Havelberg l Wenn Vollmond ist, hat Frank Ermer Dienst. Dann zieht er mit Havelbergern und Gästen durch die nächtlichen Gassen der Hansestadt, nimmt er sie mit auf eine Reise ins Mittelalter. Als „Havelberger City Guide“ hat er sich selbständig gemacht, nachdem er vor vier Jahren als Bundeswehroffizier in den Ruhestand gegangen ist. Zur Ruhe setzen wollte sich der da 55-Jährige noch lange nicht. Der Informatiker tauchte noch tiefer als bisher ein in die Geschichte Havelbergs und wollte sein Wissen an Gäste weitergeben. Was diese wünschen, weiß er, betreibt seine Frau doch schon seit vielen Jahren die „Pension an der Havel“.

Geschichtlich geprägt hat ihn sein Schwiegervater Edgar Steiner, der sich intensiv mit der Historie Havelbergs und der Region beschäftigte, viel recherchierte und bis kurz vor seinem Tod im Jahr 2002 etwa für die „Heimathefte“ des Heimatvereins und die Volksstimme interessante Beiträge verfasste. Mit Blick auf die Zeit nach der Bundeswehr und den großen Bedarf an Gästeführern im Buga-Jahr 2015 absolvierte Frank Ermer einen Lehrgang. Es folgten weitere Qualifikationen. Unter anderem als Natur- und Landschaftsführer. Vor kurzem wurde er als Erster überhaupt als zertifizierter Natur- und Landschaftsführer Partner des Biosphärenreservats Flusslandschaft Elbe, in dem vier Bundesländer zusammenarbeiten.

Gemeinsam mit dem Haus der Flüsse in Havelberg, dem Informationszentrum Natura 2000 des Biosphärenreservates Mittelelbe, gab es bereits geführte Touren und weitere sind geplant. So ist zum Beispiel die „Tour zwischen den Fähren“ beliebt, auf der es auf Rädern von Havelberg aus mit der Räbeler Fähre ins Westelbische geht und von dort nach Werben mit Einkehr im Café Lämpel über den Blauen See zum Gutshaus Büttnershof. Zurück führt die Fahrt über die Fähre Sandau nach Havelberg. Die Tour kann auch andersherum gefahren werden. Fürs nächste Jahr sind vier feste Termine eingeplant.

Wer eine Stadtführung durch Havelberg erleben möchte, meldet sein Interesse oft in der Touristinfo an. Die Mitarbeiter geben den Wunsch an die Gästeführer weiter. Montags bis sonnabends steht Frank Ermer dafür bereit. Am Sonntag bietet die Domkurie D8 einen festen Termin an. Nur eine gute Handvoll der über 20, die zur Buga die Gästeführerschulung absolviert hatten, ist heute noch regelmäßig mit Touristen unterwegs. Nachwuchs wäre durchaus wünschenswert, weshalb der Heimatverein Havelberg, dessen Vorsitzender Frank Ermer ist, in Absprache mit der Stadt im nächsten Jahr eine Stadtführerausbildung anbieten möchte.

Über 800 Buga-Kilometer

Die Zahl der Stadtführungen ist stets abhängig von den Schiffen, die im Havelberger Hafen anlegen. Haben sie so wie in diesem und vorigen Jahr wegen des Niedrigwassers Probleme, auf Havel oder Elbe in die Hansestadt zu gelangen, gibt es viele Absagen. Deshalb planen Reiseunternehmen nun verstärkt Bustouren als Ersatz.

Für Gäste, die per Bus anreisen, hat sich der Stadtführungsbeginn am Dom als die beste Variante herauskristallisiert, erzählt Frank Ermer. Denn oftmals sind es ältere Gäste, für die der Weg hoch zum Dom beschwerlicher ist als umgekehrt. Aber nicht alle kommen von weit her. Manch Havelberger Familie nutzt Stadtführungen gern – auch mehrfach –, um Interessantes über die Geschichte zu erfahren. Auch Einzelbesucher und Paare zeigen Interesse.

20 bis 30 Personen pro Führung sind optimal. Da bekommen alle mit, was der Gästeführer erzählt. Reisegruppen von Schiffen oder Bussen verfügen oftmals über Headsets. Dann können mehr Leute mitgehen und sich auch zum Fotografieren von der Gruppe entfernen – sie hören trotzdem alles.

Die Buga war natürlich eine Hochzeit für die Gästeführer. Wie viele Kilometer er genau bei Gästeführungen an den über 170 Tagen Gartenschau geschafft hat, weiß er nicht mehr. Über 800 waren es auf jeden Fall, so Frank Ermer.

Er begleitet auch Bustouren etwa in die Prignitz. Beliebt ist die Route nach Rossow, wo der frühere Altar aus dem Havelberger Dom steht, weiter zur Wunderblutkirche in Bad Wilsnack mit einem Zwischenstopp zum Mittag auf der Plattenburg. Auch wenn letztere ihren Betrieb zum Jahresende einstellt, soll diese Tour erhalten bleiben. Ab 2020 bietet Frank Ermer auch Führungen im Kloster Jerichow sowie in Stendal durch Stadt und Kirchen an. Entsprechende Weiterbildungen hat er absolviert. Gut arbeitet er auch mit dem Prignitz-Museum zusammen – etwa wenn es um spezielle Fragen von Gästen geht oder bei der Vorbereitung eines Buches über den Ersten Weltkrieg und Internierungslager in Klietz und Havelberg.

Theoretisch wäre an diesem Donnerstag wieder eine Vollmondtour durch Havelberg. Doch fällt diese aus. Die nächste findet am 10. Januar statt. Die Idee dazu entstand mit der Touristinfo bei Überlegungen, was man Gästen an festen Terminen bieten kann. „Eine Nachtwächterführung eignete sich nicht, denn Havelberg hatte keine Nachtwächter.“