Havelberg l Die Einstimmung auf die Weihnachtszeit bei Marianne und Ulrich Radecker in Havelberg begann stets um den Nikolaustag herum. Mit dem Auto fuhren sie in den Kümmernitzer Wald, bei Schnee lag ein Schlitten im Kofferraum. Eingepackt waren auch Tüten mit schrumpelig gewordenen Äpfeln, Möhren und getrockneten Brotresten. „Das wichtigste waren natürlich unsere Enkel. Erst Florian, jetzt 34, dann Franziska, jetzt 23, dann Leoni, jetzt 13, und hinterher der Urenkel Jan, der sieben Jahre alt ist. Dann ging es einen Waldweg entlang und Enkel oder Enkelin durften sich ein, zwei Bäume aussuchen, unter denen das Futter verteilt wurde, um so in der Weihnachtszeit auch an die Tiere im Wald zu denken“, berichtet Marianne Radecker.

Begonnen haben Radeckers mit der Tradition im Jahr 1990, als Florian vier Jahre alt war. Die Kinder hatten ihre Freude und es entstand die Idee für die Geschichte „Ein Weihnachtsbaum für die Waldtiere“. Sie wurde zur beliebten Gute-Nacht-Geschichte bei den Enkeln und Marianne Radecker hat sie schon Kindern in der Grundschule Sandau, im Hort Havelberg und im Kindergarten Weissen vorgelesen. Weil in diesem Jahr viele Veranstaltungen, unter anderem auch der Adventskalender, coronabedingt ausfallen mussten, hat sie den Text der Volksstimme geschickt.

Mitarbeiterin Corinna Theis schrieb ihn auf dem Computer ab und hatte eine Idee: „Das ist eine tolle Geschichte. Wir haben uns gleich mit unserer Enkelin auf den Weg in den Wald in Quitzöbel gemacht und für die Tiere einen Weihnachtsbaum mit Äpfeln, Brot und selbstgemachtem Vogelfutter behangen. Auf den Boden kamen Kohlblätter, Kartoffeln und Kartoffelschale.“

Für alle, die zu Weihnachten oder auch danach ihren Kindern oder Enkeln die Geschichte vorlesen möchten, ist sie hier – gekürzt – abgedruckt:

Bald fängt der Krach wieder an

Wie in jedem Jahr wurden die Tage kürzer und kürzer, der Maler Herbst hatte seine Arbeit beendet, die bunten Blätter fielen von den Bäumen. Noch herrschte Ruhe im Wald. Die Pilzsucher waren verschwunden und die Holzarbeiter warten auf ruhigere Tage im Winter hinterm Ofen zu Hause. Der Uhu, als Nachrichtenübermittler des Waldes, flog im dämmernden Abendlicht seine Runden und genoss die friedliche Ruhe. Aber bald würde es wieder unruhig werden. Bei seinem Flug durch die Baumkronen schaute er auf das äsende Wild. Hier und da hoppelte ein Hase und das Eichhörnchen genoss die letzten Sonnenstrahlen, die durch die Baumkronen fielen. Es knisterte, weil die Eicheln von den Bäumen fielen, in diesem Jahr gab es besonders viele. Der Uhu seufzte tief und dachte an die kommende Zeit: Die Weihnachtszeit, die die Menschen so glücklich aber auch hektisch macht, und die Tiere des Waldes so unendlich traurig. Denn diese wünschten sich seit langem auch einen Weihnachtsbaum. Aber es würde wohl wieder nur ein Wunsch bleiben. Tage später fing es mit der Krachmacherei wieder an.

Auf Anweisung des Försters wurden die gekennzeichneten Tannen, Kiefern und Fichten zum Abholzen freigegeben, und es waren wunderschön gewachsene Bäume darunter. Diese wurden dann zu den Verkaufsständen für Weihnachtsbäume in die Städte und Dörfer gefahren. Als der Förster eines Abends mit seiner Frau noch mal in den Wald kam, um die Futterkrippen zu kontrollieren, wurde es plötzlich laut. Der Uhu hatte alle Tiere auf der großen Waldwiese, die im Mondschein lag, zusammengetrommelt. Der Förster, der sich mit seiner Frau versteckt hatte, verstand die Sprache der Tiere und hörte dem Uhu zu: „Ihr lieben Tiere, wir haben uns heute hier versammelt, um darüber nachzudenken, warum wir auch in diesem Jahr wieder keinen Weihnachtsbaum haben. Die Menschen holen so viele Bäume aus unserem Wald, schmücken sie festlich, legen Geschenke darunter und freuen sich in ihren warmen Stuben an dem Tannenduft. Aber an uns Waldtiere denkt niemand.“ Alle Tiere nickten mit den Köpfen und man konnte es ihnen ansehen, wie traurig sie waren. Dem Förster aber mit seiner Frau hinterm Busch blieb vor Staunen der Mund offen und der Försterfrau traten Tränen in die Augen. Sie umarmten sich beide und beschlossen von Stund an – hier muss man doch helfen. Der Förster sagte: „Auf der großen Waldwiese stellen wir in der Mitte eine riesengroße Tanne auf und die schmücken wir für die Tiere.

Große Fresspakete

Unter die Tanne legen wir große Fresspakete mit allem, was die Tiere mögen.“ Der Förster stellte den Baum auf, seine Frau zog mit einem großen Schlitten von Geschäft zu Geschäft – vom Bäcker zum Fleischer, vom Bauern zum Obsthändler... Als es draußen ein wenig dunkelte, fuhren die Waldarbeiter, der Förster und die Försterfrau in den Wald. Hier fingen sie an, den ersten Weihnachtsbaum für die Waldtiere zu schmücken. Sie hängten große Schleifen und Lametta daran. An den Zweigen befestigten sie Brötchen, Würstchen, Beutel mit Nüssen und Kastanien, rotbäckige Äpfel verzierten die Zweige, Mohrrüben hingen herunter, kleine Kohlköpfe und Kohlrabis wurden angebunden. Zum Schluss wurden noch kleine Leuchtstäbe befestigt. Unterm Baum lagen riesige Pakete mit Kartoffeln für die Wildschweine, Rüben für die Hasen, Heu und Stroh für die Rehe, Kohlrüben und viele, viele Brote.

Die Menschen versteckten sich. Der Baum glitzerte im Mondschein. In diesem Moment überflog der Uhu die Waldwiese und wäre vor Schreck bald im Baum hängen geblieben. Er informierte die Tiere. Er konnte die Freude noch gar nicht fassen und überschlug sich beim Rufen. Aus allen Waldecken strömten nunmehr die Tiere heran. Ganz leise und sachte näherten sie sich dem Baum, als wäre es nur ein Traumbild, was gleich wieder verschwinden würde. Doch dann brach Jubel aus. Sie bildeten einen Kreis um den Weihnachtsbaum und tanzten drum herum. Nun war für sie auch Weihnachten und sie verstanden die Freude der Menschen.