Havelberg l Ganz schön zu schleppen haben die drei Orgelbauer aus Dresden, die seit Montag in der Havelberger Stadtkirche die historische Scholtze-Orgel ausbauen. Gerade haben sie die größte Orgelpfeife, ein 16-Fuß-Prinzipal aus Holz, die schmale Treppe heruntergetragen. Auf der Empore werden die Instrumententeile in den nächsten Monaten gelagert. Im Herbst wollen die Orgelbauer mit der Restaurierung beginnen, berichtet Raymund Herzog. Gemeinsam mit Michael Wetzel und Stephan Adler ist er in dieser Woche in Havelberg mit dem Orgelausbau beschäftigt. Sie gehören zur Orgelwerkstatt Wegscheider in Dresden, die den Auftrag zur Restaurierung der Stadtkirchen-Orgel erhalten hat.

Kulturhistorisch von großer Bedeutung

Damit beginnen nun, genau vier Jahre nach der Gründung des Orgelrestaurierungsvereins Havelberg, ganz praktische Schritte direkt an dem historischen Instrument. Im Juni 2014 war der Verein unter Vorsitz des Domkantors Matthias Bensch ins Leben gerufen worden. Mit dem Ziel, die wertvolle Scholtze-Orgel zu restaurieren und sie zu neuem Leben zu erwecken. Ihr Erbauer Gottlieb Scholtze (1713 bis 1783) war ein Meisterschüler des bedeutenden Orgelbauers Joachim Wagner (1690 bis 1749). Das ist ein Grund für die Besonderheit der Stadtkirchenorgel. Ein weiterer Grund ist, dass es von Wagner lediglich fünf zweimanualige Orgeln gibt, von Scholtze drei. Von diesen drei größeren Scholtze-Orgeln befinden sich die zwei größten in Havelberg – im Dom und in der Stadtkirche. Eine weitere zweimanualige Scholtze-Orgel wurde 2007 in Lenzen restauriert. Der dritte Grund: Über 50 Prozent der Originalsubstanz sind erhalten. „Die Rückführung in den Originalzustand der Stadtkirchenorgel ist wegen der herausragenden Klangqualität und der Seltenheit dieser Instrumente ein kulturhistorisch extrem wichtiges Projekt von deutschlandweiter Bedeutung“, nennt Matthias Bensch den Grund für das große Engagement für dieses Instrument. „Als prächtige Barockorgel mit 32 Registern gehört sie zu den wichtigsten Orgeln in Sachsen-Anhalt.“

Zunächst war es wichtig, die Finanzen für die Restaurierung der Orgel sicherzustellen. Das ist zum größten Teil gelungen. „Wenn die Restaurierung nicht teurer wird als erwartet, benötigen wir für die Gesamtmaßnahme zum jetzigen Zeitpunkt insgesamt noch zirka 50 000 Euro, welche wir durch Spenden akquirieren müssen. In der Hoffnung, dass uns die Leute auch weiterhin durch ihre Spenden unterstützen werden, haben wir die Vergabe der Arbeiten an die sechs Gewerke ausgelöst. Wir hätten auch nicht länger damit warten können, da sonst bewilligte Fördermittel verfallen wären“, erklärt Matthias Bensch.

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Patenschaften für die Prospektpfeifen

Voraussetzung für die Orgelrestaurierung ist die Sanierung des Gewölbes darüber, für die mit Kosten von um die 50.000 Euro gerechnet wird. Dafür hat der Stadtrat im Mai Fördergelder von 25.000 Euro bewilligt. Diese Arbeiten beginnen nun und sollen bis zum Herbst abgeschlossen sein. Die Orgelbauer sichern sämtliche Pfeifen der Orgel, die Windladen und die Mechanik. Die Restaurierung beginnt erst später. Dafür wird vieles nach Dresden in die Werkstatt mitgenommen. Untersucht wird dann sehr genau, was tatsächlich noch dem Originalzustand zugehört und was verändert wurde.

Denn ungefähr 30 Jahre nach dem Bau der Orgel gab es bereits die erste Veränderung durch Marx, berichtet Michael Wetzel von neuen musikalischen Erfordernissen der damaligen Zeit, die der Orgelbauer umsetzte. Die Orgel erhielt durch ein Acht-Fuß-Prinzipal eine tiefere Stimme. Vorher gab es ein Vier-Fuß-Prinzipal als Prospekt und Hauptregister. „Die Grundtönigkeit sollte stärker werden“, sagt der Fachmann aus Dresden und erklärt zum besseren Verständnis: Vier Fuß entsprechen Frauenstimmen, acht Fuß Männerstimmen.

Besonders an den Orgelpfeifen sind erhebliche Arbeiten erforderlich. Auch die Windladen sind gründlich aufzuarbeiten. Das Orgelgehäuse selbst bleibt stehen. Am Mittwoch werden von einem Restaurator die Figuren und Schnitzereien abgebaut.

Wer den Verein mit Spenden unterstützen möchte – zum Beispiel sind Pfeifenpatenschaften möglich – findet Informationen dazu unter www.orgelverein-havelberg.de