Havelberg l „Auf Grundlage der Betrachtung verschiedener Zukunftsszenarien mussten wir bedauerlicherweise feststellen, dass die Havelberger Wohnbau GmbH diese Herausforderungen mit dem derzeitigen Wohnungsbestand nicht bewältigen kann. Im Ergebnis wurde weiterhin festgestellt, dass einzig der Verkauf eines gewissen Anteils am eigenen Wohnungsbestand die Handlungsfähigkeit der Gesellschaft für die Zukunft sicherstellt. 2018 wurden bereits drei Objekte verkauft. Nunmehr wurde beschlossen, vier weitere Objekte zu verkaufen. Auch ihr Wohnblock ist davon leider betroffen.“

Diese Sätze stehen in einem Schreiben der Wohnbau GmbH, das Mieter von drei Wohnblöcken im Franz-Mehring-Viertel dieser Tage als Postwurfsendung in ihren Postkästen fanden. Seither herrschen Aufregung und Ungewissheit. „Das war ein absoluter Schock. Man macht sich so seine Gedanken, wie es weitergeht“, sagt Al­brecht Seeger. Er ist einer der Mieter, die dort eine behindertengerechte Wohnung haben. Über eine Garage am Giebel kann er seine Wohnung vom Auto aus im Rollstuhl sehr gut erreichen.

„Ich kann nicht nachvollziehen, weshalb sich die Wohnbau ausgerechnet von diesen Blöcken trennen will. Sie haben nur drei Etagen und sind als Lehrlingsbauten Stein auf Stein gemauert worden. Von der Substanz her müssten das die besten Blöcke sein“, sagt der Havelberger und berichtet, dass er seit fast 40 Jahren in dieser Wohnung wohnt. Es war 1981 der Erstbezug. Heute sind viele Mieter im Rentenalter. „Ein Verkauf muss nicht unbedingt schlimm sein. Doch weiß man nicht, wohin sich die Mieten entwickeln, wenn investiert wird. Bei einer Versteigerung kann auch keiner Einfluss da­rauf nehmen, an wen die Blöcke verkauft werden.“

Bilder

Jürgen Kerfien, Fraktionsvorsitzender der SPD im Stadtrat, kann diesen Schritt nicht nachvollziehen und versteht auch nicht, dass die ´zu den Stadtwerken gehörende Wohnbau diesen Verkauf ohne Wissen des Stadtrates vornehmen kann. Deshalb sprach er das Thema am Montag im Kultur- und Sozialausschuss an. „Die Kommune hat eine gewisse Daseinsfürsorge, in den Blöcken sind sechs behindertengerechte Wohnungen, die Mieter sind in heller Aufregung, weil sie sich fragen: Was passiert jetzt mit uns“, berichtete er. Er kritisiert zudem, dass die Briefe ohne direktes Anschreiben verschickt worden sind und auf eine Mieterversammlung verzichtet wurde. Kämmerin Petra Jonschkowski sagte, dass nur der Geschäftsführer die Wohnbau nach außen hin vertreten kann und mit ihm Kontakt aufzunehmen ist.

Klausel für Kündigungsschutz

Beruhigen kann die Mieter auch nicht dieser Passus in dem ­Schreiben: „Käufer von Wohnanlagen sind in der Regel klassische Kapitalanleger. Diese sind auf den Mieterbestand angewiesen. Die Havelberger Wohnbau GmbH wird zu Ihrer Absicherung im Kaufvertrag eine Kündigungsschutzklausel sowie Mieterhöhungsklausel vereinbaren. Ordentliche Kündigungen sind demnach innerhalb der ersten drei Jahre nach Besitzerübergang nicht erlaubt, Mieterhöhungen und Modernisierungen sind zudem nur im gesetzlich zulässigen Rahmen gestattet.“

Die Volksstimme sprach mit Bürgermeister Bernd Poloski über die Versteigerung, Geschäftsführer Sebastian Horn ist in dieser Woche nicht erreichbar. „Ich bin nicht befugt, für die GmbH zu sprechen. Als ein Mitglied des Aufsichtsrates kann ich aber sagen, dass es eine intensive Wirtschaftsanalyse gegeben hat, die sehr genau aufzeigt, wie die Wohnbau wirtschaftlich sicher in die Zukunft geführt werden kann. Dazu gehören auch Verkäufe. Die Versteigerung ist kein Schnellschuss, hier wurde genau überlegt, welche Gebäude wir behalten wollen und welche nicht. Ob kommunal oder privat geführtes Unternehmen: Letztlich ist es nach GmbH-Recht verpflichtet, so zu wirtschaften, dass nicht am Ende eine Insolvenz steht.“

Der Bürgermeister macht darauf aufmerksam, dass immer mehr Mieter zu Recht verlangen, dass sich die Wohnbau auf den demografischen Wandel einstellt. Dazu gehören Aufzüge, aber auch Balkone werden gewünscht. „Investieren kann ich nur, wenn ich das Geld dafür habe. Habe ich es nicht, muss ich Entscheidungen treffen, wie ich dazu kommen kann. Da geht es der Wohnbau wie der Stadt.“