Drömling l Ohne Wasser keine Kleinlebewesen, ohne Kleintiere wie Würmer kein Storchennachwuchs. Diese einfache Formel erklärt das Prinzip, doch so einfach ist es dann doch nicht. Denn bislang, im Frühjahr/Sommer 2018, fiel zwar extrem wenig Niederschlag, die Störche im Naturpark Drömling und in den Anrainerkommunen ziehen trotzdem vergleichsweise viel Nachwuchs groß. Darüber freut sich besonders Wolfgang Sender, Storchenexperte in der Naturparkverwaltung mit Sitz in Oebisfelde.

„Wir haben 50 besetzte Nester im Drömling gezählt“, berichtet er im Volksstimme-Gespräch. Das sei nach 48 Horsten 2017 wieder ein Rekord. „1990 waren es nur 30 besetzte Nester“, erinnert Sender. „Der Anstieg ist enorm.“ Und wichtig, weil diese Steigerung ein weiteres Kriterium beeinflusst: die Anzahl der flügge werdenden Jungstörche.

Naturpark speichert mehr Wasser

Der Experte erklärt, warum die Adebare im Drömling der Dürre in diesem Jahr ein Schnippchen schlagen können: „Im Drömling, einem Niedermoorgebiet, profitieren die Störche von der Wasserrückhaltung. Zudem war in der Schlupfphase die Trockenheit lange nicht so ausgeprägt. Der Drömling trocknet nicht so schnell aus.“ Deshalb hätten die Altvögel kleine Beutetiere wie Würmer finden können, die Jungstörche gerade in den ersten Wochen benötigen. Weil sie einen langen dünnen Schnabel besitzen, können sie keine größere Beute zerkleinern. Sind sie kräftiger geworden, nehmen sie auch größere Nahrung zu sich.

Bilder

Außerdem leben im Drömling Ost- und Westzieher unter den Störchen. Die Westzieher fliegen zum Überwintern die kürzere Strecke bis nach Spanien, die Ostzieher die lange Route über den Bosporus bis nach Afrika. Beide Gruppen brauchen deshalb unterschiedlich lange Zeiträume für Hin- und Rückflug.

„Das ganze hat sich im Frühjahr gut angelassen“, informiert Wolfgang Sender. „Zwischen dem ersten und dem letzten ankommenden Storch liegen rund eineinhalb Monate.“ Die Folge: Die ersten Jungen schlüpfen bereits, wenn die letzten Paare mit dem Eierlegen beginnen. „Am 24. Januar traf der erste Storch in Mieste ein, das ist extrem früh“, erläutert er. Alle Adebare begannen schnell mit dem Brüten. Durch den zeitlichen Vorlauf fliegen die jungen Adebare beispielsweise in Kunrau und Mieste schon umher. Später geschlüpfte Küken seien in die Trockenphase gekommen. Damit sei es für die Altvögel zum Problem geworden, ihren Nachwuchs mit ausreichend geeignetem Futter zu versorgen, berichtet Wolfgang Sender.

Manchmal geht es grausam zu

Ist das Futter knapp, geht es in der Natur zuweilen grausam zu. Störche werfen zum Beispiel das schwächste Küken aus dem Nest, um die anderen besser versorgen zu können. Ursache für den Größenunterschied sei übrigens nicht, dass die Geschwister das Kleinste mobben würden, räumt Sender mit einem Vorurteil auf. Der Grund dafür seien die langen Zeiträume zwischen den Eiablagen. „Ein Jungstorch kann sein Gewicht an einem Tag verdoppeln“, verdeutlicht der Storchenvater, wie Wolfgang Sender von vielen genannt wird. „In Ausnahmefällen wird ein Junges vom Altstorch gefressen. Das klingt brutal, aber in der Natur wird jede Nahrungsquelle genutzt, keine Ressource wird vergeudet“, begründet der Fachmann. Im Übrigen mache es keinen Sinn, zurückgebliebene Jungtiere durchzufüttern, weil sie den Flug in ihr Winterquartier ohnehin nicht überstehen würden.

Neun Nester blieben 2018 sogar ohne Nachwuchs, wofür Sender mehrere mögliche Ursachen sieht: „Zu junge Störche, Eier waren nicht befruchtet, Fehler beim Aufziehen oder Auseinandersetzungen mit anderen Störchen.“

In diesem Jahr hat Wolfgang Sender mindestens zehn Fälle registriert, in denen junge Störche nachweislich verschwanden. „Die Dunkelziffer ist aber hoch“, sagt er dazu. Um ein endgültiges Ergebnis für 2018 zu liefern, sei es noch zu früh. Deshalb sind die 103 Jungstörche, die bisher in diesem Jahr aufgewachsen sind, als vorläufig zu betrachten. „Angesichts der Bedingungen ist das aber ein ordentliches Ergebnis.“