Hallo Herr Kelly, hoffentlich störe ich Sie nicht in der Mittagspause?

Jimmy Kelly: Nein, alles okay. Wir haben schon gegessen. Meine Frau hat Hühnersuppe mit Nudeln gekocht. Jetzt bin ich gerade bei der Post und mache Kopien.

Sie sind mit ihrer Band in Kunrau zu Gast. Worauf darf sich das Publikum freuen?

Vor allem auf handgemachte Folkmusik. Ich werde aber auch ein bisschen was aus meinem Leben erzählen. Es wird fröhliche und auch traurige Momente geben. Natürlich, das ist wohl ein Muss, werden wir auch Songs der Kelly Family spielen und zudem neue Stücke, die ich immer gerne live teste.

Haben Sie eigentlich schon mal was von Kunrau gehört oder wird es Neuland sein, das Sie betreten?

Ich bin schon seit Jahren als Straßenmusiker unterwegs, habe viel gesehen und kenne die meisten deutschen Städte. Aber sorry, von Kunrau habe ich noch nie was gehört. Ich bin gespannt.

Organisiert wird Ihr Konzert vom Kulturklub Drömling. Was halten Sie von der Idee, in einer ländlich geprägten Region Kultur anzubieten?Dazu noch in zwei Bundesländern: Sachsen-Anhalt und Niedersachsen.

Ich finde, dass jede Art von ehrenamtlichem Engagement aller Ehren wert ist und Respekt verdient. Und wenn Kultur gefördert wird, dann ist das umso bewundernswerter.

Die Kelly Family ist eine Legende. Welche Erinnerungen haben Sie an die alten Zeiten?

Oje, unheimlich viele. Gute wie schlechte. Da gab es unvergessliche Momente. Wunderschöne, aber auch wunderschreckliche. Armut und Reichtum. Das lässt einen nicht los, das prägt. Ich gehe zur Psychotherapie, um die Vergangenheit aufzuarbeiten. Die schönen Zeiten sind schwer zu toppen. Das schaffen nur meine Frau und meine Kinder. Die Erinnerungen werden mich mein Leben lang begleiten. Eine meiner Schwestern sagt immer, dass wir wie Vietnam-Veteranen sind, weil wir immer von früher erzählen.

Tritt die Familie eigentlich noch gemeinsam auf?

Nein, die meisten von uns machen ihr eigenes Ding. Das letzte Mal, dass wir in voller Besetzung aufgetreten sind, ist bestimmt schon 10 bis 15 Jahre her.

Früher haben Sie mit der Kelly Family weltweit ganze Stadien gefüllt und waren in allen Medien fast täglich präsent. Vermissen sie diesen Trubel?

Nein, den Trubel vermisse ich nicht, nur die Gemeinsamkeit mit meinen Geschwistern. Ich würde mir wünschen, dass wir uns öfter sehen. Klar, auf der großen Bühne zu stehen, war toll. Das gibt dir einen unheimlichen Kick. Aber alles hat seine Vor- und Nachteile.

Sie sind also nicht wehmütig?

Nein, ich bin glücklich darüber, jetzt mein eigenes Ding machen zu können und auf kleineren Bühnen spielen zu dürfen. Ich werde bis Ende Mai 30 Konzerte gegeben haben, von denen 90 Prozent ausverkauft sein werden. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich will nicht meckern, führe ein schönes Leben. Von dem, was ich tue, kann ich gut leben. Ich kenne so viele Künstler, die in den 90er Jahren großen Erfolg hatten und nun einen normalen Job machen.

Früher tourte die Kelly Family mit dem berühmten Doppeldeckerbus über die Lande? Wie handhaben Sie das heute?

Auf Tour sind wir sieben Mann und haben einen kleinen Bus, in den neun Leute reinpassen. Mir würde es nichts ausmachen, darin auch zu schlafen, aber ich bin im Jahr zwischen 50 und 80 Tage unterwegs, dazu noch viele spontane Sachen. Da ist ein Hotel dann doch viel bequemer. Privat habe ich mir aber ein Wohnmobil gekauft. Damit war ich jetzt mit meiner Familie zwei Wochen lang in Süditalien unterwegs. Ich möchte meinen Kindern dieses Gefühl von Freiheit vermitteln.

Haben Sie noch regelmäßigen Kontakt zu Ihren Geschwistern? Was treiben Paddy, Maite, Angelo und all die anderen so?

Wir sind in alle Winde verstreut. Einer wohnt in Spanien, zwei in Irland, einer in Süddeutschland. Joey, Pat, Kathy, Maite und ich wohnen in der Kölner Gegend. Wir fünf sehen uns häufiger, aber auch nicht so oft. Vor allem zu Geburtstagen und zu Weihnachten.

Wie leben Sie eigentlich privat?

Wenn ich mal eine Biografie schreiben sollte, dann würde sie den Titel haben: „Mein Weg zum Spießer.“ Ja wirklich, ich bin ein richtiger Spießer geworden, habe mir ein Haus gekauft und sogar einen Rasenmäher, damit die Nachbarn nicht meckern. Es muss ja alles seine Ordnung haben. Das Wichtigste ist meine Familie. Ich habe drei Kinder. Zwei Mädchen, neun und sieben Jahre alt, und einen Sohn, der ist jetzt 13 Monate alt.

Haben Sie ihren Kindern das musikalische Talent vererbt?

Meine beiden Töchter singen im Schulchor und machen das gerne. Musik ist was Schönes.

Wäre es Ihnen recht, wenn Ihre Kinder ebenfalls eine musikalische Karriere starten würden?

Das sollen Sie selbst entscheiden. Ich werde Ihnen aber sagen, dass das Show-Business nicht gesund ist. Da ist so viel Fake. Die Leute nehmen sich viel zu wichtig. Man gibt viel von sich selber auf und zahlt einen hohen Preis. Das muss man wissen.

Was sind Ihre nächsten Pläne?

Bis Ende Mai bin ich auf Tour. Dann mache ich Urlaub. Im Herbst werde ich wahrscheinlich eine neue Platte aufnehmen und im Winter geht‘s dann wieder auf Tour.