Klötze l Sichtlich verärgert betritt Karin Schulenburg die Redaktion der Volksstimme. In den Händen hält sie ein Schreiben der Wohnungsbaugenossenschaft (WG) Klötze vom 26. August. Darin wird darüber informiert, dass am Gebäude An der Wasserfahrt 58-61 vor den Treppenhäusern der Nummern 59 und 60 zwei Aufzugsschächte errichtet werden sollen. Aufgrund dessen ergebe sich eine Mieterhöhung von rund 95 Cent pro Quadratmeter und Monat. Umlagefähig seien auch die Betriebskosten, die sich aus der regelmäßigen Wartung der Aufzüge ergeben. Erfahrungsgemäß sei von 45 Cent pro Quadratmeter und Monat auszugehen, die erstmals 2021 abgerechnet würden, wie die WG schreibt.

 Schlimmer als diese Nachrichten findet Karin Schulenburg jedoch die beiliegende Duldungserklärung, in der sich die Mieter mittels ihrer Unterschrift bis zum 16. September mit den baulichen Maßnahmen und der Grundmietenerhöhung einverstanden erklären sollen. Andernfalls, so heißt es, sei die WG gezwungen, gerichtliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Wunsch: In Entscheidungen einbinden

„Das ist doch Erpressung, eine Methode aus der Steinzeit, so kann man doch nicht miteinander umgehen“, klagt Karin Schulenburg und beginnt, sich den Groll von der Seele zu reden. „Ich habe immer gedacht, dass es in einer Genossenschaft ein Mitspracherecht gibt, aber so ist das nicht.“ Die 70-Jährige erinnert daran, schon bei der Mitgliederversammlung am 25. Juni auf ihre Bedenken hingewiesen zu haben. Etwa, dass ein Fahrstuhl auch Lärm verursache und dass es bestimmt nicht angenehm sei, wenn der Lift ausgerechnet auf ihrer Schlafzimmerseite hoch- und runterfahre.

Unverständlich ist Karin Schulenburg auch, warum die WG so lange schwieg und erst bei der Mitgliederversammlung auf ihre konkrete Nachfrage hin bestätigte, dass die Aufzugsschächte an ihrem Block entstehen werden.

Die Klötzerin beteuert „kein aufmüpfiger Mensch“ zu sein, der sich über alles aufregt, „aber das geht über meine Hutschnur“. Dass die Fahrstühle gebaut werden, „leuchtet mir ja ein“, sagt sie . Für die älteren Bewohner werde es sicher eine Erleichterung sein und für Jüngere ein Argument, einzuziehen, „aber dass man in einer Genossenschaft in solche Entscheidungen nicht einbezogen und vor vollendete Tatsachen gestellt wird, dass man langjährigen Mietern mit Gericht droht und ihnen die Pistole auf die Brust setzt, wenn sie nicht unterschreiben, das geht zu weit“, schimpft die rüstige Frau, die mit ihren Ansichten nicht allein dastehe, sondern von einigen Nachbarn unterstützt werde. Dass sie sich mit ihren Kritikpunkten nicht direkt an die WG wendet, begründet Karin Schulenburg mit der Sorge, nicht ernst genommen zu werden.

Dass es Mieter gibt, die so wenig Vertrauen haben, enttäucht WG-Geschäftsführerin Heike Meise, die unmittelbar nach der Anfrage der Volksstimme ein längeres Telefonat mit Karin Schulenburg geführt hat. Unter anderem habe sie ihr dabei erklärt, dass es sich bei der Duldungserklärung mitnichten um Erpressung, sondern einen gesetzlich vorgeschriebenen Vorgang handele. „Laut Mietrecht müssen wir darauf hinweisen. Ansonsten würde die Rechtsschutzversicherung nicht zahlen, wenn es zu einer Klage kommt.“

Miete wird im Rahmen gehalten

Dass die Mieter über den Fahrstuhlbau erst bei der Mitgliedeversammlung und auf gezielte Nachfrage unterrichtet wurden, sei ebenfalls keine böse Absicht gewesen. „Ich konnte es nicht sagen, weil noch nicht feststand, dass es Fördermittel gibt.“ Dies sei die Voraussetzung, um eine solche Investition überhaupt in Angriff nehmen zu können.

Die Gesamtkosten für die Modernisierung, das ergibt sich aus der Aufstellung, belaufen sich auf rund 451 000 Euro, davon sind 200 000 Euro Fördermittel, womit ein Rest von rund 251 000 Euro verbleibt. Von diesem Betrag, so erklärt Meise, übernehme die WG 30 Prozent, also etwa 75 500 Euro. Nur dadurch sei es möglich, die Mieterhöhung bei sozial verträglichen 95 Cent pro Quadratmeter und Monat zu belassen.

Meise macht deutlich, dass die WG grundsätzlich bestrebt sei, ihre Mitglieder zufriedenzustellen. Der Altersdurchschnitt liege bei fast 60 Jahren. Fahrstühle trügen dazu bei, den Komfort zu erhöhen. Generell müsse geschaut werden, wie dem Leerstand von mehr als 20 Prozent begegnet werden könne, ohne die wirtschaftliche Vernunft außer Acht zu lassen. „Frau Schulenburg hat das verstanden. Ich bin froh, dass wir das aus der Welt schaffen konnten“, zeigt sich die WG-Geschäftsführerin erleichtert und betont, dass ihr Büro immer offen stehe.

Im Block von Karin Schulenburg würden Ende des Jahres zunächst Brandschutzmaßnahmen ausgeführt. Die Errichtung der Aufzugsanlagen sei ab März 2020 geplant, kündigte Meise an.