Neuferchau l Es sollte eine friedliche und gemütliche Feier einer Kindstaufe sein. Doch es kam anders. Hans-Jürgen Kleinecke, der Großvater des getauften Kindes, spürt am Montag noch die innere Anspannung vom Sonnabend. „Um 14.30 Uhr begann der Gottesdienst in der Kirche“, erinnert er sich an die Anfänge der Feierlichkeiten. „Danach sind wir rüber zum Grundstück meines Sohnes in die Achterstraße gegangen.“

Dort war bereits alles vorbereitet. Ein Festzelt, zehn mal drei Meter groß, war aufgebaut. Tische und Bänke standen, die Kaffeetafel war gedeckt. „Weil es gewitterte, haben wir uns erst gar nicht in das Zelt gesetzt, sondern wählten als Regenvariante die Alternative in der Scheune“, berichtet Kleinecke. Darin sei ein Partyraum ausgebaut. Als das Gewitter schon am Abklingen war, gingen die meisten rüber in das Festzelt. In der Scheune spielten noch fünf Kinder.

Leute waren perplex

Auch Hans-Jürgen Kleinecke saß mit im Zelt, als es plötzlich passierte: „Auf einmal gab es so in fünf Metern Entfernung einen Knall und einen gelblichen Lichtstrahl“, zeigt er in eine Ecke. „Im ersten Moment dachte ich, das ist ein Anschlag. Der Knall kam aus dem Nichts und erinnerte mich an Sprengstoffexplosionen aus meiner Armeezeit. Wie eine Granate, ein starker, kurzer Schlag.“

Zwei Männer standen vorn im Zelt und hielten sich an einer Querstange fest. „Da muss der Strom durchgeflossen sein, die hatten Kontakt“, beschreibt er die ersten Sekunden nach dem Einschlag. „Einer schüttelte die Hand vor Schmerz.“ Keiner der Gäste wusste anfangs, was eigentlich passiert war. „Einige Leute zeigten Reaktionen wie von einem Schock. Einer der beiden Männer vorn sagte, er will eine Jacke holen“, beschreibt Hans-Jürgen Kleinecke die Situation. „Bei 30 Grad! Da haben wir lieber den Notarzt angerufen.“

Viel Glück gehabt

Die Leute seien regelrecht perplex gewesen. Erst langsam realisierten sie, dass ein Blitz eingeschlagen hatte, sagt Kleinecke. Er selbst hat einen Herzschrittmacher und horchte deshalb erst mal in sich rein, ob alles in Ordnung ist. „Das war auch für mich eine komische Situation“, findet er im Volksstimme-Gespräch. „Ich habe wohl noch mal Glück gehabt.“

Erst nach und nach wird den Gästen der Feier klar, dass sie alle sehr viel Glück gehabt haben: Der Blitz war beim Nachbarn in die Ecke eines Scheunendaches eingeschlagen. „Das war der höchste Punkt“, erklärt Kleinecke. „Dort hat der Blitz dann gestreut und sich in mehreren Bahnen entladen.“ Eine davon war krachend in das Festzelt geflossen, eine andere in die Scheune der Gastgeber nebenan, in der die fünf Kinder spielten.

Nach zwei Stunden war alles vorbei

Mitarbeiter der Leitstelle gingen von einer Großschadenslage aus. Sicherheitshalber schickten sie sechs Rettungswagen und drei Notärzte. Zudem sind die Feuerwehren Neuferchau, Klötze, Kunrau, Mieste und Röwitz alarmiert worden. Vor Ort war auch der stellvertretende Kreisbrandmeister Bert Juschus. Als die Rettungs­assistenten eintrafen, kümmerten sie sich zuerst um die beiden Männer, danach um die Kinder. Sie alle sind vorsorglich in Krankenhäuser nach Wolfsburg, Gardelegen und Magdeburg gebracht worden. Entgegen ersten Bericht hat es laut Hans-Jürgen Kleinecke keine Verbrennungen durch den Blitz­einschlag gegeben.

Die Gäste der Feier waren irgendwie überrascht von der Menge an Helfern. „Das war eine ganz komische Stimmung“, erinnert sich Hans-Jürgen Kleinecke. „Keiner wusste, ob wir nach Hause gehen oder weiter feiern.“ Nach eineinhalb bis zwei Stunden war alles vorbei. „Das Thema Zelt war durch, da ging keiner mehr rein“, sagt Kleinecke. In der Scheune saßen sie noch beisammen, um das Erlebte zu verarbeiten. „Wäre das anders ausgegangen, hätten wir sicher aufgehört.“ Erst hinterher realisierte auch er, „wie nah man doch an solcher Sache dran ist. Jeder sagt sich: Mich wird es schon nicht erwischen. Aber das ist nicht so.“

Strom im Dorf war ausgefallen

Der Blitz war so stark, dass für einige Zeit der Strom im Dorf ausfiel. In einigen Haushalten verschmorten Leitungen und waren Geräte defekt. In Neuferchau gab es in der jüngeren Vergangenheit laut Hans-Jürgen Kleinecke noch keinen solchen Blitzeinschlag. Die Kirche als offensichtlich höchsten Punkt im Dorf hat der Blitz verschont. Am nächsten Tag erkundigte sich Pfarrer Johannes-Michael Bönecke nach dem Befinden der im Krankenhaus Behandelten. Hans-Jürgen Kleinecke, selbst Brandsachverständiger, vermutet, dass der Einschlag auch deshalb glimpflich ausging, weil das Zeltgestänge wie ein Käfig wirkte und die beiden Männer mit der Hand an einer Querstange den Strom ableiteten. Einer von ihnen hatte erst vor einer Woche geheiratet. Inzwischen konnten alle das Krankenhaus verlassen.