Klötze l Eigentlich hat Zaeer Hosseini heute frei. Doch um durch seine Ausbildungseinrichtung, die Residenz Valenta in Klötze, führen und seine Geschichte erzählen zu können, nimmt er sich die Zeit. Leise und zurückhaltend berichtet der in Afghanistan geborene Zaeer. „Meine Familie musste in den Iran fliehen. Meine Eltern gehörten in Afghanistan der Minderheit der Schiiten an, wir sprechen Persisch. Wir waren dort nicht mehr sicher“, erklärt er.

Weil sie einer Minderheit angehören, gilt die Familie von Zaeer als Menschen zweiter Klasse. „Wir durften nicht mit einem Auto in ein anderes Bundesland fahren, wir durften nicht studieren. Wir durften nicht alle Berufe machen, nur als Bauer oder Maurer arbeiten. Und es gab keine Ausbildung für uns“, zählt er Beispiele auf. Sie müssen viele Ungerechtigkeiten erleben und geraten in Gefahr.

28 Jahre lebt Zaeer Hosseini mit seiner Familie im Iran. Bis das gleiche Schreckensszenario sie auch dort einholt. Er, seine Frau und die damals drei Kinder fliehen nach Europa, nach Deutschland. Einen Monat sind sie unterwegs. „Wir sind zuerst nach Klietz geschickt worden, dann nach Salzwedel“, erzählt er. „Seit Dezember 2015 sind wir in Klötze.“

Ganz genau erinnert sich Zaeer Hosseini an eine Episode in den ersten Tagen: „Ich öffne den Briefkasten und finde einen Brief, der mit Google ins Persische übersetzt war. Darin stellt sich eine Frau aus Kunrau vor, Verena Treichel.“ Sie will helfen, meldet die Kinder in der Schule an, unterstützt bei Ämtergängen. Aber sie hat nicht genügend Zeit, ihm die Sprache beizubringen. Weil Zaeer noch keine Aufenthaltserlaubnis hat, darf er keinen Sprachkurs besuchen. Erst viel später erhält er einen Aufenthaltstitel zugesprochen, der ihm und seiner Frau den Besuch eines Sprachkurses ermöglicht hätte. Doch die zwei Jahre will er nicht warten.

Öko-Dörflerin springt ein

Eine Frau aus dem Öko-Dorf Sieben Linden hilft ihm aus der Misere. Sie bietet an, mit ihm Deutsch zu lernen. Das nimmt er gern an. Erst lernen sie im Öko-Dorf, später in der Evangelischen Familienbildungsstätte (EFA) in Klötze. „Ich habe Elke Wiegand sehr viel zu verdanken. Leider ist sie 2018 verstorben“, bedauert er.

Doch die Mühe hat sich gelohnt. Zaeer Hosseini spricht inzwischen sehr gut Deutsch. Täglich wächst sein Wortschatz.

Nicht ganz so schwer, die neue Sprache zu lernen, haben es seine Kinder, mit dreien flieht er nach Deutschland, ein weiteres kommt vor sechs Monaten hinzu. „Alles Jungs. Manchmal ist es zuhause eine Katastrophe. Sie machen alles durcheinander“, lächelt er.

Zaeer Hosseini will in Deutschland eine Ausbildung absolvieren. Elke Wiegand rät ihm zur Altenpflege. Mit Verena Treichel schreibt er Bewerbungen, geht zu Bewerbungsgesprächen. Anfangs hat er aber noch mit großen Sprachproblemen zu kämpfen. „Einige haben mir nicht zugetraut, dass ich das schaffe“, bedauert er. Doch Antje Berlin von der Residenz Valenta traut ihm das zu. Auch an der Berufsschule in Salzwedel wird er für eine einjährige schulische Ausbildung zum Altenpflegehelfer angenommen. Diesen Abschluss hat Zaeer schon in der Tasche. Inzwischen absolviert er eine Ausbildung zum examinierten Altenpfleger.

Dabei weiß er anfangs mit diesem Beruf nicht viel anzufangen. Verena Treichel fragt er: „Warum gibt es hier so viele Altenheime? Wo sind die Kinder der alten Menschen?“ Denn in seiner Heimat ist die Großfamilie die Altersvorsorge.

Das in ihn gesetzte Vertrauen möchte Zaeer Hosseini nicht enttäuschen und seine Ausbildung 2020 abschließen. Zu kämpfen hat er noch immer mit der Sprache. Aber nicht, weil er sie selber nicht sprechen kann. „Ich habe Schwierigkeiten, die Leute hier im Heim zu verstehen“, erklärt er. Sie hätten zum Teil Probleme mit der Aussprache.

Dennoch kommt er mit den Bewohnern prima klar. Er wäscht sie, duscht sie, kleidet sie an und aus, isst mit ihnen, befördert sie. „Jetzt darf ich schon Behandlungspflege übernehmen, darf Tabletten ausgeben und Wunden versorgen“, berichtet er stolz. „Ich bin aber noch am Lernen.“ Drei Tage in der Woche arbeitet er in der Residenz, zwei Tage besucht er die Berufsschule.

Seine Eltern lässt Zaeer im Iran zurück. Er hat auch keine Chance, sie nach Deutschland zu holen, weil der Iran als sicheres Land eingestuft ist. Kontakt hält er über das Internet und Whats App. Seine Mutter ist mit einem Schlaganfall seit sechs Jahren bettlägerig. Weil er erst jetzt Dokumente aus seiner Heimat vorweisen kann, darf er auch erst jetzt einen Reisepass beantragen. Im Juli wird es ein Treffen mit der ganzen Familie geben. Aus Sicherheitsgründen in einem fremden Land. „Keiner bekommt mit, wo das sein wird“, verweist Zaeer auf die noch immer latente Gefahr.

Dank ist ihm wichtig

Viele Freunde, die ihm helfen, hat er schon gefunden. Auch Kollegen zählen dazu. Das Wichtigste für ihn: „Ich möchte Dank sagen. Es ist nicht einfach, sich in Deutschland zu integrieren mit einer fremden Sprache. Dabei haben mir viele geholfen.“ Und: „Ich vermisse meine verstorbene Lehrerin.“

Zaeer Hosseini ist sehr beliebt bei den Bewohnern der Residenz. „Er ist immer freundlich und hilfsbereit“, beschreibt Susann Korell, Leiterin soziale Betreuung bei Valenta. „Seine Ausbildung zur Pflegehilfskraft hat er mit einem ,sehr gut‘ abgeschlossen.“ Auch jetzt habe er wieder sehr gute Noten und hätte eine gute Chance, nach dem zweiten Abschluss in der Valenta zu arbeiten.

Darüber würde sich auch Christa Meyer freuen. Sie wohnt in der Residenz. „Er ist immer freundlich. Zaeer ist der Beste“, betont sie.