Havelberg l  Kathrin Städler hat sich intensiv mit dem Thema beschäftigt und bietet seit einem Jahr verschiedene Veranstaltungen an. Nicht nur für Christen. Als Religionswissenschaftlerin, Krankenschwester, geistliche Begleiterin und ehrenamtliche Hospizhelferin ist ihr die christliche Spiritualität vertraut. Im Rahmen der Zukunftswerkstatt des Kirchenkreises Prignitz entwickelte Kathrin Städler deshalb das Konzept für ein Projekt, mit dem der Dom über die bestehende Gemeindearbeit hinaus mit Leben erfüllt werden kann. Klassische Angebote wie Gottesdienste, Andachten, Bibelwoche und Kirchenmusik erreichen nicht alle Menschen, auch nicht jeden Christen.

Mit dem Projekt „Spiritualität am Dom“ bietet die Havelbergerin ein breites Spektrum an Veranstaltungen, an denen sich Leute beteiligen können und wo sie sich möglicherweise gut aufgehoben fühlen. „Ich hatte mir in der Zukunftswerkstatt überlegt, dass ich das, was ich kann und seit Jahren mache, in einem Projekt zusammenfassen kann. Ich habe es entwickelt und im Dezember 2015 hatte es das Okay von Seiten des Kirchenkreises gegeben, im Januar war dann Start“, erzählt die 52-Jährige. Das Projekt ist auf fünf Jahre befristet und als 75-Prozent-Stelle finanziert.

Geleitet hat sie der Ansatz, dass viele Menschen auf der Suche nach Entschleunigung und bewussterem Leben sind. Wer das will, kommt an der christlichen Spiritualität nicht vorbei. Schließlich bedeutet das, sich seiner Herkunft zu besinnen. Kathrin Städler weiß: „Viele Menschen sind auf der Suche nach Entschleunigung, Muße und heilsamen Unterbrechungen des Alltags, nach einem persönlichen Weg, der Halt und Kraft im Leben bietet.“ Ein noch relativ junger Trend ist hierbei der „spirituelle Tourismus“. Mit Schweigewoche, Klosteraufenthalten oder Pilgertouren etwa suchen Menschen nach dem Sinn des Lebens, nach Entschleunigung. „Immer mehr Menschen sind auf der Suche nach Reisen mit geistlichen, religiösen und spirituellen Inhalten. Dieser Trend steht für eine Sehnsucht nach Sinnsuche und Lebensvertiefung in unserer rational geprägten Welt. Jede Generation ist auf der Suche nach zeitgemäßen Formen des christlichen Lebens. In Anlehnung an die klösterliche Tradition für ein lebendiges Christentum bedeutet das auch, sich der eigenen mystischen Quellen zu erinnern und daraus zu schöpfen.“

Sinnsuche

Die Themenvielfalt, in der christliche Spiritualität gelebt werden kann, ist groß. „Wir haben hier zwar kein Kloster und kein Haus der Stille. Doch können wir zum Beispiel Oasentage, Pilgertage, Fastenzeiten, Meditationen sowie Klosterheil- und Kräuterkunde anbieten. Im Bereich der Medizin und Pflege sind es Gesprächsabende für Trauernde und für Menschen, die Angehörige pflegen und bei allem Stress und den Sorgen auf der Suche nach Austausch mit anderen Betroffenen sind. Hier soll es vor allem um sie selbst und ihre Bedürfnisse gehen, damit sie Kraft tanken können für die Betreuung ihrer Lieben“, berichtet Kathrin Städler. Mit Schwester Christiane vom Hospiz in Stendal hat sie an einem Abend die Hospizarbeit vorgestellt, was für Interesse bei der Sekundarschule sorgte. „Daraus folgte eine Veranstaltung im Rahmen des Ethikunterrichtes zum Thema Tod und Sterben, wo ich den Schülern von meinen Erfahrungen bei der Begleitung Sterbender erzählen konnte. Stressbewältigung ist ein weiteres Thema. Auch die gesellschaftliche Verantwortung spielt eine Rolle. Dazu habe ich den politischen Stammtisch ,Reden über Gott und die Welt‘ ins Leben gerufen, der auch schon sehr gut angenommen wurde.“

Die Gartenrunde ist ein weiteres Tätigkeitsfeld. Nach der Buga wird der Dekaneigarten am früheren Kloster von einer Gruppe Interessierter gepflegt. Dort hat es im vergangenen Jahr verschiedene Angebote gegeben. Auch Tanz gehört zur spirituellen Erwachsenenbildung. Regelmäßig fanden Tangokurse im Pfarrhaus statt. In diesem Jahr steht Flamenco in Aussicht.

Spiritualität bedeutet, Leben aus einem bestimmten Geist heraus. Für Kathrin Städler ist sie eng verbunden mit dem Geist Gottes. „Es geht um Erfahrungen im Alltag und für mich gehört die Zeit der Stille dazu. Nicht nur für die Selbsterkenntnis, sondern auch, um Gottes Geist zu erkennen.“ Drei Jahre hat die Religionswissenschaftlerin, die mit ihrer Familie 2012 nach Havelberg gezogen ist, als ihr Mann die Dompfarrstelle übernahm, eine entsprechende Weiterbildung absolviert. Sie hat eine Schweigewoche geschafft, war auf dem Pilgerweg von Volkenroda nach Loccum, einem Pilgerweg der Landeskirche Hannover, unterwegs. „Spiritualität ist ein lebenslanger Übungsweg, der nicht einfach ist. Ich ringe jede Woche mit mir. Doch wie will man etwas weitergeben, wenn man es selbst nicht lebt? Das wäre dann nur theoretisch. Ich brauche das Ausprobieren in der Praxis.“

Für die Fastenzeit im vergangenen Jahr hatte sie sich vorgenommen, auf das geliebte Glas Wein oder Bier zu verzichten. „Doch viel schwieriger war es, mich selbst zu entschleunigen und nicht fünf Dinge auf einmal machen zu wollen, sondern die Dinge bewusster anzugehen und selbst Druck rauszunehmen. Ich habe mich bemüht, das Wort schnell aus meinem Wortschatz zu streichen. Das ist mir ganz gut gelungen. Für die Fastenzeit in diesem Jahr möchte ich was zum Klimafasten anbieten.“ Natürlich praktiziert sie das auch wieder selbst und will versuchen, angesichts der ganzen Problematik Massentierhaltung auf Fleisch zu verzichten. Vegetarierin will sie deswegen keineswegs werden. Nicht nur, weil die Familie da streiken würde. Aber eben bewusster mit dem Fleischverzehr umgehen und schauen, was es für Alternativen gibt. Etwa wenn es um die Tomatensoße zu Nudeln geht, die doch erst mit Gehacktes richtig lecker wird.

Im Rahmen der Aktion Klimafasten der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz EKBO soll es in der Fastenzeit um Klimaschutz und Klimagerechtigkeit gehen. Eine Möglichkeit wäre, sich mit dem Thema Ernährung zu beschäftigen und gemeinsam zu kochen und Rezepte auszutauschen. Das erste Treffen findet am 28. Februar ab 19 Uhr statt, wo dann mögliche Themen und Aktionen geplant werden. Eine Einführung in das Thema bietet der Film „Tomorrow“ am 24. Februar ab 19 Uhr. Der Film ist ein Werk junger französischer Filmemacher. Sie haben Klimaschutzprojekte auf der ganzen Welt besucht, um zu zeigen, was es heute schon gibt.

Entschleunigung

Filmabend und Politischer Stammtisch sollen in diesem Jahr regelmäßig im Wechsel am letzten Freitag eines Monats zum Angebot gehören. Der erste Stammtisch im Januar, den sie wieder mit Wolfgang Schürmann gestaltete, sorgte mit dem Thema Trump für angeregte Diskussionen.

Ein festes Angebot ist inzwischen auch die Meditation geworden, zu der Kathrin Städler seit Sommer einlädt. Aller zwei Wochen ist derzeit im Paradiessaal Treff. 20 Minuten Stille und Körperwahrnehmung folgen bekannte und neue Dinge der Meditation sowie der Gedankenaustausch.

Vertiefen will sie zudem die Filmexerzitien als Angebot. „Jesus liebt mich“ und „Kirschblüten-Hanami“ boten gute Filmszenen als Grundlage dafür, sich mit verschiedenen Themen auseinanderzusetzen. Letzterer Film von Doris Dörrie wird noch einmal Thema sein. Ging es beim ersten Mal um Trauer und Verlust, stehen dieses Mal Familienbeziehungen im Fokus.

Wer sich für die Angebote interessiert, findet im Internet die Termine und Informationen unter www.christliche-spiritualität.org