Böckwitz l Fahrradtouren entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze sind im Jubiläums-Einheitsjahr beliebter denn je. Das bekamen auch die Organisatoren am 3. Oktober im Böckwitzer Grenzmuseum zu spüren. Sowohl die von Nico Ludwig geführte Radtour am Grünen Band, in Richtung Norden von Böckwitz aus, als auch die wenige Minuten später angesetzte Tour von Ulrich Lange über Böckwitz, Zicherie sowie Kaiserwinkel, Kunrau und Steimke an der innerdeutschen Grenze waren schon weit vor dem Termin, aber spätestens an dem Tag, mit jeweils über 20 Teilnehmern aus Ost und West ausgebucht. Da funktionierte das Zusammenwachsen unter den Radler schon. Denn jeweils die Hälfte der Aktiven kamen aus Ost und West. Auf der fast 30 Kilometer langen Tour erfuhren die Teilnehmer trotz zahlreicher Vorkenntnisse, noch viel Wissenswertes über die Teilung und das schrecklichsten Bauwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Gemeinsam mit der Aktion Musik, den Kirchengemeinden im Pfarrbereich Steimke-Kusey sowie Brome und dem Biosphärenreservat Drömling hatte der Museumsverein zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit ein vielfältiges Programm mit Elementen aus Natur, Geschichte und Kultur auf die Beine gestellt. Vorsitzende Verena Treichel zog am Abend vom  3. Oktober ein positives Fazit und war besonders erfreut, dass am Einheitstag die Bürger aus Sachsen-Anhalt und Niedersachsen gemeinsam feierten. Damit wurde das Zusammenwachsen zwischen den 28 Jahre lang geteilten ehemaligen beiden deutschen Staaten gefördert.

Grenze ist noch in den Köpfen der Menschen

Denn in den Köpfen einiger Menschen aus Ost und West ist die Mauer noch immer nicht ganz verschwunden. Das wurde am 3. Oktober während der äußerst gut besuchten Lesung von Heinrich Thies, der Auszüge aus seinem Buch „Weit ist der Weg nach Zicherie“ vortrug, klar.

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Für Grenzmusumsgründer Willi Schütte und seine Tochter Astrid Herrs, die unmittelbar auf dem Böckwitzer Museumshof wohnt, wird das Zusammenfinden noch einige Jahren dauern. „Wir wachsen langsam zusammen. Denn wir haben uns 40 Jahre durch die Teilung auseinandergelebt und so lange wird das Zusammenwachsen auch dauern“, merkte der 81-jährige Willi Schütte an. Seine Tochter Astrid Herrs findet, dass in den Köpfen der Menschen leider die Grenze noch vorhanden ist und das sei das Problem: „Wir wünschen uns, dass alles viel schneller zwischen den Menschen in Ost und West geht“, meinte sie.

Für die Zicherierin Beate Meyer ist das Zusammenwachsen in 30 Jahren zwischen den Einwohnern in ihrem Wohnort und Böckwitz schon gut gelungen. „Die Menschen sind freundlich zueinander. Man muss die Situation der Böckwitzer auch verstehen, und es gibt unter den Einwohnern immer wieder Ausnahmen“, betonte sie während der abendlichen Lesung von Heinrich Thies. Der las aus seinem Buch mehrere Geschichten vor, die sich nach der Maueröffnung im November 1989 ereigneten.

Über Nacht war der Wachposten überflüssi

So unter anderem die Geschichte vom ehemaligen Kompaniechef der Grenztruppen, Hans Habermann, der im Frühjahr 1990 seinen Job von einen auf den anderen Tag verlor, weil ihn am Grenzübergang Böckwitz kein Wachposten mehr ablöste und im Wachhäuschen weder Strom und noch das Telefon funktionierten. Das machte seinen Posten auf einmal überflüssig. Als er dann noch nach Kalbe mit seinem Trabant ins Grenzregiment fuhr und seine Uniform, Stiefel, Tornister, Stahlhelm und andere Dinge abgeben wollte und sie keiner mehr haben wollte, war die 25-jährige Dienstzeit an der innerdeutschen Grenze abrupt beendet.

Zum Zusammenwachsen trug am Einheitstag auch der grenzübergreifende Gottesdienst bei. Den leiteten Pfarrer Jürgen Klein (Brome) und Thomas Piesker (Steimke-Kusey).

Um Grenzerzählungen ging es auch in der Lesung von Beatrix Flatt im eigens aufgestellten Kulturdom am Bauerngarten. Aus ihrem Buch „Grenzenlos – Begegnungen am Grünen Band“ trug sie den Anwesenden ihre Erlebnisse von 63 Tagen mit Rucksack, Laptop und großer Neugier entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze vor. Das Gesangsduo Jan Wölke und Tabea Schulz aus Lüchow sorgte mit Liedern der Wende, wie „Der blaute Planet“ von Karat für die passende Umrahmung.