Havelberg l „Ich gehe ab morgen auf Netzbetrieb“, sagt ­Matthias Haut und zeigt auf einen Flyer, den er in Geschäften der Hansestadt Havelberg, die trotz des Corona-Lockdowns noch geöffnet haben dürfen, auslegen will. „Wir sind weiterhin für Sie da! Wir liefern kontaktfrei zu Ihnen nach Hause!“, ist darauf zu lesen. Für Kurzentschlossene, die normalerweise wenige Tage vor Weihnachten oder gar an Heiligabend noch auf der Suche nach Uhren oder Schmuck sind, ein Angebot trotz geschlossener Geschäfte. Der Uhrmachermeister und Juwelier geht vorbereitet in diese Zeit. Den Corona-Zahlen nach hätte der Lockdown schon vor drei Wochen kommen müssen, findet er.

Dass dies nun direkt in der Vorweihnachtszeit passiert, sei bitter. „Unsere Branche macht in den zwei Wochen vor Weihnachten 20 Prozent des Umsatzes.“ Er berichtet, dass schon in den vergangenen Wochen nicht mehr so viele Kunden kamen, weil sie Kontakte meiden wollten. Jetzt kommen noch einige. Vielleicht ist auch ein Abholservice an der Tür möglich, überlegt der Havelberger.

Wichtigste Geschäft für die Branche

Darüber denkt auch Uhrmachermeisterin Elke Zeppik nach. Ein Verkauf aus dem Schaufenster heraus durch die Gittertür müsste doch erlaubt sein, findet sie. So, wie man sich aus Gaststätten Essen abholen kann. Schon vor neun Uhr standen die ersten Kunden am Montag vor ihrer Tür. „Seitdem geht es Schlag auf Schlag“, sagt sie am frühen Nachmittag. Dass nun wieder kleine Geschäfte schließen müssen, versteht sie nicht ganz. „Ich denke, man kann sich auch bei Rossmann anstecken. Aber sie dürfen öffnen. Wir bemühen uns, alle Auflagen einzuhalten und die allermeisten unserer Kunden sind sehr vorbildlich, schauen genau, wie viele Leute schon im Geschäft sind, halten Abstand.“ Dass der Lockdown kommt, sei auch ihr bewusst gewesen. „Aber ich hatte gehofft, dass man uns diese Woche noch lässt. Das Weihnachtsgeschäft ist das wichtigste für unsere Branche, so wie auch für Parfümerien. Es sind die absolut persönlichen Geschenke“, weiß sie aus jahrelanger Erfahrung.

Bilder

„Man konnte sich denken, dass alles komplett runtergefahren wird und ich glaube auch nicht daran, dass ab 10. Januar alles wieder soweit in Ordnung ist, dass wir wieder öffnen dürfen“, sagt Christiane Rateitschak. In ihrem mehr als 150 Jahre alten Geschäft „Eisen-Kühn“ hat sie ein breites Warenangebot. Ob sie wie im Frühjahr einen Teilbereich weiter öffnen darf, weiß sie noch nicht. Der Spielzeugbereich muss auf jeden Fall am Mittwoch schließen. Und das ausgerechnet vor Weihnachten. Dabei sei es aufgrund von Lieferengpässen ohnehin schon seit dem ersten Lockdown im Frühjahr schwierig, gewünschte Ware rechtzeitig ranzubekommen. Für ihre beiden Mitarbeiterinnen hat sie Kurzarbeit angemeldet.

„Gerade für uns kleine Händler ist das sehr schwierig und die Gefahr besteht, dass kleine Innenstädte wie hier in Havelberg jetzt erst recht aussterben“, befürchtet die Havelbergerin. Um wenigstens etwas Umsatz zu machen, bietet sie einen Abhol- und Lieferservice an. So wie im Frühjahr. Das Schild für die Ladentür hatte sie aufgehoben. Was sie trotz aller Schwierigkeiten durchhalten lässt? „Ich bin mit Herzblut dabei. Ich kenne nicht anderes“, macht sie deutlich, dass sie quasi im Familiengeschäft aufgewachsen ist.

„Besser wäre es gewesen, im November alles dicht zu machen und uns das Weihnachtsgeschäft zu lassen. Die Kleinen trifft der Lockdown doch am härtesten“, findet Karin Peter, die auf der Altstadtinsel ihr Schuhgeschäft betreibt. Sie denkt dabei an große Versandunternehmen, die jetzt noch mehr Geschäfte machen. Wie schon nach dem Lockdown im Frühjahr hofft sie weiterhin, dass die Leute auch nach dem nächsten auf die Stadtinsel kommen und schauen, was die Händler zu bieten haben. Immerhin: Dass viele Leute im Sommer Urlaub im eigenen Land gemacht haben, habe sich positiv ausgewirkt. Ihrer Ansicht nach müsste der Staat Einzelhändler mehr unterstützen und nicht nur große Unternehmen. Sie will ihre Schuhe fotografieren und ins Internet stellen, um so den einen oder anderen Kunden zu gewinnen.

Für ihre Kundschaft weiterhin da sein, will auch Katja Mewes mit ihrer Raumausstattung. Etwa wenn es um Gardinenberatung und -aufmaße geht. „Wir sind telefonisch erreichbar und wer noch ein Weihnachtsgeschenk sucht, kann sich bei mir melden.“ Jetzt ist es die Weihnachtsdeko, die das Geschäft bestimmt. „Im Frühjahr war alles für Ostern dekoriert und dann mussten wir zumachen. Hoffen wir, dass dieser Lockdown spätestens Ostern 2021 vorbei ist.“

Terminbücher bei Friseuren gut gefüllt

Geschlossen bleiben müssen ab morgen auch Friseure, Kosmetik- und Nagelstudios. Sie haben teilweise die verbleibenden zwei Tage bis zum Lockdown dafür genutzt, noch so viele Kunden wie möglich anzunehmen. „Wir haben damit gerechnet, jedoch gehofft, dass uns diese Woche noch gelassen wird. Dann hätten wir den Mittwoch, der normalerweise unser Ruhetag ist, noch nutzen können“, sagt Karina Kasprzyk vom „Kamm In“. Die Kunden seien aber verständnisvoll und hoffen wie die Friseurinnen, dass der Lockdown bald wieder beendet werden kann.

„Das ist schrecklich, denn der November war schon sehr verhalten. Manch einer geht seltener zum Friseur, weil kein Theater- oder Gaststättenbesuch mehr ansteht. Jetzt waren wir froh, dass das Terminbuch bis zum Jahresende gut gefüllt ist und nun müssen wir Hals über Kopf schließen“, bedauert Karin Lipinski. Mit ihren Kolleginnen, für die sie am Montagmorgen gleich die Kurzarbeitergeld-Anträge ausgefüllt hat, macht sie noch bis heute Abend viele Überstunden, um so viele Kunden wie möglich, die einen Termin hatten, zu frisieren. „Sie sind alle sehr fleißig.“

Einig sind sich übrigens alle Gesprächspartner darin, dass es richtig ist, dass das öffentliche Leben weitestgehend runtergefahren wird. Die Gesundheit sei das wichtigste Gut. Sie hoffen, dass alle sich an die Regeln halten, damit im neuen Jahr bald wieder halbwegs Normalität eintreten kann.