Havelberg l Die Havelberger Stadtkirche steht ja immer ein wenig im Schatten des Doms, auch bezüglich ihrer ziemlich kargen Ausstattung. Das ist aber bisweilen, wie sich am Sonntag und Montag wieder zeigte, nicht einmal schlecht: Während nämlich die großartige Architektur, das riesige Kruzifix und besonders der dominante Lettner im Dom eine erhebliche Rücksicht bei nicht liturgischen Veranstaltungen verlangen, ist man in der Stadtkirche relativ frei. Der gut proportionierte Raum lässt sich also durchaus angemessen profan nutzen, ohne von seiner historischen Würde oder Spiritualität zu verlieren. Das zeigte sich unter anderem im vorigen Jahr beim Kinderzirkus aus St. Petersburg - und nun eben bei der Aufführung des Märchens „Die Regentrude“ durch Mitglieder der Leipziger Tanzkompanie „Ciacconna Clox“.

Es geht um Wasser, um Freundschaft, um geizigen Egoismus und auch ein bisschen um Liebe. Dazu hat man das etwas weitschweifige und altertümelnde Märchen von Theodor Storm kräftig entkernt und sehr schlüssig auf drei Darstellerinnen zugeschnitten. Die Mittel sind verblüffend einfach und schlicht, wahrscheinlich aber gerade deshalb so intensiv und eindrucksvoll.

Es beginnt ganz leicht und lustig: Es ist ja genug Wasser da, man kann damit spielen und man kann es abgeben. Erstaunlich, welch schöne Bilder sich mit drei kleinen Metallschüsseln und etwas Wasser ertanzen lassen! Wenn das kostbare Nass aber weniger wird, kommt der Durst – und wer noch zu Trinken hat, will nicht mehr teilen. Hier beginnt die eigentliche Geschichte, denn das Mädchen Maren gibt nicht nur heimlich vom Vorrat des habgierigen Vaters, sondern beschließt aus Liebe zu ihrem Freund Andrees die Regentrude zu suchen. Klar, dass das nicht so einfach ist, und nur gut, dass sie ihre Freundinnen dabei hat. Schließlich können die Mädchen die Regentrude finden und zusammen mit ihr die wichtigen Regenwolken auf den Weg schicken. Damit ist das böse Feuermännchen besiegt - in die Nebenrollen schlüpft man schnell mit wenigen Requisiten - und alles wird wieder gut.

Bilder

Ausgefeilte Choreographie

Wie allerdings die drei Künstlerinnen – die Tänzerin Anna Städler, die Schauspielerin Katja Rogner und die Sängerin Elena Janis – diese kleine Geschichte in Szene setzen, das lässt sich kaum beschreiben. Eine Hintergrundmusik gibt es nicht. Wenige eindrucksvolle Geräusche, besonders aber Schritte und Gesten der Tänzer gliedern das Stück akustisch, dazu der fast beklemmend intensive Gesang. Es gibt ganz wenig Text, aber die Bilder sind so stark und packend, dass das Publikum, gleich ob jung oder alt, den Atem anhält. Genau so regt man Fantasie an! Bei der besonders anregenden Wolkenszene – hier helfen die Zuschauer mit Fingerbewegung und Händeklatschen mit – will man fast glauben, nun müsse es aber wirklich endlich regnen in Havelberg, nach den beiden absurd trockenen Frühlingsmonaten.

Natürlich wurde das alles gründlich erarbeitet, natürlich ist die Choreographie perfekt ausgefeilt und natürlich sind hier drei echte Profis am Werk, aber ein solch starkes Kindertheater, ein solches Theater für alle Sinne sieht man nicht alle Tage. Hoffentlich kommt Ciacconna Clox – es bestehen ja verwandtschaftliche Bindungen nach Havelberg – bald wieder. Die Stadtkirche jedenfalls bietet eine feine Kulisse.