Magdeburg l Während die Magdeburger sich an die Aufräumarbeiten der Schäden eines Angriffs der 8. US-Luftflotte am späten Vormittag machten, der verschiedene Industrieobjekte in den Vormittagsstunden gegolten hatte, ahnte wohl niemand, dass die Innenstadt in den Abendstunden des 16. Januar 1945 quasi aufhören würde zu existieren.

Was genau den Chef der britischen Bomber bewog, wiederholt den Einsatz auf Magdeburg zu befehlen, ist nicht bekannt. Fakt ist, dass bereits während des amerikanischen Angriffs die Vorbereitungen für den Einsatz der Royal Air Force auf die Elbestadt anliefen.

Vorbereitungen bei 370 Besatzungen

Auf den Flugplätzen im Osten Englands begannen am Abend die Vorbereitungen. Über 370 Bomber wurden für ihren nächtlichen Einsatz präpariert, die Besatzungen für die bevorstehende Mission gebrieft.

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Neben den Maschinen der Pathfinder Force*, bestehend aus 51 Lancaster- und Mosquitobombern*, wurden 322 Halifax Bomber*, die den Hauptverband bildeten, mit der „üblichen“ Beladung bestückt, also je einer 2000-Pfund-Luftmine sowie Containern mit insgesamt über 1000 Stabbrandbomben bzw. Brandkanistern. Weiterhin sollten noch 14 Luftminen mit 4000 Pfund sowie Spreng- und Brandbomben unterschiedlicher Größe durch die Squadrons der Pathfinder Force abgeworfen werden.

Als in Magdeburg das Abendessen zubereitet wurde, herrschte auf den Flugplätzen in Großbritannien Hochbetrieb - die Maschinen wurden startklar gemacht. Die ersten Bomber starteten um 18.11 Uhr. Bis 19.22 Uhr waren alle Maschinen in der Luft.

Bomber sammelten sich über der Nordsee

Die britischen Maschinen sammelten sich über der Nordsee zu einem Bomberstrom und flogen hinter einem Pulk von Störflugzeugen die deutsche Küste an. Während dieser Bomberverband dem direkten Weg auf Route Bremerhaven, östlich Hannover und Braunschweig nach Magdeburg folgte, flogen jene Angriffsverbände, die in dieser Nacht Tröglitz/Zeitz, Brüx (heute Tschechische Republik) und Wanne-Eickel angriffen, über die Niederlande und das Ruhrgebiet in den deutschen Luftraum.

Durch die von den britischen Bombern zwischenzeitlich immer wieder abgeworfenen Stanniolstreifen war es der deutschen Luftverteidigung lange Zeit unklar, welches Ziel die Bomberverbände wirklich hatten. Man vermutete einen starken Angriff auf das Ruhrgebiet und beorderte dementsprechend die Nachtjägerverbände in diesen Bereich. Mehr zufällig trafen die deutschen Maschinen im Raum Hannover-Braunschweig auf den Magdeburger Verband und schossen dort zehn Maschinen ab.

Luftalarm um 21.28 Uhr

Spätestens ab diesem Zeitpunkt war der deutschen Luftabwehr klar, dass es ein weiteres Ziel geben musste. Die Vorwarnzeit für die Magdeburger Bevölkerung reduzierte sich allerdings gegen null. Der Luftalarm wurde um 21.28 Uhr ausgelöst.

Dem britischen Hauptverband voran flogen sieben Mosquito-Bomber und deckten den Luftraum über Magdeburg zum Zeitpunkt der Auslösung des Luftalarms mit Stanniolstreifen ein. Damit waren die Flakbatterien in und um Magdeburg quasi blind. Um 21.31 Uhr fielen die ersten vier 4000-Pfund-Luftminen, abgeworfen von den Mosquito-Bombern auf die Innenstadt. Die ersten Christbäume erhellten den klaren Nachthimmel über der Elbestadt um 21.32 Uhr. Als Christbäume bezeichnete die deutsche Bevölkerung die Beleuchtungsbomben zur Erhellung des Zielgebietes, die kaskadenförmig mit gelblich-weißem Licht an Fallschirmen am Himmel Richtung Erde schwebten und so den Bomberbesatzungen eine gute Sicht auf die Details des Zielgebietes boten.

Die Piloten hatten in der klaren Nacht keine Schwierigkeiten bei der Orientierung. Um 21.35 Uhr setzte der Master Bomber, den Zielpunkt nahe der Johanniskirche und übernahm dann aus einer Höhe von etwa 23.000 Fuß (ca. 7000 Meter) die Koordination des Angriffs.

Masterbomber weist die Flugzeuge ein

Dabei gab er während des gesamten Angriffs per Funk Anweisungen an die eintreffenden Bomber des Hauptverbandes. Die Beleuchter und Zielmarkierer der Pfadfinder signalisierten den anfliegenden Maschinen während des gesamten Angriffs mit grünen und roten Markierungsbomben ihre Zielbereiche.

Die Maschinen des Hauptverbandes flogen zielgerichtet auf Magdeburg zu und griffen die Stadt aus nordwestlicher Richtung an. Immer wieder korrigierte der Masterbomber die angreifenden Staffeln und wies ihnen die Zielmarkierungen zu.

Die Deutsche Luftabwehr versuchte den Angriff wenigstens zu behindern. Suchscheinwerfer erhellten den Himmel und die Flakbatterien rund um Magdeburg schossen aus allen Rohren. Weiterhin war zumindest ein deutscher Nachtjäger im Luftraum über der Stadt unterwegs. Diesem gelang es, einen Halifax-Bomber abzuschießen, der in der Folge am Ortsrand von Olvenstedt abstürzte. Nördlich der Stadt versuchte die deutsche Luftwaffe die angreifenden Maschinen mit falschen Bodenzielmarkierungen in die Irre zu führen. Ein Versuch, der vom Masterbomber erkannt wurde. Der Master Bomber wies die angreifenden Maschinen ausdrücklich auf diese falschen Markierungen hin.

Gegen 22.05 Uhr verließ der letzte Halifax-Bomber den Luftraum über der brennenden Elbestadt und folgte den anderen Maschinen in Richtung Großbritannien.

„Die komplette Stadt scheint von Bränden bedeckt zu sein.“.Diese Einschätzung wurde in fast allen Berichten der einzelnen Maschinen festgehalten, die im Nationalarchiv London eingesehen wurden. Das Glühen der Feuer wurde von den abfliegenden Bombern bis in eine Entfernung von 200 Kilometern beobachtet.

Ausmaß der Zerstörungen am Morgen sichtbar

Das Ausmaß der Zerstörungen wurde erst in den Morgenstunden des 17. Januar 1945 sichtbar. Die Schadensbilanz erstellte der Polizeipräsident als örtlicher Luftschutzleiter am 5. März 1945. In seinem Bericht, der im Nationalarchiv in Washington zu finden ist, gibt er Folgendes an: Rund 2000 Tote, mehr als 6000 Schwer- und Leichtverletzte, 190.000 Obdachlose und fast 4000 Vermisste. 55.000 Wohnungen waren zerstört oder unbewohnbar. Beschädigt oder zerstört wurden auch 22 militärische Anlagen und Unterkünfte, 58 Industriebetriebe, 19 Verkehrsanlagen (darunter der Hauptbahnhof mit Totalschaden), 65 öffentliche Gebäude, 17 Kirchen, 11 Krankenhäuser und Lazarette und 32 Schulen.

*Erklärungen:

Pathfinder Force: Sie markierten die An- und Abflugstrecken sowie Ziel- und Wendepunkte der Bomberverbände.

Lancaster-Bomber: Der meistgebaute Bomber Englands.

Mosquito-Bomber: Die zweimotorigen Maschinen wurden aufgrund ihrer Spitzengeschwindigkeit von über 630 km/h als schneller Bomber bezeichnet.

Halifax-Bomber: Sie zählten ebenso zu den schweren Bombern.