Klötze l Schwimmen oder in ein Fitnesstudio in Klötze gehen, das hat Benjamin Rotter von seiner Liste gestrichen. In der früheren Kreisstadt ist das für ihn leider nicht möglich. Den beiden Freitzeitbeschäftigungen kann der 29-Jährige nur in anderen Orten nachgehen. Denn im Klötzer Waldbad gibt es keinen Lift im Wasserbecken, noch nicht einmal ein entsprechendes Geländer für einem barrierefreien Zugang. „Wir fahren zum Schwimmen nach Beetzendorf. Im Stölpenbad sind die Bedingungen für Menschen mit einer Behinderung ideal “, erzählt Sylvia Müller, die Mutter von Benjamin Rotter. Auch eine barrierefreie Toilette hält das Beetzendorfer Bad vor. Die gibt es zwar auch in Klötze. Doch beim letzten Besuch war sie zweckentfremdet und leider nicht zugänglich, berichten Mutter und Sohn.

Ähnlich sieht es mit dem Fitnessstudio aus. Zwar gibt es in Klötze ein Studio mit entsprechenden Geräten, doch die, die Benjamin Rotter für den Aufbau von Arm- und Beinmuskeln benötigt, stehen alle in der zweiten Etage. Und dieser Bereich ist für den 29-Jährigen mit seinem Rollstuhl unerreichbar.

Dabei meistert er den Alltag sonst weitestgehend selbständig in seiner barrierefrei umgebauten Wohnung gleich gegenüber dem Elternhaus. Ganz ohne Hilfe geht es zwar nicht, darum hat der frühere Landwirt immer sein Handy dabei. Denn wenn es im täglichen Umgang mit dem Rollstuhl oder Elektromobil mal zu einem Zwischenfall oder sogar Sturz kommt, müssen ihm seine Mutter, seine Schwester oder andere Familienangehörige wieder auf die Beine helfen.

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Die kann der 29-Jährige seit einem Verkehrsunfall im März 2009 nicht mehr ohne fremde Hilfe bewegen. Als Beifahrer erlitt er damals eine Hirnblutung.

Doch Benjamin Rotter, der über ein Jahr lang nach dem Unfall im Wachkoma lag, hat den festen Willen, eines Tages wieder selbstständig gehen zu können. In dieses Ziel investieren er und seine Familie viel Zeit, Geld und Kraft. Seine Schwester Marlen ist nach dem Unfall ihres Bruders sogar mit ihrer Familie extra aus Baden-Württemberg wieder nach Klötze zurückgezogen, um ihrem Bruder zu helfen – sie arbeitet in der Rehabranche.

So kann sie auch gut einschätzen, dass die Bedingungen für behinderte Menschen in der Purnitzstadt nicht ideal sind. Neben Waldbad und Fitnessstudio zählt Sylvia Müller auch die engen Gehwege an der Salzwedeler Straße und die verschiedenen Pflasterarten auf. Die machen ihrem Sohn mit seinem Elektromobil an einigen Stellen schwer zu schaffen, so auf den schmalen Gehwegen mit verschiedenem Pflaster auf dem Weg in den Supermarkt oder in die Stadt.

Rathaus fehlt Schild und Behindertenbeauftrag

„Gut, dass wir keinen Schnee mehr haben. Ansonsten würde es auf den Gehwegen zu einigen Unfällen mit Elektromobilen oder Rollatoren kommen, weil die so eng sind“, schätzt Benjamin Rotter ein. Auch ein Fußgängerüberweg von der Salzwedeler Straße in die Innenstadt wäre notwendig, findet er, weil auch die Bewohner vom Sozialcentrum Altmark in diese Richtung wollen.

Selbst Arztbesuche sind für den 29-Jährigen übrigens zum Teil problematisch. Bis vor einigen Monaten konnte er mit seinem Elektromobil keinen Allgemeinmediziner in Klötze aufsuchen.

Das hat sich zum Glück zum Positiven entwickelt, wie auch der Zugang zum Zahnarzt. Zum Augenarzt muss Sylvia Müller ihren Sohn allerdings nach Lüchow oder Salzwedel fahren, weil die Augenarztpraxis in Klötze nicht barrierefrei ist. Was Mutter und Sohn zudem ärgert, ist, dass es vor dem Haupteingang des Klötzer Rathauses kein einziges Hinweisschild auf den Fahrstuhl im Haus gibt. Das wurde schon des Öfteren angemahnt, habe sich aber bis heute nicht geändert. Sylvia Müller hat dieses Problem bei einem Besuch im Rathaus am eigenem Leib zu spüren bekommen. Abhilfe? Fehlanzeige. Auch dass die Stadt schon lange keinen Behindertenbeauftragten mehr hat, sei doch nicht im Sinne der zahlreichen Menschen, die mit einem Handicap leben, oder auf einen Rollator angewiesen seien, so Müller.

Den Weg in den beruflichen Alltag zurückzufinden, ist für Benjamin Rotter äußerst schwer. Im Vorjahr hatte er im Apenburger Waldbad mal kurzzeitig den Eintritt kassiert. Aber ohne behindertengerechte Toilette war das eine Herausforderung. So musste er von Familienangehörigen für die Notdurft extra nach von Apenburg nach Klötze gefahren werden.

„Ich möchte am gesellschaftlichen Alltag teilnehmen“, betont der 29-Jährige. Doch das sei auch deshalb nicht einfach, weil der Erwerbsunfähigkeitsrentner wöchentlich mehrfach physiotherapeutisch betreut wird.

Um seinen Gesundheitszustand zu verbessern, fährt Benjamin demnächst nach München zu einem Bio-Fitnesscheck, wo seine Gelenke in einer Spezialklinik überprüft werden. Dann regelt seine Mutter die Bürokratie. Die ist nicht weniger geworden. Jüngst hat sie einen halben Tag die Papiere für eine Reha ausgefüllt. Auch so etwas erschwert der Familie das Leben.

Die Hindernisse in der Stadt müssten es nicht, viele wären schon mit kleinem Aufwand zu beseitigen...