Böckwitz l „Liegen denn hier noch Minen?“, erkundigte sich eine Schülerin der Johannes-Gutenberg-Schule aus dem niedersächsischen Rühen besorgt. „Nein, nein“, beruhigte Uwe Bartels. „Die sind längst weg“, versicherte der Klötzer Bürgermeister, verschwieg aber nicht, dass zu DDR-Zeiten mal Kühe ausgebüxt waren und deswegen zu Tode kamen. Bartels, in Jahrstedt zuhause, empfing gestern Schüler aus Klötze und Rühen zu einem Projekttag der besonderen Art. Dazu hatten die Stadt Klötze und der Altmarkkreis Salzwedel im Verbund mit weiteren Bürgern und Partnern nach Böckwitz eingeladen. Dort war vor 30 Jahren, am 18. November 1989, die Mauer zum benachbarten Zicherie gefallen. Genau genommen, so wusste Bartels, ging die Grenze bereits einen Tag vorher für 45 Minuten auf. Aus zig Kehlen war der Ruf „Wir wollen rüber“ ertönt und diese vorübergehende Lösung ereicht worden. „Das waren sehr emotionale Tage“, beschrieb Bartels die damalige Gefühlslage und betonte, dass es sich, angefangen bei den Montagsdemonstrationen, um eine friedliche Revolution handelte, bei der kein einziger Schuss gefallen ist.

Mehr Einwohner nach Mauerfall

Aufgeteilt in Gruppen, sahen sich die Jugendlichen zunächst im Museum um und schlenderten dann dorthin, wo Deutschland einst geteilt war: zur früheren Grenze, die sich ehedem über fast 1400 Kilometer erstreckte und an der Hunderte ihr Leben ließen. Böckwitz befand sich im Sperrgebiet und durfte nur mit Sondergenehmigung betreten werden. Zwischenzeitlich, so informierte Bartels, hatte der Ort nur noch 50 Einwohner, dank etlicher Rückkehrer und Zuzügler sind es jetzt knapp 130. Dadurch konnten auch alte Gebäude vor dem Verfall gerettet werden.

Weiter ging es zur Europawiese, wo am Abend die Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag der Grenzöffnung stattfanden (Bericht folgt). Auch das Zelt war schon aufgebaut. Dort bekamen die Schüler einen filmischen Zusammenschnitt über die Ereignisse im November 1989 präsentiert. Zu sehen war beispielsweise der damals 17-jährige Randy Schmidt aus Jahrstedt, der beschrieb, wie sich wildfremde Menschen aus Ost und West jubelnd in den Armen lagen.

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Charlotte Knappstein, aus Bochum stammend und seit 20 Jahren in der Altmark lebend, und Torsten Urban, aufgewachsen in Dessau, begaben sich auf eine musikalische und lyrische Zeitreise. Es wurde aus dem Buch „Solange ich atme“ vorgelesen, in dem Carmen Rohrbach ihre missglückte Flucht über die Ostsee im Jahr 1974 beschreibt. Außerdem brachte das Duo einige Lieder des „Oktoberklubs“ zu Gehör, „in dem die Ideale des Sozialismus besungen wurden“, wie Urban erläuterte. Er selbst hatte 1982 nach dem Grundwehrdienst mit der DDR abgeschlossen und musste sich, ehe er als Berufsmusiker arbeiten durfte, als Platzwart verdingen.

Knappstein strich aber auch die Bedeutung von Böckwitz heraus. „Hier standen bewaffnete Soldaten. Wer abhauen wollte, wurde erschossen. Könnt ihr euch das vorstellen?“, fragte sie die Schüler - und blickte in staunende Gesichter. „Historisch war es ein einmaliges Ereignis, dass eine Regierung ohne Blutvergießen gestürzt wurde“, ergänzte die Künstlerin.

Schwester blieb im Osten

Dann kamen noch zwei Zeitzeugen zu Wort. Zum einen Friedhelm Lenz, der 1950 im Doppeldorf zur Welt gekommen war. Er erzählte, wie seiner Familie 1960 floh, durch den Mauerbau ein Jahr später aber seine Schwester in Kunrau zurücklassen musste. „Das haben meine Eltern nie verwunden“, sagte Lenz. Über Berlin ging es mit dem Flugzeug nach Hannover und zurück nach Zicherie, wo die Familie einen Neuanfang wagte. Indes fühlte sich seine Schwester in der DDR recht wohl. „Die Propaganda hatte gewirkt.“ Erst 1973, als die Schwester den kranken Vater im Westen besuchen konnte, merkte sie, dass sie belogen wurde. Wenige Wochen später schrieb sie ihrer West-Verwandtschaft einen Brief und kündigte an, ausreisen zu wollen. Das klappte aber erst 1986.

Auszüge aus seinem Leben schilderte auch der Jahrstedter Friedrich Schulz, der 1939 in Braunschweig das Licht der Welt erblickt hatte. Er berichtete, wie sehr sich seine Familie mit ihrer Landwirtschaft mühte, um den staatlichen Vorgaben zu genügen. „Ich kann mich noch erinnern, dass wir das Milchsoll nicht erfüllen konnten, weil die Russen zwei Rinder geklaut hatten.“

Nachdem er in Halle sein Abitur nachgemacht und in Berlin studiert hatte, übernahm Schulz die Leitung für den Pflanzenanbau im 500-Meter-Schutzstreifen. Der Sektor war 17 Kilometer lang. Sobald es an der Grenze auch nur den geringsten Vorfall gab, und sei es, dass sich Krähen auf den Zaun gesetzt und den Alarm ausglöst hatten, musste die Arbeit unterbrochen werden.

„Ihr seid die Zukunft“, rief Charlotte Knappstein den Schülern abschließend zu und bat darum, dass es nie wieder zu Krieg und Teilung kommen möge.