Neuermark-Lübars l Schwer bepackt sind Lukas Krause und seine Freunde Chris Neidhadt und Gus Yates seit Montag auf dem langen Weg gen Osten. Sie lassen das bequeme Bett, den voll gedeckten Tisch, die warme Dusche und all die anderen Annehmlichkeiten, die das Leben bietet, hinter sich. Und genau das ist es, was sie wollen: Autark leben – sich selbst versorgen. Lukas Krause aus Neuermark-Lübars, ausgebildeter Sport- und Fitnesskaufmann, der zuletzt im Warnemünder Luxushotel „Neptun“ arbeitete, hat das schon getestet: 2017 machte er sich mit dem Rad auf den Weg nach Portugal. Dort lebte er für ein paar Monate in einer Kommune, lernte den Engländer Gus Yates kennen. Als der von den Plänen des 25-Jährigen hörte, nach einem längeren Urlaub zu Hause in Deutschland nach Asien zu radeln, sagte er: „Ich komme mit!“

Und auch der Stendaler Chris Neidhardt, den Lukas Krause schon lange kennt, fasste diesen Entschluss. Für ihn ist das lange Radeln und autarke Leben neu. Nach Kochlehre und mit dem Abschluss der Erzieher-Ausbildung in der Tasche nimmt er sich nun eine Auszeit. Für die Reise musste er sich alles neu kaufen: Fahrrad, Zelt, Schlafsack ... Dafür hat er nicht nur Aushilfsjobs angenommen, sondern auch Dinge verkauft. „Da merkt man erst einmal, wieviel Kram man hat, den man gar nicht braucht. Ich freue mich darauf, in den nächsten Monaten wirklich minimalistisch zu leben.“

Das heißt, Früchte am Straßenrand pflücken, Fische angeln, an der Haustür klingeln und um Wasser zum Auffüllen der Trinkflaschen bitten ... Und auch mal Brot zu kaufen.

Höchstens fünf Euro pro Tag und Person wollen sie ausgeben. Und dabei das angesparte Taschengeld möglichst nicht anrühren. Das Reisegeld wollen sich die drei mit Straßenmusik verdienen. Deshalb haben Lukas und Chris auch ihre Gitarren dabei – die schleppen sie auf dem Rücken. Mit im Gepäck von Gus sind Bälle zum Jonglieren verstaut. Lukas weiß von seiner Reise nach Portugal, dass Straßenmusik Spaß macht und die Passanten gern etwas Geld geben, wenn sie gut unterhalten werden.

Für diese Auftritte müssen sie Städte, um die sie sonst einen Bogen machen wollen, ansteuern. Erste Station wird Leipzig sein. Hier können sie dann auch bei einem Kumpel schlafen.

Ansonsten schlägt jeder der drei Radler abends sein Zelt auf und schlüpft in den Schlafsack. Was sie sonst noch dabei haben? Iso-Matte, ein paar Klamotten, Naturseife – gewaschen wird sich in Flüssen und Seen, „und vielleicht auch mal auf einem Campingplatz, wenn auch die Wäsche durchgedrückt werden muss“. Außerdem Topf, Pfanne und Grillrost, zwei Angeln, Werkzeug und Flickzeug, Fahrradschläuche. „Alles zusammen bringen wir mit Fahrrad und Gepäck und uns selbst jeweils zwischen 120 und 130 Kilo auf die Waage“, erzählt Lukas kurz vor der Abfahrt in Neuermark-Lübars. Hier haben die drei Freunde ihre Räder gepackt, die Taschen dafür aus Hühnerdraht und Panzer-Tape selbst gebaut, „das hält am besten“. Gus war vor ein paar Tagen mit dem Flugzeug aus England angereist, das Fahrrad hatte Lukas für ihn gekauft. Einen Tag vor der Abreise kam dann Chris aus Stendal und zusammen schnürten sie ihr Gepäck.

So vollbepackt sind sie nun erst einmal auf dem Elbe-Radweg unterwegs – dass es nicht immer so bequem auf einem asphaltierten Weg rollen wird, ist ihnen beim Blick gen Asien bewusst.

Von Leipzig nach Prag

Von Leipzig aus geht es rüber nach Prag, dann durch viele Länder wie Österreich, Italien, Kroatien, Bulgarien, die Türkei und den Iran bis nach China. 50 Kilometer wollen sie am Tag schaffen. „Aber wir setzen uns nicht unter Druck, der Weg ist das Ziel“, will Lukas nicht großartig planen. Auch eine ganz genaue Route ist nicht festgelegt. „Wir wollen möglichst immer am Wasser übernachten, damit wir uns waschen und auch angeln können.“

Einen Luxus gönnen sich die Radler: Sie haben ihre Smartphones und Solar-Powerbanks zum Aufladen der Akkus dabei. Denn sie wollen Familie, Freunde, Bekannte und alle, die sich für ihre Reise interessieren, auf dem Laufenden halten und an ihrem Abenteuer teilhaben lassen. Fotos, Videos und Texte gehen regelmäßig an Mag­nus, den jüngeren Bruder von Lukas, der in Leipzig studiert und das Schreiben der Homepage übernimmt. Ende nächster Woche geht es los – dann können die drei Abenteurer von ihren ersten Erlebnissen noch auf deutschem Boden und aus Tschechien berichten.

War Lukas nach Portugal allein unterwegs und sein alleiniger „Chef“, ist es nun zu Dritt etwas anders. „Wir werden sehen, wie wir klarkommen. Wir geben uns drei Wochen Zeit, zusammenzuwachsen. Wenn es nicht funktioniert, fahren wir eben getrennte Wege.“

Dennoch sind sich alle drei bewusst, dass es besser ist, nicht allein zu radeln. Erst recht, wenn es dann in Richtung Iran und Afghanistan geht. „Wir ticken alle gleich, sind ,Freiwild-Denker‘ – das kann sehr gut klappen“, ist Chris Neidhardt zuversichtlich, dass sie alle drei in ein paar Monaten zusammen an der chinesischen Mauer stehen werden.

Wann? „Schwer zu sagen“, will sich Lukas auch beim Zeitpunkt nicht festlegen. Insgesamt geben sie sich ein Jahr Zeit, dann wollen sie zurück in Deutschland sein.

Und dann? Der Lebensplan von Lukas Krause ist es, in Portugal autark zu leben. Gus möchte dort ebenfalls fernab von Konsum und Luxus ein einfaches Leben führen. Deshalb wollen die beiden die Reise auch nutzen, um Portugiesisch zu lernen. Und Chris? Der Erzieher will mit Kindern arbeiten – so ist zumindest jetzt vor der Reise sein Plan.

Mit Kribbeln im Bauch und vielen guten Wünschen ihrer Familien sind Lukas, Chris und Gus nun am Anfang ihres langen Weges. Die erste Nacht hatten sie ihre Zelte in Ferchland aufgeschlagen.

Sie sind gespannt, was sie vor allem in den fernen Ländern erwartet und welchen Menschen sie begegnen – all das sind Erfahrungen, die sie für ihr Leben prägen.

Wer ihnen folgen will, kann das hier.