Havelberg l „Die Stadtkirche ist mir ein besonderes Anliegen. Sie hat meine ganze Familie geprägt und ich verbinde viele Kindheitserinnerungen damit“, erzählt Jenny Zilcher (ehemals Kirchhoff) am Dienstag beim Treffen mit Domkantor Matthias Bensch im Paradiessaal am Dom. Sie haben diesen Ort gewählt, weil die Räumlichkeiten dort beheizt sind. In der Stadtkirche wäre es jetzt sehr kalt für ein längeres Gespräch. Der Blick führt von dort aber nach unten auf die Havelberger Altstadtinsel, wo der Kirchturm die Silhouette prägt.

Oma und Opa Brüßhaber lebten gegenüber der Kirche. Jenny Zilcher denkt zurück an Bibelstunden und andere Begegnungen mit dem Pfarrer, an ihre Tante, die als Jugendliche durch den Kirchturm tobte und ihr als Gespenst klar machte, dass sie doch besser abends schnell einschlafen sollte, an den Kindergarten in der Krugtorstraße. Später, als sie in Berlin zur Schule ging, verbrachte sie ihre Ferien in Havelberg.

Die Verbindung riss nie ab, auch nicht während des Studiums in Bayern oder ihrer Arbeit im Stiftungsbereich. 2015 gehörte sie zu den drei Kandidaten um das Bürgermeisteramt in Havelberg. Inzwischen hat sie geheiratet und in Sandau ihr neues Zuhause gefunden.

Schön, etwas zu bewahren

„Durch den Flyer zur Pfeifenpatenschaft bin ich auf die Spendenaktion für die Stadtkirchenorgel aufmerksam geworden und habe mich mit Herrn Bensch unterhalten. Ich möchte gern was machen für die Stadt und die Kultur und sehe mein Geld hier gut angelegt. Das Gesamtpaket stimmt“, sagt die Neu-Sandauerin. „Es wäre wunderbar, wenn diese Kirche wieder erklingen kann. Die Orgel ist neben dem Altar das Herzstück und die Musik spielt eine große Rolle. Damit könnte die Kirche noch mehr für Veranstaltungen genutzt werden.“

Öfter hat sie sich in der Kirche aufgehalten und genau überlegt, für welche Orgelpfeifen sie die Patenschaft übernehmen möchte. „Ich habe mich für zwei stille Pfeifen entschieden, für die jeweils verstummte Familie mütterlicher- und väterlicherseits, und für eine aktive Pfeife für meinen Mann und mich. Sie soll fürs Leben stehen, für Wohlklang, Freude, für alles Positive.“ 1800 Euro beträgt die Spendensumme. „Ich finde es schön, etwas zu bewahren, das einen geprägt hat, und ich kann mir auch vorstellen, Mitglied im Verein zu werden und mich dort zu engagieren.“

Der „Verein zur Restaurierung und Erhaltung der barocken Scholtze-Orgel der St. Laurentiuskirche zu Havelberg“ wurde im Juni 2014 gegründet. Vorsitzender ist Domkantor Matthias Bensch. Er weiß um die Bedeutung dieser wertvollen Orgel, die noch zu gut 50 Prozent im Originalbestand von 1754 erhalten ist. „Es ist problemlos möglich, den Teil der Scholtze-Orgel exakt zu rekonstruieren, der in den vergangenen 250 Jahren verloren gegangen ist, da wir Vorbilder haben, die nur zu kopieren wären“, schreibt Matthias Bensch im Faltblatt zur Orgelrestaurierung. Und auch, dass dieses Res­taurierungsprojekt wegen des außergewöhnlich farbenfrohen, präzisen und durchsichtigen Klangs und der Seltenheit dieser Instrumente von überregionaler Bedeutung ist. Es gibt nur noch drei zweimanualige Scholtze-Orgeln.

Mit der 100. Pfeifenpatenschaft haben sich für weit über die Hälfte der Pfeifen der Orgel Spender gefunden. Allerdings sind die großen teuren Pfeifen noch zu haben, berichtet der Domkantor. Er hofft, dass sich auch dafür noch Spender finden. Insgesamt sind es um die 160 Pfeifen. Die Patenschaft für die kleinen stummen Pfeifen kostet 20 bis 60 Euro. Dann gibt es im Haupt- und im Oberwerk kleinere aktive Pfeifen für 100 bis 450 Euro. Für die größeren Pfeifen liegen die Kosten bei 350 bis 2000 Euro. Die größten Pfeifen im Pedal sind für bis zu 3000 Euro zu haben. Genau angucken können sich Interessierte das in dem Faltblatt beziehungsweise im Internet. Jeder Spender erhält einen Patenbrief und sein Name wird auf der Prospektpfeife verewigt.

Förderanträge werden gestellt

Rund 100.000 Euro kostet allein die Restaurierung der Prospektpfeifen. Insgesamt rechnet Matthias Bensch mit knapp 650.000 Euro, die für die Restaurierung der Orgel erforderlich sind. Der Verein und die Kirchengemeinde haben seit 2014 bereits zwischen 80.000 und 85.000 Euro an Spenden zusammengetragen. Vom Bund sind Fördergelder von bis zu 325.000 Euro zugesichert. Für die noch an der Finanzierung fehlenden rund 200.000 Euro werden die Fördergeldanträge gestellt, wenn das Landeskirchliche Bauamt und der Gemeindekirchenrat entschieden haben, wer die Restaurierung vornehmen soll. Der Kantor hat fünf Kostenvoranschläge von Orgelbauern, Farbrestauratoren, Holzbildhauern und Elek­trikern eingeholt und seine Angebotsauswertung abgegeben. Anträge auf Förderung sollen an die Dr.-Oetker-Stiftung, Lotto-Toto, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, ans Land und die Stiftung Orgelklang gestellt werden. Matthias Bensch ist optimistisch, dass die Finanzierung zu schaffen ist. „Ich freue mich, dass sich auch die Hansestadt mit 30.000 Euro an der Finanzierung beteiligen will.“

Vorausgesetzt, es klappt alles, soll die Restaurierung 2019 beginnen. Zwei Jahre wird sie in Anspruch nehmen. Dann soll die Kirche wieder klingen und hoffentlich viele Besucher anlocken, die sich an dem Klang des barocken Instrumentes erfreuen.

So lange ist es die Scholtze-Orgel im Dom, die bei vielen Konzerten erklingt – auch beim Benefizkonzert am Sonnabend, 21. April, für die Stadtkirchenorgel. Damit beginnt das Programmjahr der Dommusiken 2018. Das Faltblatt dafür ist druckfrisch herausgekommen. Insgesamt sind 22 Konzerte geplant.