Havelberg l Für die neue Sonderausstellung im Havelberger Prignitz-Museum haben die Museologinnen, fast zufällig, einen wirklich tollen Fang gemacht. Alba Blau, eine faszinierende Künstlerinnengruppe aus der Lutherstadt Wittenberg, konnte kurzfristig eine bedauerliche Lücke füllen – und herausgekommen ist eine wunderbar schlüssige und kluge Präsentation von zeitgenössischer Kunst, eine wahre Freude in den schönen Galerieräumen im Ostflügel des Domklosters.

Fünf der sechs Künstlerinnen waren zur Ausstellungseröffnung nach Havelberg gekommen. Ein Glücksfall, denn alle Mitglieder von Alba Blau arbeiten auch in der Kunstvermittlung und können sehr kompetent über ihr Schaffen Auskunft geben. So ergab sich nach einiger Hektik - schon wieder hat ein kultureller Termin zeitlich überschnitten - ein langer und anregender Nachmittag, gefüllt mit Themen über Kunst im Allgemeinen und das Leben überhaupt.

Alba Blau, das muss man noch vorausschicken, hat eine spezielle Organisationsform. Im Jahr 2000 trafen sich sieben Künstlerinnen und suchten nach Wegen zu Austausch, Bestärkung und Gemeinsamkeit. Die Idee war, ein Thema zu formulieren, daran individuell zu arbeiten und die Ergebnisse gemeinsam zu zeigen. Wie gut das geht, dafür steht – nach inzwischen 18 Jahren – das Renommee der Gruppe im heimatlichen Wittenberg, und natürlich auch die gelungene Ausstellung im Havelberger Museum.

Bilder

Das Thema, zurückgehend auf ein Projekt im Lutherjahr, „Totentanz und Toleranz“, lässt mit nettem Wortspiel den ernsten Bogen erahnen, in dem sich die Arbeiten der Künstlerinnen bewegen. Beide Begriffe führen zurück in die Umbruchzeit zwischen Spätmittelalter und früher Neuzeit, also die Zeit Luthers: „Totentanz“ zeigt den Reigen aller Menschen zum sicheren Ende, „Toleranz“ als Neuschöpfung des Humanismus zielt auf „tolerare“, also „Ertragen“ der individuell unterschiedlichen Eigenheiten und Meinungen.

Emotionale Portraits

Aus diesem unerschöpflichen Themenspektrum hat sich nun jede Künstlerin ein eigenes Feld zum Bearbeiten ausgewählt. Ute Walter zeigt große Montagen zum Thema „Gewissen“, darunter einen „Whistleblower“, der mutig Feuer in eine labyrinthische Konstruktion bläst. Andrea Lange bearbeitet graphisch-flächig das Thema „Bildung“ von Melanchthon über Monteverdi bis zum Dadaisten Hugo Ball. Neben Einblattdrucken, modernen Nachfolgern der frühesten Flugblätter, findet sich in den Tischvitrinen eine Auswahl ihrer Lyrik-Hefte, kleine edle Druckwerke mit Gedichten jeweils eines zeitgenössischen Lyrikers.

Ulrike Kirchner hatte zum Lutherjahr große Aufträge zur Stadtgestaltung erhalten, die sie unter das Thema „Toleranz“ stellte. Das sind großformatige, auf Fernwirkung angelegte Tafeln, drei davon zum Thema „Weltreligionen“ und zwei emotionale Portraits zu „Auge in Auge“. Zusätzlich sehen wir zwei Tafeln zu Bilder von Cranach d.J., Bilder der Vergänglichkeit, in denen der hübsch porzellanfarbene Teint der jungen Frauen grob auf Gestell oder Füllung geheftet ist.

Luthers Wortschöpfungen

Susanne Spies widmet sich auf unkonventionelle Art dem Thema Liebe: „Kein-ein-mein Platz“. Viele leere Stühle in unterschiedlichen Umfeldern fordern eigentlich eine Entscheidung. Die Bilder im schlanken Hochformat, ganz sensibel und zart in Mischtechnik gemalt, laden zum Verweilen ein. Auch beim Thema „Welttheater“ geht es um einen Platz, diesmal um einen Standpunkt. Wohin stelle ich mich im Leben? Lasse ich den Gerüchten, die auf tausend Wegen auf mich eindringen, großen Raum? Lasse ich zu, dass Wahrheit und Wirklichkeit, die eigentliche Welt, gefesselt und hilflos gefangen sitzt? Sehr eindring­liche Papierarbeiten sind das von Bärbel Mohaupt.

Im letzten Raum hat Martha Irene Leps ihre kleinen Montagen zu Luthers Wortschöpfungen versammelt, jenen Kreationen, mit denen wir alle längst täglich umgehen. „Feuer und Flamme“, „Herzenslust“, „Sich ins Fäustchen lachen“ sind nur einige Beispiele. Ein kleines „Archiv“ zum Blättern bietet zusätzlich einige Überraschungen.

Erstaunlich, wie aus so viel Individualität ein so geschlossenes, hochinteressantes Ganzes wird. Die schönen Räume, die alten Backsteinmauern tun ihr Übriges. Eine sehr empfehlenswerte Ausstellung im Prig­nitz-Museum, die bis zum 5. August dienstags bis sonntags von 10 bis 12 und 13 bis 18 Uhr besichtigt werden kann.