Kunrau l In Film und Literatur spielen Steine eine große Rolle. Der Stein der Weisen war das erste Abenteuer von Harry Potter. Die unendliche Geschichte wäre ohne den Steinbeißer nur halb so schön. Und der sprechende Stein gehört zu den treuesten Begleitern von Prinzessin Fantaghiró. Steine sind Relikte der Erdgeschichte, nützlich als Baumaterial oder Schmuck. Oft liegen sie aber auch einfach nur am Wegesrand und werden keines Blickes gewürdigt. Damit ist es jetzt vorbei. Denn seit einigen Monaten gehören Steine zu den Hits in den sozialen Medien.

„Painted Rocks“ heißt der neue Trend, der seinen Ursprung in den USA hat und über den Atlantik nach Europa schwappte. „Mittlerweile gibt es das in ganz Deutschland“, weiß Doreen Fiedler aus Kunrau, die davon Ende 2019 zum ersten Mal hörte. Damals war sie bei einer Freundin in Gifhorn zum Plätzchenbacken eingeladen und erfuhr von den „Okersteinen“. Steine, die selbst die bequemsten Kinder dazu bringen, hinaus zu gehen und mit offenen Augen die Gegend zu erkunden.

Finden, einstecken und „auswildern“

Das Prinzip, so informiert Doreen Fiedler, ist relativ simpel: Steine werden bemalt und irgendwo hingelegt. Im Idealfall wird der Stein gefunden, eingesteckt und woanders wieder „freigelassen“. Gerne kann der Stein auch fotografiert und zum Beispiel auf Facebook gepostet werden.

„Die Steine sollen Freude verbreiten und die Welt ein bisschen bunter machen“, erklärt Doreen Fiedler, die den Trend, bestärkt durch eine Schwägerin aus Brome, nun auch nach Kunrau gebracht hat. Dazu verteilte sie einige Steine in der Gemarkung.

Für die Corona-Zeit dachte sie sich außerdem etwas Spezielles aus: Eine Stein-Schlange, die am Schloss täglich um einige Zentimeter wächst. Davor hat Doreen Fiedler einen Zettel gelegt. Darauf steht: „Liebe Kinder und alle, die daran Spaß haben, malt doch zuhause einen oder mehrere Stein(e) an und legt sie dazu. Mal sehen, wie lang unsere Schlange wird. Wir freuen uns darauf, beob­achten zu können, wie bunt es in unserem Ort werden kann. Lasst uns gemeinsam Freude weitergeben. Wenn wir die Zeit gemeinsam überstanden haben, können wir die Steine auswildern und anderen ein Lächeln ins Gesicht zaubern.“

Die Aktion, so betont Doreen Fiedler, hat sie sich von Ortsbürgermeister Uwe Bock genehmigen lassen. Der hatte nichts dagegen, legte aber Wert darauf, dass das Kontaktverbot eingehalten und die Schlange nicht zum Treffpunkt wird.

Aktion kommt gut an

Für Doreen Fiedler sind die Steine zu einem beliebten Hobby geworden. Jeden Abend geht sie mit ihren Hunden Cookie und Jack spazieren und kommt dabei auch am Schloss vorbei, um die Schlange zu bewundern und die Steine zu zählen. Knapp 200 sind es jetzt, allesamt mit viel Fantasie verziert. Auf einen Stein wurde ein Elefant gemalt, auf einen anderen ein Käfer, außerdem sind Frösche und Enten zu sehen, dazu kunterbunte Farben und Schlagwörter wie „Love“ oder „Peace.“

Das gefällt nicht nur den Teilnehmern, sondern auch den staunenden Betrachtern. „Ein Papa aus Kunrau war ganz enthusiastisch“, freut sich Doreen Fiedler. „Die Steine kommen bei Groß und Klein gut an.“ Einen Hashtag beziehungsweise Namen für die Steine hat sie auch schon: „Ohresteine“. Zwar liegt Kunrau nicht direkt an der Ohre, „aber Drömlingssteine wäre zu lang. Das passt nicht auf die Steine“, die manchmal nicht größer als ein Kiesel sind.

Doreen Fiedler hofft, dass die Schlange weiter wächst, zum Zusammenhalt beiträgt und dass die Krise bald vorbei ist. Dann könnten die „Ohresteine“ mit in den Urlaub genommen und rund um den Globus transportiert werden. Denn ein bisschen mehr Farbe kann sicher nirgendwo schaden.