Böckwitz l Von 1945 bis 1989 trennte der Eiserne Vorhang ganz Europa. Doch in seinem Schatten konnte sich die Natur frei entfalten. Es entstand ein Lebensraum für mehr als 1200 gefährdete Tier- und Pflanzenarten, die anderswo bedroht oder längst verschwunden sind. Zugleich stellt der Geländestreifen entlang der ehemaligen Grenze, der einst von Stacheldraht und Wachtürmen dominiert wurde, ein Symbol für die deutsche Geschichte dar. Thüringen übernahm die Vorreiterrolle, erkannte die Bedeutung des Grünen Bandes als erstes Bundesland und erklärte seinen 763 Kilometer langen Abschnitt 2018 zum Nationalen Naturmonument (NNM). Sachsen-Anhalt will jetzt nachziehen und seine 343 Kilometer ebenfalls unter Schutz stellen. Über den Stand der Dinge informierte Dr. Ekkehard Wallbaum, Abteilungsleiter im Umweltministerium, auf dem Grenzlehrpfad bei Böckwitz. Anlass war der Besuch von Dr. Beate Jessel, der Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz (BfN), im Drömling.

Wallbaum bezeichnete das Grüne Band als „einzigartiges Zeugnis der deutschen Geschichte“, das für zukünftige Generationen bewahrt werden solle. Ziel sei es, einen zusammenhängenden Biotop-Verbund zwischen den 30 bestehenden Schutzgebieten in Sachsen-Anhalt herzustellen, von der Elbe bis zum Harz. Das Gesetzgebungsverfahren laufe und solle rechtzeitig zum 9. November, dem 30. Jahrestag des Mauerfalls, in zweiter Lesung abgeschlossen werden. Die Träger öffentlicher Belange stünden dem Vorhaben größtenteils positiv gegenüber, berichtete Wallbaum. Im Rahmen des Beteiligungsverfahrens seien aber auch Forderungen gestellt worden. Beispielsweise solle das Grüne Band weiterhin ohne Einschränkung betreten werden dürfen. Die Hinweise würden ausgewertet und gegebenenfalls in das Gesetz eingearbeitet. Mehr als die Hälfte der geplanten Gebietskulisse befinde sich bereits im öffentlichen Eigentum, weitere Zukäufe sollen erfolgen, die Grundstücke würden der Stiftung für Umwelt, Natur- und Klimaschutz übergeben, erläuterte Wallbaum und versicherte, dass nichts gegen den Willen der Eigentümer unternommen werde. „Von Enteignung kann keine Rede sein“, machte er deutlich. „Die Eigentümer werden keinen wirtschaftlichen Schaden davontragen.“

Grundstücksfragen eher klären

Beate Jessel sah das ähnlich. Der Vorwurf, es werde zu Enteignungen kommen, „ist nicht nachvollziehbar“. Eine Möglichkeit solle vielmehr sein, die Flächen im Rahmen von Flurbereinigungsverfahren gleichwertig zu tauschen. Das Grüne Band in ein NNM umzuwandeln, sei ihrer Ansicht nach „von enormer Bedeutung“. Ihre große Hoffnung ist, dass der Landtag von Sachsen-Anhalt das Gesetz tatsächlich bis zum 9. November verabschiedet. „Wenn man das 30 Jahre nach Öffnung der Grenze nicht schafft, dann würde man eine historische Chance vertun.“ Ihre Sorge: „Andernfalls wird das wieder auf die lange Bank geschoben.“

Horst Wienecke aus Steimke kritisierte, dass die Politik gut daran getan hätte, das Grüne Band bereits unmittelbar nach der Wende zum Thema zu machen. „Damals war das noch in aller Munde.“ Dann würde es heutzutage auch kaum Diskussionen geben. „Im Nachhinein ist man immer schlauer“, entgegnete Jessel. Und Wallbaum erinnerte daran, dass derlei Überlegungen damals nicht mehrheitsfähig gewesen wären, weil die Menschen vom Grenzstreifen nichts mehr hätten wissen wollen. „Aber man hätte die Grundstücksfragen schon mal lancieren können“, blieb Wienecke bei seiner Auffassung.

Wenn das Gesetz kommt, dann werde das Nationale Naturmonument in Sachsen-Anhalt 343 Kilometer lang sein und eine Breite zwischen 50 und 200 Meter haben. Die Gesamtgröße betrage rund 4750 Hektar, wie es hieß. Zusammen mit dem 763 Kilometer langen Abschnitt in Thüringen wäre dann der Großteil des insgesamt rund 1400 Kilometer langen Grünen Bandes in Deutschland unter Schutz gestellt, wusste Jessel. „Aus Brandenburg hört man dazu leider relativ wenig, eventuell nach den Landtagswahlen“, schätzte die BfN-Präsidentin ein.

Bestehende Nutzung erhalten

Klötzes Bürgermeister Uwe Bartels äußerte sich hinsichtlich des NNM-Projektes optimistisch, wusste aber von Bedenken, die es gebe. Beispielsweise hatte es im Jahrstedter Ortschaftsrat massive Vorbehalte gegen das Projekt gegeben. Befürchtet wurde, dass die Stadt Klötze ihre Flächen am Grünen Band ohne Not verkaufe und dort dann nichts mehr zu sagen habe. Außerdem unkten Mitglieder des Ortschaftsrates, dass auf dem Gebiet des NNM dann ähnliche strenge Bestimmungen herrschen würden wie jetzt schon im Drömling und dass man das Grüne Band nicht mehr betreten oder nutzen dürfe. Weiterhin wurde bemängelt, dass es keine Informationen darüber gebe, welche konkreten Pläne es für das Grüne Band nach der öffentlichen Inbesitznahme gebe.

„Ziel ist es, die bestehende Nutzung in extensiver Form zu erhalten“, antwortete Ekkehard Wallbaum auf Nachfrage der Volksstimme. Darüber hinaus sollen Pflege- und Entwicklungspläne aufgestellt werden. Für Details sei es noch zu früh, damit würden sich spezielle Gremien befassen.

Uwe Bartels hoffte bei dem Termin auf dem Grenzlehrpfad bei Böckwitz, dass das NNM-Projekt dazu beitragen werde, Touristen anzulocken und die Erinnerung an die deutsch-deutsche Geschichte zu bewahren. „Und das“, so betonte er, „ist wichtig für ganz Deutschland.“