Briest l Das Kirchlein im Wuster Ortsteil Briest war bis auf den letzten Platz besetzt, es mussten sogar Stühle nachgeholt werden. Um die 70 Zuschauer kamen somit in den Genuss der Premiere des Grimmschen Märchens von der Frau Holle. Fleiß wurde darin mit Gold belohnt und Faulheit mit schwarzem Pech abgestraft.

Das weiß eigentlich ein Jeder aus seiner Kindheit – und doch ist die Aufführung hier im anheimelnden Briester Gotteshaus immer etwas Besonderes. Ja, sogar fast so wie eine Zeitreise. Das geht schon los, wenn sich im zum Theater umgebauten Kirchlein der Vorhang zum Stück hebt. Denn dieses erfolgt mittels sogenanntem Wagner-Zug. Davon gibt es in Deutschland nur noch zwei. Der rote Briester Samtvorhang wurde von einem Raumgestalter angefertigt.

Einmalig dürfte wohl auch eine Kirche als Marionettentheaterstätte sein. Die Spieler stehen auf und neben der einstigen hölzernen Kanzel, welche auf Drängen des Denkmalschutzes so erhalten werden musste.

Bilder

Pfarrerin spielt Pechmarie

Bei der Aufführung stand auf dieser Kanzel mit Frederike Bracht aus Jerichow nun sogar ein echte Pfarrerin. Mit dem Unterschied, dass sie im Kirchenschiff niemand sehen konnte, es gab auch keine Predigt. Die Jerichowerin, die seit einigen Wochen das Puppenspielerteam verstärkt, koordinierte die Fäden der Pechmarie.

Neun Fäden sind es zumeist, an denen die Marionetten hängen. Damit kann man Arme und Beine, den Kopf, die Schulter und den Rücken bewegen. Weil die Spieler hoch oben über der Bühne agieren, sind die Fäden auch recht lang – weshalb das Team auswärts schlecht auftreten kann.

Alle Marionetten entstehen in Eigenregie

Die etwa 20 Marionetten, welche sich im Bestand des GuM befinden, sind alle in Eigenregie entstanden. Die hölzernen Körper schuf Hans Schulz, die Köpfe – zumeist aus Pappmasché – stammen von Kathrin und Pauline Köhler, die Kleider schneiderte Gertrud Hubert aus Schönhausen. Einige neuere Puppen haben echte Holzköpfe, ein Wolfsburger schnitzte sie. Die alten Puppen, welche Hannelore Stephan, die Frau des einstigen Pfarrers und GuM-Begründers Karl-Heinz Stephan, angefertigt hatte, befinden sich im Genthiner Museum.

Viele Puppen sind flexibel verwendbar, können also auch bei anderen Aufführungen eingesetzt werden. Etwa zehnmal im Jahr lassen die GuM-ler die Marionetten tanzen, neben den beiden festen Terminen zumeist für Touristengruppen. Auch Ostermontag wird noch einmal die Frau Holle, ein Märchen in fünf Bildern, gegeben. Und natürlich sind die Gäste im Anschluss auch wieder zur Kaffeetafel geladen, der Umbau des Kirchleins vom Theater in ein Café erfolgt dank vieler Helfer im Handumdrehen.

Nach der Aufführung stellte GuM-Vorsitzender Matthias Kage (er war für die Kulissen zuständig) dem eifrig applaudierenden Publikum alle Spieler vor: Titelfigur und Katze spielte Hans Schulz, die Mutter Arvid Reumann, die Goldmarie Kathrin Köhler, ihren Gegenpart wie schon erwähnt die Pfarrerin, Cerena Herrmann (auch neu im Team) ließ den Schmetterling über die Wiese flattern. Techniker waren Jörg Köhler und Sven Hoffmann, sie sorgten für Licht und Ton.

Erste Aufführung 1982

Wie einst alles begann, weiß Urgestein Hans Schulz, welcher im Übrigen in enger Zusammenarbeit mit den anderen auch die Texthefte verfasst: Konfirmanden hatten 1982 erstmals die Marionetten tanzen lassen, damals zum Tolstoi-Stück „ Lösche das Feuer, so lange es glimmt“. Die Premiere erfolgte in der Wuster Kirche auf einer transportablen Bühne. Seit 1995 wird hingegen die in Briest fest installierte Bühne genutzt. Das Mittelteil wird nach der Aufführung herausgenommen, damit man in den hinteren Raum gelangen kann.

Viele Zuschauer halten der Bühne schon viele Jahre die Treue, wie die zwei immer wieder begeisterte Genthinerinnen, die sich diesen Adventssonntag seit Jahren freihalten. Und sogar aus Oebisfelde war jemand angereist.

Im September begannen die Spieler mit dem Üben, Treff ist jeden Dienstag um 19 Uhr in Briest. Selbstverständlich sind weitere Mitspieler immer willkommen. Man muss aber nicht unbedingt mitspielen, sondern kann sich auch um Kulissen oder Technik kümmern, zu tun gibt es genug.