Magdeburg l Wer sich am Freitagmorgen zwischen 4.45 und 8.30 Uhr auf den Bus verlassen hatte, der war in vielen Fällen verlassen. Denn in dieser Zeit war eine Schicht der 80 Busfahrer zählenden Magdeburger Verkehrsgesellschaft in einen unangekündigten Warnstreik getreten. Wie Andreas Reichstein, Verhandlungsführer der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi berichtet, ist der Grund für den Ausstand die am Tag zuvor ergebnislos abgebrochene dritte Runde der Tarifverhandlungen.

Hintergrund: Im Netz der Magdeburger Verkehrsbetriebe (MVB) werden fast die Hälfte der Busse von Fahrern der einhundertprozentigen MVB-Tochter Magdeburger Verkehrsgesellschaft (MVG) gelenkt. Bezahlt wurden diese Mitarbeiter aber nicht nach dem auch für die MVB gültigen Tarifvertrag für den Nahverkehr in Sachsen-Anhalt (TVN), sondern nach einem Haustarifvertrag mit niedrigeren Löhnen. Verdi hatte diesen zum 30. September gekündigt und fordert eine Anwendung des TVN auch für die MVG-Mitarbeiter – gegebenenfalls auch in Schritten. Da keine Bereitschaft des Arbeitgebers zu erkennen gewesen sei, dem nachzukommen, sei der Warnstreik notwendig gewesen.

Annäherung am Morgen

MVG-Geschäftsführer Ulf Kazubke hält dem entgegen: „Aus betriebswirtschaftlichen Gründen ist die Forderung kurz- und mittelfristig nicht umsetzbar.“ Er verweist auf das vorliegende Angebot zu einer Lohnsteigerung um 20 Prozent innerhalb von drei Jahren.

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Immerhin haben sich die Tarifparteien einander jetzt offenbar doch noch angenähert. Andreas Reichstein sagt im Gespräch mit der Volksstimme: „Wir haben uns mit dem Arbeitgeber am Rande des Streiks geeinigt, dass wir zeitnah einen Mechanismus finden.“ Es müsse jetzt darum gehen, einen für beide Seiten tragbaren Kompromiss zu finden. Ähnlich versöhnliche Töne auch seitens der MVG. Ulf Kazubke: „Wir haben Verdi aufgefordert, an den Verhandlungstisch zurückzukehren Weitere Streiks soll es vorerst nicht geben.“

Kritik aus dem Gymnasium

Angesichts der frostigen Temperaturen gab es nicht allein Solidarität, sondern auch massive Kritik an dem Warnstreik. So schreibt Raimund Witte, Schulleiter des Albert-Einstein-Gymnasiums, an die Volksstimme: „Sehr empört und entrüstet bin ich darüber, dass Verdi bei Temperaturen unter minus zehn Grad Celsius morgens durch Streik einen Großteil der Busse ausfallen lässt.“ Da Verdi nicht rechtzeitig über den Streik informiert hat, hätten viele Schüler lange an den Haltestellen gestanden. Der Schulleiter, der selbst Gewerkschaftsmitglied ist und lange im Landesvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) aktiv war, schreibt: „Wer so etwas bei dieser Witterungslage tut, nimmt bewusst Gesundheitsschäden wie Erfrierungen und Erkältungen der betroffenen Bevölkerung in Kauf. Arbeitskampf auf Kosten der Gesundheit von Menschen zu führen, das geht gar nicht.“

Verdi-Verhandlungsführer Andreas Reichstein widerspricht der Einschätzung: „Diesen Vorwurf weise ich zurück.“ Nach dem Scheitern der Gespräche sei eine schnelle Reaktion erforderlich gewesen. Die Alternative anstelle eines punktuellen Warnstreiks sei ein längerer Ausstand gewesen.