug. Lehrer Stalling zog 1949 weg, für ihn kam der Neulehrer Meseck aus Schollene. Er hatte bei der Ausbildung gelernt, dass Prügel bei der Erziehung nicht hilft. Oft wurden die einheimischen Schüler bevorzugt, sie „bestachen“ die Lehrer mit Essen.

Im Heimatkunde-Unterricht erfuhren die Kinder, dass hier einst Germanen siedelten, hinterm Strauken in Richtung Havel wurden Reste von verzierten Urnen gefunden. In der Feldmark nach Garz fanden die Kinder später sogar heile Urnen, eine große stehende und sechs kleine ringsum.

Auch seine Erinnerungen an die Feuerwehr hatte Erwin Gerber niedergeschrieben. Sie bestand damals aus 12 bis 15 Knechten und Bauernjungen, geübt wurde, die Schläuche mit Hydrant und Pumpe nach Zeit zu verbinden. Das große Problem war die Pumpe, die nur qualmte und nie ansprang. Das Reinigen der Kerze oder ein Schuss Äther – was gefährlich war – halfen auch nichts. Die Kinder schauten von der Milchbank zu und spotteten.

Im Sommer 1949 gab es viele Gewitter, ein Blitz schlug in Seemanns Scheune ein. Stroh und Heu standen sofort in Flammen, ausgerechnet als das Dach weggebrannt war, hörte der Regen auf. Die Kuhlhausener bildeten eine Eimerkette zum Strauken, zwei standen auf Leitern an der Scheune und kippten das Wasser hinein. Das bewirkte natürlich gar nichts, das Gebäude brannte nieder.

Zwei Jahre später schaffte es ein weiterer Flüchtlingsjunge, die Pumpe der Feuerwehr endlich wieder in Gang zu bringen. Der Schlosser schaute sich das Gerät genau an und besorgte Ersatzteile. Bereits nach dem zweiten Betätigen des Starters heulte der Motor auf – und die Feuerwehrleute erschraken. Natürlich wurde gleich eine Schlauchleitung aufgebaut und getestet. Überall aus den maroden Schläuchen schossen nach dem Start der Pumpe kleine Fontänen, irgendwann erfolgte der erste Platzer, kurz darauf riss auch der zweite Schlauch. Die Enttäuschung bei den Aktiven war groß, zum Glück kam aber bald Ersatz.

Mit der Feuerwehr bekam es Erwin Gerber dann noch wegen eines Lausbubenstreichs zu tun. Auf dem Sandberg hatte ein Kuhlhausener eine Weidenplantage für die Korbflechterei angelegt, deren Laub wollten die Jugendlichen aus lauter Langeweile verbrennen. Der Plantagenbesitzer sah den Qualm aufsteigen, Erwin Gerber, der mit seinen Kumpels da schon wieder im Dorf war, sollte die Glocke läuten. Die Feuerwehr rückte mit zwei Pferden als Zugtiere aus, fand aber keinen Brand mehr vor.

Zu Hause setzte es dennoch Prügel, angeordnet von der Mutter. Der Vater, der 1949 aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war, musste ihn und seinen Bruder Helmuth mit dem Koppel versohlen. Der Vater war auch der Grund, weshalb die Familie 1951 Kuhlhausen verließ: Er hatte zusammen mit der Bau-Union aus der Stadt Brandenburg die Havelbrücke nach Strodehne errichtet und zog deshalb mit der Familie in die Havelstadt.

Erwin Gerber war später in Brandenburg L

Erwin Gerber wurde dort später Lokführer, als Rentner schrieb er seine Erinnerungen nieder. Der zwei Jahre ältere Bruder Helmuth Gerber stattete mit Frau Sieglinde Kuhlhausen regelmäßige Besuche ab. Zu seinem runden Geburtstag vor zwei Jahren hatte seine Frau darum die Idee, dass er in der Kirche wie früher die Glocken läuten könnte. Sie rief die Kirchenälteste Karin Nicksch an – so kam die Beziehung zustande. Mit dem Seil brauchte Helmuth Gerber aber nicht mehr zu läuten, statt dessen drückte er lediglich auf einen Knopf.

Fast auf den Tag zum zweiten Todestag von Erwin Gerber hatte die Lesung stattgefunden. Schön, dass es solche Leute gibt, welche ihre interessanten Erinnerungen der Nachwelt vermitteln.