Klötze l Die Klötzer Stadtverwaltung konnte gestern keinen neuen Auszubildenden begrüßen. Wie Hauptamtsleiter Matthias Reps sagte, ist der nächste Azubi nach dem gegenwärtigen Stand erst im August 2021 im Rathaus vorgesehen. Im Vorjahr hatte Robin Janot seine dreijährige Ausbildung begonnen. Erst nach der Beendigung seiner Lehrzeit plane die Stadtverwaltung wieder einen neuen Azubi einzustellen, so Matthias Reps. Das Fleischer- und Bäckerhandwerk in der Region Klötze hat schon seit einigen Jahren keine Lehrlinge mehr ausgebildet. Der Kuseyer Bäckermeister Torsten Spiegler bildete zuletzt 2013 einen Lehrling aus. In diesem Jahr hatte er zwar eine Bewerbung, aber es kam zu keinem Ausbildungsvertrag. „Ich habe vor Jahren meinen Betrieb so umgestellt, dass ich auch in Zukunft ohne Auszubildende bestehen kann“, betonte der Kuseyer.

Der Jahrstedter Fleischermeister Ronny Bratke bildete vor fünf Jahren letztmalig einen Lehrling aus. Ihm lag in diesem Jahr nicht eine einzige Bewerbung vor. „Die Situation ist sehr traurig. Noch dramatischer ist die Lage bei Verkäuferinnen in unserer Branche“, äußerte sich der Vorsitzende der altmärkischen Fleischerinnung. Seines Wissens bildet nur noch regelmäßig die Winterfelder Landfleischerei Nachwuchs aus. Wie Bratke weiter betonte, wurde die Berufsschule in Magdeburg für die Fleischerlehrlinge aufgelöst. Den einzigen theoretischen Unterricht in Sachsen-Anhalt erhalten Fleischerazubis nur noch in Weißenfels oder im niedersäsischen Uelzen.

Es herrscht Akademisierungswahn

Etwas besser sieht es in der Landwirtschaft aus. Wie die Geschäftsführerin des Kreisbauernverbandes Annegret Jacobs während eines gestrigen Pressegespräches sagte, haben zahlreiche Lehrlinge ihre Ausbildung am 1. August in verschiedenen Betrieben begonnen. Im Einzelhandel werden, wie bei Carola Junghans im Klötzer Edeka-Markt, auch noch Auszubildende als Kauffrau und -mann gesucht. Doch auch bei der Unternehmerin lagen bis gestern keine Bewerbungen vor. „Ich würde noch nachträglich einen Lehrling einstellen“, betonte sie.

Einen neuen Azubi konnte gestern Kreishandwerksmeister Norbert Nieder in seiner Kuseyer Firma mit dem 16-jährigen David Zyler aus Kunrau begrüßen. Aus der Sicht von Nieder müssen sich die Rahmenbedingungen für Lehrlinge in der Handwerksbranche in Zukunft deutlich verbessern, damit auch junge Menschen wieder einen handwerklichen Beruf erlernen. „Momentan herrscht in Deutschland ein Akademisierungswahn. Die Eltern schicken ihre Kinder nur noch aufs Gymnasium“, merkte er an. Zudem müssen, so Nieder, Handwerkslehrlinge auch Fahrgeld erhalten, denn Studenten bekommen schon lange Freitickets für öffentliche Verkehrsmittel. Dass der neue Azubi David Zyler, der vorher ein Praktikum in dem Kuseyer Betrieb absolviert hat, nach erfolgreich abgeschlossener dreieinhalbjähriger Ausbildung übernommen wird, sei so gut wie sicher, so Nieder.