Jederitz l Die Vorsitzende der Jagdgenossenschaft Jederitz, Barbara Kuntzsch, und Jagdgenosse Joachim-F. Kirchhoff gehörten am Dienstag zu jenen Vertretern aus Verbänden und Vereinen aus Jagd, Forst, Tourismus, Angelsport, Landwirtschaft und Wirtschaft, die im Landtag zur Natura 2000 Verordnung Stellung nehmen durften. Jeder hatte fünf Minuten, um zu sagen, was ihn in dem knapp 700 Seiten umfassenden Pamphlet stört und was er geändert haben möchte. Für diese Möglichkeit hatte Landtagsabgeordneter Chris Schulenburg mit seinen Kollegen aus der CDU-Fraktion gesorgt.

Er hatte darauf gedrängt, dass das Kabinett in Magdeburg nicht einfach ohne parlamentarische Begleitung über die Natura 2000 Verordnung abstimmen darf. Dabei handelte es sich jedoch nicht um eine öffentliche Anhörung in einem Landtagsausschuss. „Die CDU-Landtagsfraktion hatte dazu durch meinen Nachdruck eingeladen und auch Abgeordnete der SPD und der Grünen nahmen daran teil“, berichtet Chris Schulenburg.

Keine Strategie entwickelt

Joachim-F. Kirchhoff hatte den Abgeordneten eine zweiseitige naturschutzfachliche Analyse am Beispiel der Gemarkung Jederitz übergeben und Auszüge daraus vorgetragen. Er informiert darin unter anderem, dass in den 1970er Jahren unter Schutz stehende Vögel wie Rohrweihe, Blässhuhn, Brachvogel, Kiebitz und Rohrdommel regelmäßig in der Gemarkung brüteten. Obwohl die Jederitzer den Trübengraben nutzten und mit ihren Booten zum Angeln fuhren. Obwohl auf der Havel große Schiffe fuhren. Obwohl die Landwirtschaft intensiv betrieben wurde. Beutegreifer wie Fuchs, Iltis, Nebelkrähe und Kolkrabe gab es. Aber keine invasiven Arten wie Waschbär und Mink.

Diese machten sich dann in den 1990er Jahren breit, nachdem sie aus Pelzfarmen freigelassen wurden. „Als unmittelbare Folge dieser Faunenverfälschung nahm die Zahl der Bodenbrüter rapide ab und die meisten verschwanden bis Ende der 1990er Jahre vollständig. Es besteht eindeutig ein kausaler Zusammenhang zwischen Abnahme beziehungsweise Verschwinden der Bodenbrüter und Auftauchen von Waschbär und Mink. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass diese beiden invasiven Arten gezielt nach Nestern der Bodenbrüter suchen, wobei der Waschbär sogar auf Bäume klettert“, macht Joachim Kirchhoff deutlich.

Als besonders krasses Beispiel nennt er die sogenannte Reiherhorst im Jederitzer Holz. Dort brüteten bis in die 1990er Jahre über 100 Graureiher-Paare und zogen alljährlich ihre Jungen auf. Schulklassen besuchten dieses einzigartige Naturschauspiel und bekamen so Anschauungsunterricht in Biologie. „Durch den Waschbär existiert dieses einmalige Juwel im Lebensraumtyp Hartholzaue nun nicht mehr. Die Graureiher sind verschwunden und die Waschbären konnten sich weiterhin vermehren.“

Die Jagdgenossenschaft stellt das Erreichen der Schutzziele aus Natura 2000 in Frage, weil keine Strategie entwickelt wurde, wie die invasiven Arten effektiv und nachhaltig bekämpft werden sollen. „Die Verordnung ignoriert diese Problematik vollkommen. Invasive Arten werden als mögliches Kernproblem nicht einmal erwähnt. Hinzu kommt, dass der Mink in der EU-Liste der invasiven Arten überhaupt nicht aufgeführt ist.“ Stattdessen geht man im Entwurf der Verordnung davon aus, dass der Mensch allein Hauptursache für den Artenschwund ist.

Trübengraben passé

Besonders erbost sind die Jederitzer, dass sie den Trübengraben als Zufluss zur Havel künftig von Anfang März bis Ende Juni nicht mehr mit Booten befahren dürfen. „Es ist vollkommen unklar, welches Schutzziel damit erreicht werden soll“, so Joachim Kirchhoff. Dagegen wurde bereits formal Widerspruch beim Landesverwaltungsamt eingelegt.

Zudem arbeitet die Jagdgenossenschaft an einer Strategie zur langfristigen und nachhaltigen Bekämpfung invasiver Arten und ist bereit, hier eine Art Pilotprojekt zu praktizieren, wie Barbara Kuntzsch sagt. „Mink und Waschbär müssen ausgerottet werden. Wir hören ja nicht mal mehr die Frösche quaken. Wovon sollen sich die Störche denn ernähren?“

500.000 Euro eingestellt

„Attraktive Fangprämien für Mink und Waschbär und eine stärkere Bejagung der Elstern und Krähen werden als wichtigste Maßnahmen erachtet. Das soll dann über Jahre in der Gemarkung kontrolliert und dokumentiert werden. Eine Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Einrichtungen könnte dabei sehr hilfreich sein und wird angestrebt. Die Jägerschaft will dies aktiv begleiten“, so Joachim Kirchhoff.

Aus seiner Sicht kritisieren die Jederitzer zurecht den fehlenden Umgang mit invasiven Arten, sagt Chris Schulenburg. „Hier kann ich zumindest einen ersten Erfolg verkünden, denn auf Initiative der CDU-Landtagsfraktion wurden in der letzten Finanzausschusssitzung die Haushaltsmittel 2019 für die Bekämpfung invasiver Tiere und Pflanzen mehr als verdoppelt. Der Haushalt für das Jahr 2019 wird in der nächsten Woche im Landtag verabschiedet. Insgesamt sollen 500.000 Euro zur Verfügung stehen.“

Zum Umgang mit den Stellungnahmen während der Anhörung sagt Chris Schulenburg, dass diese jetzt ausgewertet werden und geprüft wird, ob die einzelnen Punkte in dem vor kurzem veränderten Entwurf bereits festgeschrieben sind oder noch eingearbeitet werden. Das Kabinett wird sich am 20. Dezember mit dem veränderten Entwurf befassen. Die Abgeordneten des Landtages können darüber nicht abstimmen, da es sich nicht um ein Gesetz handelt.

Joachim Kirchhoff hat den Eindruck, dass die Verordnung nun durchgepeitscht wird – wird sie nicht bis zum Jahresende beschlossen, drohen heftige EU-Strafen. „Nach unserer Einschätzung wird es aber auch danach noch heftigen Widerstand geben. Einige Verbände streben wohl auch den Klageweg an.“