Schönebeck/Kota l Es ist ein schmutziges Geschäft. Bei 42 Grad Celsius sitzt der kleine Anil unter der brennenden Sonne. In der Hand hält er einen viel zu großen Hammer. Immer und immer wieder schlägt er auf die Kanten des Steines. „Für einen Pflasterstein bekommen wir eine Rupie“, berichtet der Vater des kleinen Anil der Reporterin der Deutschen Presseagentur. 1 Rupie sind etwa 1 bis 1,4 Euro-Cent. Die ganze Familie schafft rund 150 Steine am Tag, berichtet der Vater. Wie so viele andere auch in den Steinbrüchen rund um Kota ist sich der Vater nicht sicher, wie alt seine Kinder sind. Sicher aber wären sie schulfähig.

Diese und noch viele andere Erlebnisse werden nicht nur deutschlandweit von den Medien immer wieder aufgegriffen, sondern davon kann auch Walter Schmidt berichten. Er ist Geschäftsführer des Vereines Xertifix mit Sitz in Hannover. Seit 2006 kontrolliert Xertifix in indischen Steinbrüchen und Natursteinbetrieben. Dort stellen Mitarbeiter des Vereines sicher, dass keine ausbeuterische Kinderarbeit oder Sklavenarbeit stattfindet, alle Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) eingehalten und die Arbeitsbedingungen der erwachsenen Arbeiter schrittweise verbessert werden.

Doch wo ein Profit vor allem mit europäischen Abnehmern zu machen ist, finden sich schnell schwarze Schafe. Nach Medienberichten können in den rund 2000 Steinbrüchen rund um Kota etwa 60 bis 80 Prozent aller Arbeiter Kinder sein. Kinder, die eigentlich zur Schule gehen sollten, aber nicht in Minen schuften müssten.

Verein in Kota aktiv

„Aus diesem Grund sind wir in Kota vor Ort tätig“, berichtet der Vereinschef von Xertifix. Zwei Ehrenamtliche, die seit vielen Jahren mit Xertifix zusammenarbeiten, statten den Minen und ihren Betreibern regelmäßige Besuche ab: angemeldet und unangemeldet. „Wir lassen uns die Papiere zeigen und kennen auch die Importeure. Wenn wir alles sehen und beurteilen dürfen, stellen wir ein Zertifikat aus, wenn Steine nicht durch Kinderhand gingen. Das ist sehr wichtig“, so Xertifix-Geschäftsführer Schmidt.

Er warnt eindringlich davor, dass sich deutsche Baufirmen beziehungsweise Kommunen mit Schein-Bescheinigungen aus Indien ruhig stellen lassen. „Wir haben in der Vergangenheit häufig selbsterstellte Zertifikate gesehen. Glauben Sie mir: Dadurch endet die Kinderarbeit in den Steinbrüchen um Kota nicht“, so Schmidt am Telefon zur Volksstimme.

Was hat das nun alles mit Schönebeck und dem Marktplatz von Bad Salzelmen zu tun? Eben jener Stein, der dort im Frühjahr nächsten Jahres verbaut werden soll, kommt aus Kota in Indien. Nach Informationen des Bauamtes Schönebeck wurde mit der Reparatur des Marktes in Salze eine Magdeburger Baufirma beauftragt. Der neue Stein für den Markt heißt Banera, es ist ein Quarzit-Sandstein. Er soll einen Farbenmix aus grau, braun, beige und gelb geben. Die Menge der Steine aus Kota wird mit 1500 Kubikmeter angegeben.

Es gibt "Eigenerklärung"

Bei der Problematik, ob diese Steine in einer Art Knechterei von Kindern gebrochen werden, hat sich die Stadt gegenüber der Baufirma mit einer sogenannten Eigenerklärung aus der Mitverantwortung genommen. Dazu das Bauamt: „Die Stadt Schönebeck hat als Auftraggeber die strengen Vorgaben des Landes und seiner Gesetzlichkeiten eingehalten. Im Rahmen des Vergabeverfahrens hat uns der Auftragnehmer eine unterzeichnete Erklärung (...) mit dem Titel ‚Beachtung der Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation‘ (ILO) vorgelegt, welche die Einhaltung von Paragraf 12 des Landesvergabegesetzes bestätigt. Dieser Paragraf 12 bezieht sich neben anderen Vorgaben auf die Beachtung des Übereinkommens Nr. 182 über das Verbot (…) der Kinderarbeit vom 17. Juni 1999.“

Diese Eigenerklärung, die der Stadt Schönebeck vorliegt, bezeichnet Walter Schmidt vom Verein Xertifix als „Blödsinn“. „Das würde ja bedeuten, dass die Baufirma nun dafür Sorge trägt, dass kein Kind beschäftigt wird. Hoffentlich können sie das vor Ort dauerhaft kontrollieren“, so Schmidt. Die beauftragte Baufirma war am Freitag nicht zu erreichen. Alle Geschäftsführer befanden sich im Urlaub, hieß es.

Walter Schmidt beobachtet deutschlandweit die gängige Praxis, dass sich Kommunen mit dieser Eigenerklärung aus der Verantwortung ziehen. „Besser ist es, ein Zertifikat von einem unabhängigen Institut oder Verein zu fordern. Das bringt Sicherheit und trägt dazu bei, dass zukünftig keine Kinder mehr in den Steinbrüchen um Kota arbeiten.“ Doch dieser Weg weg vom Geschäft mit den „schmutzigen Kinder-Steinen“ ist ein langer.