Havelberg l Schon seit fast 50 Jahren ist niemand mehr auf dem Friedhof in Stolpe nahe Kyritz bestattet worden. Er ist entwidmet, soll aufgegeben werden. Seit längerem stand die Frage, was mit der Grabstätte für zehn unbekannte Soldaten geschehen soll, die am 1. Mai 1945 beim Versuch, die Sowjetarmee aufzuhalten, gefallen waren. Der Kyritzer Stadthistoriker Herbert Brandt hatte in der Märkischen Allgemeinen Zeitung zusammen mit Wolfgang Hörmann einen Beitrag über den Friedhof geschrieben. Diesen las auch Riccardo Freitag, der in Havelberg in der dem Panzerpionierbataillon 803 angegliederten dritten Kompanie des schweren Pionierbataillons 901 dient.

Dem Oberstabsgefreiten aus Neustadt/Dosse liegt sehr daran, Kriegstote zu bergen und ihnen an einem würdigen Platz die letzte Ruhestätte zu geben. Sein Großvater hatte vier Brüder, die alle im Krieg gefallen sind. Nur von zweien ist die Grabstätte bekannt. 2016 war er in Weißrussland und machte sich selbst auf die Suche nach dem Verbleib der Großonkel. Bei einem konnte eine ungefähre Stelle in Betracht gezogen werden. Nächstes Jahr soll mit moderner Technik, einer so genannten Magnetometerprospektion erneut gesucht werden. Über die Kriegsgräberstätte in Stolpe sprach er mit seinem Kompaniechef Hauptmann Norbert Wedekind, der Kontakt zum Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge in Halbe aufnahm.

In Verbindung mit dem Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge begann die Vorbereitung der Umbettung. Dabei kam der hauptamtliche Umbetter des Volksbundes Joachim Kozlowski zum Einsatz. Im Sommer fuhren rund 20 Bundeswehrsoldaten aus Havelberg nach Stolpe, um unter seiner Leitung die Ausbettung der Gebeine vorzunehmen.

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Gebeine von acht Soldaten

Mit dabei war auch der Stadthistoriker Herbert Brandt, der den Soldaten Unterlagen und Landkarten zeigte. Nachdem der Grabstein und die steinerne Umrandung beseitigt waren, fraß sich zunächst der Bagger ins Erdreich. Nach etwa einem Meter kamen Spaten zum Einsatz, später, als die Gebeine der Toten entdeckt waren, wurde mit kleinen Schippen gearbeitet, um nichts zu zerstören. Das ordnungsgemäße Bergen der Skelette ist für Joachim Kozlowski eine fast schon alltägliche Herausforderung. Und doch war der Einsatz in Stolpe etwas Besonderes: „Die Unterstützung der Angehörigen der Bundeswehr war enorm. Da waren einige dabei, die würde ich gern jedes mal dabei haben“, sagt er.

Gefunden wurden die sterblichen Überreste von acht Soldaten. Das stimmt überein mit Unterlagen von Christian Wagner, dem Verantwortlichen für Kriegsgräberstätten des Landkreises Ostprignitz-Ruppin. Demnach sind in dem Grab sieben unbekannte Soldaten und ein bekannter Soldat gefallen. Bei ihm könnte es sich um den Flugzeugbauingeneur Helmut Hansen handeln, für den es auf dem Friedhof zwar ein Einzelgrab gab, dessen Gebeine dort jedoch nicht gefunden worden sind. Die Deutsche Dienststelle WASt Berlin prüft dieses derzeit noch. Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen, sagt Riccardo Freitag.

Ihre letzte Ruhestätte haben die acht gefallenen Soldaten auf dem Waldfriedhof in Halbe gefunden, berichtet er. Dort fand eine Gedenkveranstaltung statt, bei der insgesamt 113 Kriegstote eingebettet worden sind.

Ehrengeleit auf Waldfriedhof

Unter den Gästen befanden sich Vertreter des Auswärtigen Amtes, der Deutschen Dienststelle WASt Berlin, der russischen Botschaft, des Referates Kriegsgräberstätten der russischen Föderation sowie zwei Schulklassen. „Der Historiker Prof. Dr. Sönke Neitzel ging kurz auf die Geschehnisse im April 1945 in Halbe ein. Im Kessel von Halbe befanden sich die Reste der 9. Armee unter dem Befehl von General Busse. Vom 25. bis 28. April 1945 erfolgte der Ausbruch aus dem Kessel, bei dem 30.000 Wehrmachtssoldaten, 10.000 Flüchtlinge und 20.000 russische Soldaten ihr Leben ließen. Im Anschluss wurden die Kriegstoten durch Soldaten eines russischen Spezial- und Suchbataillons und Soldaten des Wachregiments aus Berlin in ihre letzte Ruhestätte eingebettet“, berichtet Riccardo Freitag weiter.

Die Soldaten aus Havelberg unter Führung von Hauptmann Norbert Wedekind stellten das Ehrengeleit. Zum letzten Gruß erklang das Lied „Ich hatt‘ einen Kameraden“. Zum Schluss sprach Militärpfarrer Matthias Spieckermann das letzte Gebet für die Kriegstoten und erinnerte daran, dass 1950 Pfarrer Teichmann damit begonnen hatte, den ersten Toten auf dem Waldfriedhof eine letzte Ruhestätte zu geben. Heute ruhen dort zirka 26.000 Kriegstote.