Böckwitz l Die Schließung des Böckwitzer Museums ist kaum noch abzuwenden. Vorsitzende Ingrid Schumann und ihr langjähriger Stellvertreter Willi Schütte halten zwar nach wie vor die Stellung, finden aber keine Nachfolger, die sich nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten engagieren. Von der Stadt Klötze und dem Altmarkkreis Salzwedel ist keine Hilfe zu erwarten (Volksstimme berichtete). Das einzige, was jetzt noch fehlt, um den Verein aufzulösen, ist eine Mitgliederversammlung.

Seitdem bekannt ist, dass das Museum bald Geschichte sein wird, steigen die Besucheranmeldungen wieder deutlich an, hat Schumann festgestellt. An ihrem Entschluss, zurückzutreten, ändert das aber nichts. Die 79-Jährige hat von ihrem Dasein als Einzelkämpferin, die sich um alles allein kümmern muss und keine Unterstützung erfährt, schlichtweg genug, wie sie am Dienstag abermals betonte. Zu Gast war ein Fernsehteam, das anlässlich des 30-jährigen Jubiläums des Mauerfalls einen Beitrag produziert, der im Spätherbst gesendet werden soll.

Erinnerung ist wichtig

Außerdem begrüßten Schumann und Schütte einen guten, alten Bekannten: Rainer Bischoff. Dass sich die Ära des 1997 gegründeten Böckwitzer Museums nun zu Ende neigt, „macht mich sehr traurig“, bekennt er. Regelrecht wütend macht ihn, dass die Politik die Hände in den Schoß zu legen scheint und nichts dagegen unternimmt. Und das ausgerechnet 30 Jahre nach der Grenzöffnung, die am 18. November in Böckwitz gefeiert werden soll. „Wo ein Wille ist, da ist ein Weg“, lässt Bischoff keine Ausreden gelten.

Hierzu muss man wissen, dass sich Bischoff seit Jahrzehnten „gegen das Vergessen“ einsetzt. Er kam am 20. Oktober 1947 in Weddendorf bei Oebisfelde zur Welt und flüchtete mit seinen Eltern im Februar 1953 in den Westen. Nach einer Odyssee über Berlin, Hamburg und Nordrhein-Westfalen wurde die Familie im Sommer 1958 in Danndorf (Landkreis Helmstedt) heimisch, baute ein Haus, der Vater fand eine Anstellung im Volkswagenwerk und Rainer Bischoff machte am Ratsgymnasium in Wolfsburg sein Abitur. Von 1968 bis 1972 studierte er in Braunschweig und arbeitete anschließend als Lehrer. Mit der Zeit wurde sich Bischoff seiner Biografie immer mehr bewusst und begann alles zu sammeln, was ihm zur deutsch-deutschen Geschichte in die Hände fiel. Er las unendlich viele Bücher, sprach mit Zeitzeugen, leitete Ausflüge an die Grenze und legte in seinem Unterricht mehr Wert darauf, mit seinen Schülern über die zwei deutschen Staaten zu sprechen, anstatt die Namen irgendwelcher Pharaonen abzufragen.

Ein kleiner Ausschnitt davon, was Bischoff in all den Jahren zusammengetragen hat, war seit dem 28. Mai im Kavalierhaus in Gifhorn zu bestaunen. Dort endet heute die Ausstellung „Von Mauern und Menschen – 30 Jahre Grenz-öffnung“. Darin präsentiert Bischoff unter anderem zahlreiche Fotos, die mit Zeitungsartikeln hinterlegt sind. Im Zeitraffer geht es durch besondere Kapitel der Historie, angefangen bei der Aktion Ungeziefer über die ersten Mauertoten, das Berufsverbot von Manfred Krug bis hin zum berühmten Genscher-Zitat auf dem Balkon der Prager Botschaft, das im Jubel unterging.

Doch was ist die Motivation für die Ausstellung, die Bischoff gern auch in Klötze und Umgebung zeigen würde: „Ich möchte meinen Teil zur Erinnerung beitragen“, antwortet der 71-Jährige, der auf seinen Standpunkten beharrt, dass die DDR „ein Unrechtsstaat“ gewesen sei und der antifaschistische Schutzwall lediglich dazu gedient habe, um die eigene Bevölkerung einzusperren.

9. Oktober wäre als Feiertag geeigneter

In seiner Planung ist auch ein großes Podiumsgespräch, zu dessen Gästen unter anderem Rainer Robra (Chef der Staatskanzlei in Magdeburg) gehören soll. Sorgen macht sich Bischoff darüber, dass sich die anfängliche Euphorie über die Wiedervereinigung längst wieder gelegt habe. „Solange es in Ost und West unterschiedliche Lebensverhältnisse mit unterschiedlichen Löhnen gibt, wird sich daran auch nichts ändern.“ Seine Stasi-Akten, so erzählt Bischoff, habe er nie angefordert, aus Angst, dass Freunde oder Verwandte eine unrühmliche Rolle gespielt haben könnten.

Dass der 3. Oktober zum Tag der Deutschen Einheit erklärt wurde, hält er für einen Fehler. Für ihn wäre es der 9. Oktober gewesen, als Reminiszenz an die richtungsweisende Montagsdemonstration anno 1989 in Leipzig, die trotz der Massen und Befürchtungen friedlich endete. Dazu trug vor allem der „Aufruf der Sechs“ bei, darunter der Kabarettist Bernd-Lutz Lange, den Bischoff persönlich kennt.

Bischoff, der ein leidenschaftlicher Fan des VfL Wolfsburg ist und im Landkreis Celle lebt, ahnt, dass das Interesse an der deutschen Teilung und Wiedervereinigung allmählich schwindet. „Entweder, weil die Leute damit abgeschlossen haben oder abschließen wollen.“ Dennoch, so fordert der Ruheständler, dürfe die Erinnerung daran nicht in Vergessenheit geraten. Und genau deshalb würde er es auch bedauern, wenn das Böckwitzer Museum schließt. Mehr, als Kontakte zu vermitteln und die Daumen zu drücken, könne er aber leider nicht tun. „Dafür wohne ich zu weit weg.“